Carré 35 (2017)

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Was bleibt von einem Menschen, wenn er tot ist? Vielleicht ein Grabstein, vielleicht ein paar Familienfotos. Der Rest besteht aus nüchternen Urkunden – und jeder Menge Erinnerungen. Was aber, wenn sich jeder anders erinnert? Oder wenn jemand an die Verstorbenen gar nicht mehr erinnert werden möchte?

Carré 35 (2017)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Memories Are Made of This

„Alles beginnt mit einem Friedhof in der Schweiz“, heißt es aus dem Off zu Beginn von Éric Caravacas extrem persönlicher Suche nach seiner toten Schwester Christine, die der französische Schauspieler in seinem ersten Dokumentarfilm Carré 35 filmisch verarbeitet hat. Ursprünglich war Éric Caravaca (Hotel Marysol), der in seiner künstlerischen Vergangenheit bereits Hauptrollen bei Größen des europäischen Autorenkinos wie Patrice Chéreau (Sein Bruder), Constantin Costra-Gavras (Eden is West) oder Werner Schroeter (Diese Nacht) innehatte, gerade nur mit einem Filmteam beim Drehen unterwegs, als er sich angezogen durch eine seltsame Mixtur aus Traurigkeit und Neugier plötzlich im Friedhofsbereich für Kindergräber wiederfand, was ihn innerlich stark aufrüttelte und im Grunde anschließend regelrecht dazu zwang, sich noch einmal eingehender mit seiner eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen. Im Speziellen mit der seiner früh verstorbenen Schwester Christine, die er selbst nie kennengelernt hatte.

Mit drei Jahren soll sie gestorben sein, hieß es bisher immer aus dem Munde seiner Eltern. Ihr junges Leben stand außerdem anscheinend von Beginn an unter keinem guten Stern: „Sie hat bei der Geburt nicht geschrienen. Sie litt unter einem Herzfehler. Abends hat sie zum Schlafen eine Sauerstofflasche gebraucht“, erklärt ihm seine sichtlich nach Worten ringende Mutter zu Beginn von Carré 35 vor der Kamera. Später diagnostizierten die Ärzte Zyanose (Blausucht) bei Christine. Eine seltene Krankheit, woraufhin der Regisseur selbst weiter im Netz recherchiert: Wann tritt sie auf? Und in welchen Verbindungen zu anderen Krankheiten ist sie bekannt?

Christines – und damit auch Caravacas Mutter – fühlt sich durch das plötzlich entfachte Interesse ihres Sohnes Minute um Minute mehr bedrängt. Sie selbst besitzt heute kein einziges (Bewegt-)Bild mehr von Christine. Für sie lebt ihre verstorbene Tochter schon lange nicht mehr, nicht einmal in ihrer Erinnerung. Stattdessen versucht die Mutter des Regisseurs mit dieser schweren innerfamiliären Tragödie bloß irgendwie ihren Frieden zu schließen. Auf Nachfragen antwortet sie mit Pausen, Tränen oder seltsam schroffen Sätzen: „Die Fotos habe ich verbrannt. Die Filme habe ich verbrannt. Ich habe alles verbrannt“.

Gegenüber der spürbaren Aufrichtigkeit des Regisseurs und gleichzeitig ihres Sohnes, der schlichtweg mehr Licht ins Dunkel bringen und sich seine tote Schwester dadurch irgendwie konkreter imaginieren möchte, reagiert die Mutter wiederum überwiegend krude, fast herzlos. „Was willst du mit einem Foto? Es beweinen?“

Und so begibt sich Éric Caravaca im nächsten Schritt auf die Suche nach der Grabstätte von Christine. Auf dem titelgebenden Carré 35 im französischen Friedhof von Casablanca soll sie 1963 begraben sein. „Carré 35 gibt es hier nicht“, erwidert ein Friedhofsmitarbeiter trocken. Trotzdem findet er später doch noch das Grab seiner toten Schwester, das wiederum ohne Foto, dafür allerdings auffällig gepflegt ist, obwohl seine beiden Eltern nach eigenen Aussagen seit dem Tag der Bestattung nie mehr auf diesen Friedhof zurückgekehrt sind. Als der Regisseur kurz danach erfährt, dass Christine in Wirklichkeit das Downsyndrom hatte und sich seine nach Frankreich ausgewanderten Eltern an ihr früheres Leben zwischen Marokko und Algerien keineswegs gerne zurückerinnern, werden die Fragen des Filmemachers nicht weniger ...

Carré 35 ist ein ebenso stilles wie kluges und jederzeit aufrüttelndes Dokumentarfilmessay über Menschlichkeit in Zeiten des Todes und Krankheit unter dem Deckmantel von Zeitgeschichte und Gesellschaftsmoden. Zugleich ist Éric Caravaca starkes Dokumentarfilmdebüt die filmisch facettenreiche Auseinandersetzung eines diskursiven Autorenfilmers mit einer Vielzahl von Familiengeheimnissen aus postmigrantischer Perspektive, die wiederum spürbar in die komplizierte (post-)koloniale Geschichte Frankreichs eingebunden sind.

Dabei schwebt Verdrängung als zentraler Begriff über diesen 67 dicht komponierten Minuten, in denen gleich mehrere Wunden – persönlicher wie nationaler Art – aufgerissen werden. Was bleibt sind weniger die Antworten, sondern in erster Linie die brennenden Fragen nach Identität und Humanität zwischen den 1930er und 1960er Jahren in einem tief verunsicherten Kontinent namens Europa, aus dem die Grande Nation keinesfalls als strahlende, sondern mehrheitlich herzlose Siegermacht hervorgegangen ist.

Carré 35 (2017)

In seinem Film "Carré 35" macht sich der Regisseur Éric Caravaca auf die Suche nach der Geschichte seiner verstorbenen Schwester. Die kleine Charlotte wurde nur drei Jahre alt und starb bereits vor der Geburt ihres Bruders. Niemand in der Familie mag über den Verlust sprechen, alles, was an sie erinnert, wurde weggeworfen. Und als sie von ihrem Sohn darauf angesprochen werden, widersprechen sich Caravacas Eltern massiv. Also macht dieser sich auf die Suche nach der Wahrheit ...

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