Can't Be Silent

Can't Be Silent

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Von der Notwendigkeit, auf sich aufmerksam zu machen

Von Asylbewerbern in Deutschland hört man in der Regel nur dann etwas, wenn Schlimmes passiert. Wenn ein Heim von Neonazis in Brand gesteckt wird oder wenn ein besonders tragischer Einzelfall es mal in die Presse schafft. Aktuell ist mit Edward Snowden ausgerechnet ein US-Amerikaner der weltweit berühmteste Asylbewerber. Doch statt unsere Aufmerksamkeit auf die Situation der Flüchtlinge in Deutschland zu lenken, vergrößern prominente Fälle wie jener im Grunde nur unseren blinden Fleck. Der Dokumentarfilm Can’t Be Silent hat im doppelten Sinne das Potenzial, uns die Augen zu öffnen. Filmemacherin Julia Oelkers begleitet ein Projekt des Musikers Heinz Ratz, der 2012 mit mehreren Asylbewerbern durch Deutschland getourt ist. Durch ihre Musik und ihre Texte können die Künstler dem Konzertpublikum und somit auch uns ihre Situation vor Augen führen. Gleichzeitig ermöglicht es das Medium Film, noch einen Schritt weiter zu gehen und die Lebenssituation und Geschichte der einzelnen Protagonisten genauer zu betrachten.
Strom & Wasser feat. The Refugees heißt die Band, die Heinz Ratz ins Leben gerufen hat. Nachdem er im Rahmen einer Tour verschiedene Flüchtlingslager besucht hatte, entwickelte er die Idee, musikalische Asylbewerber mit auf die Bühne zu holen und mit ihnen eine CD aufzunehmen. Für diesen Einsatz erhielt er sogar eine Auszeichnung der Bundesregierung, die er jedoch mit gemischten Gefühlen entgegennahm. Lieber wäre ihm wohl, die Regierung würde sich für bessere Bedingungen in den Asylantenheimen einsetzen.
Die Einblicke in die kargen Behausungen sind erschreckend. Nicht überall wird Julia Oelkers Eintritt gewährt, aber dort, wo ihre Kamera sich umschauen darf, sieht es trist und beengt aus. Doch die Qualität der Unterkünfte ist das kleinere Problem. Viel stärker leiden die Betroffenen unter der eingeschränkten Bewegungsfreiheit und der permanenten Angst vor Deportation. Nuri, einer der Rapper der Band, berichtet von der Auflage, nicht einmal das Stadtgebiet verlassen zu dürfen, um Freunde in einem der umliegenden Dörfer zu besuchen. Alle Protagonisten berichten gleichermaßen von dem Gefühl eingesperrt zu sein. "Das ist kein Heim, das ist ein Gefängnis", beurteilen sie ihre Unterkunft.

Mit Heinz Ratz auf der Bühne zu stehen bedeutet also vor allem eins: Freiheit. Und die Freude über diese Errungenschaft ist den Künstlern buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Egal wie deprimiert oder frustriert sie sich in den Interviews zeigen, sobald sie singen oder musizieren, beginnen die Augen zu leuchten und die Mundwinkel heben sich zu einem Lächeln. Dabei verzichtet Julia Oelkers darauf, diesen Gegensatz in Szene zu setzen, die Ereignisse zu dramatisieren. Can’t Be Silent ist im Grunde nichts anderes als ein Tour-Video, das hauptsächlich aus musikalischen Performances und Interviews mit den Künstlern besteht. Die Regisseurin selbst tritt dabei kaum in Erscheinung und spricht nur dann, wenn sie auch vor der Kamera zu sehen ist. Ein erklärendes Voice Over gibt es nicht. Hierdurch fehlen leider auch Informationen zum deutschen Asylrecht, die die gezeigten Einzelschicksale in einen Kontext hätten einbetten können. Der Verzicht auf die Darstellung der Gegenseite, auf eine Erklärung für den Status Quo, lässt Can’t Be Silent zuweilen als sanften aber auch undifferenzierten moralischen Zeigefinger erscheinen.

Julia Oelkers will nicht aufklären oder evaluieren. Ihre Absicht deckt sich mit der von Heinz Ratz: Sie gibt den Protagonisten eine Bühne, auf der sie sich selbst erklären können. So erfahren wir also nur das, was die Protagonisten, Ratz eingeschlossen, von sich aus mit uns teilen wollen. Und so fehlt auch die klassische Texttafel am Ende, die uns über den weiteren Verlauf der Einzelschicksale hätte informieren können. Julia Oelkers lässt uns absolut im Unklaren darüber, was mit den Figuren aus dem Film zukünftig passieren wird. Dass wir aber unbedingt wissen wollen, wie es für Nuri und die anderen weitergeht, zwingt uns zur anhaltenden Beschäftigung mit dem Thema. Zudem ist diese Art des offenen Endes nur konsequent, um die Situation der Protagonisten widerzuspiegeln. Keiner der Musiker weiß, ob und wie lange er noch in Deutschland bleiben darf. Es ist nur fair, dass auch wir auf diese Information verzichten müssen.

Can't Be Silent

Von Asylbewerbern in Deutschland hört man in der Regel nur dann etwas, wenn Schlimmes passiert. Wenn ein Heim von Neonazis in Brand gesteckt wird oder wenn ein besonders tragischer Einzelfall es mal in die Presse schafft. Aktuell ist mit Edward Snowden ausgerechnet ein US-Amerikaner der weltweit berühmteste Asylbewerber.
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