Butterfly - Der blonde Schmetterling

Butterfly - Der blonde Schmetterling

Eine Filmkritik von Thorsten Hanisch

Stars am Abgrund

Ich liebe Filme wie Butterfly – Der blonde Schmetterling. Total. Ich weiß, ich sollte es nicht tun. Ich weiß, die folgenden Zeilen sollten eigentlich auf die inhaltlichen Schwächen, die chargierenden Darsteller und die schmierige Altherren-Käsigkeit hinweisen und zum Schluss sollte ein naserümpfendes "Bloß nicht kaufen!" als Fazit folgen. Aber ich kann einfach nicht. Denn Scheitern ist auch Kunst. Und hier hat man wahrlich große Kunst produziert.
Jeff, der Aufseher einer Silbermiene, verfällt Ende der 1930er Jahre der blutjungen Kady. Sie bezirzt ihn nach allen Regeln des Lolita-Handbuchs; er kann auch seinen Saft kaum bei sich behalten, aber so einfach ist es nicht, denn Jeff ist ihr Vater. Was tun? Zumal ein Ex-Verlobter aus ihrer Vergangenheit auftaucht, Kady überraschenderweise bereits ein Kind hat und über ein offenbar recht sprunghaftes Wesen verfügt. Zudem sind die Verwandtschaftsverhältnisse doch nicht so einfach wie gedacht. Was dem Drehbuch aber nichts ausmacht, da es einfach Ereignisse runterperlen lässt wie Schweißtropfen im Sommer. Kady will ganz arg, Jeff nicht, schleppt sie zur Kirche, in der nächsten Szene überlegt er sich's plötzlich doch anders und wird wegen ihr sogar zum Dieb, Kady will jemand anderen, dann doch nicht, todkranke Ex-Frau von Jeff erscheint ohne Vorwarnung, düstere Geheimnisse, Prügeleien, Gerichtsverhandlungen...

Butterfly basiert auf einem Roman von Noir-Papst James M. Cain, der mit Wenn der Postmann zweimal klingelt, Double Indemnity, Mildred Pierce und so weiter und so fort zeitlose Klassiker ohne Ende im Repertoire hat. Ich habe das 1946 erschienene Buch leider nie gelesen, aber es ist schwer vorstellbar, dass die Vorlage genauso rumpelig und sympathisch-schäbig daherkommt wie die Verfilmung. Und beim Blick auf die Credits erhärtet sich dann auch schnell der Verdacht, wer hier wirklich mit der ganzen Kraft seiner Lenden gearbeitet hat, denn Regisseur und Co-Drehbuchautor war Matt Cimber, Tarantino-Favorit und letzter Ehemann von Jayne Mansfield. Einst gut am Broadway beschäftigt, ruderte er in den 1970er Jahren von Tennessee Williams zu allerhand weitaus weniger feingeistigerer Kost (The Black Six, Africanus Sexualis (Black Is Beautiful), Hundra - Die Geschichte einer Kriegerin), die man je nach persönlicher Obsession durchaus ansprechend finden kann (Ich tue es - schuldig, eurer Ehren!). Der Verdacht liegt allerdings nahe, dass ohne Heiligsprechung von Tarantino die cimberschen Werke heutzutage in erster Linie Staub auf dem cineastischen Zeitstrahl wären. Bei Butterfly bekam der Grobreiz-Meister zudem noch Hilfe beim Drehbuch von B-Movie-Urgestein John F. Goff, Freunden niederer Unterhaltung durch knallige Marktschreier-Titel wie Drive In Massacre, Der Tod kommt auf sechs Beinen oder Tödliche Gier bekannt.

Doch es handelt sich keineswegs um einen B-Film, die schwitzige Erotikdrama-Kasperei wurde immerhin mit zwei Millionen Dollar finanziert. Die wiederum dem Ehemann der Hauptdarstellerin zu verdanken sind. Der 53jährige Geschäftsmann Meshulam Riklis ehelichte 1977 die 23jährige Pia Zadora, die zuvor mit wenig Erfolg am Broadway arbeitete und ebenso erfolglos 1964 mit dem Heuler Santa Claus Conquers The Martians versuchte, ins Filmgeschäft einzusteigen. Riklis ließ sich nicht lumpen und spendierte seiner Gattin anstatt Handtaschen und anderem Klimbim eine ganze Karriere, deren Start Zadoras Durchbruch als Dubonnet-Girl war (Shareholder des amerikanischen Dubonnet-Vertriebs: Riklis). Irgendwann wollte Pia aber mehr: "Du, Schatz, krieg ich zu Weihnachten einen eigenen Kinofilm?" - "Kein Ding, Baby!"

Da Stacy Keach, Orson Welles, James Francicus, Stuart Whitman, Ed McNahon und Ennio Morricone gerade auf der Party waren, wurden die gleich eingetütet, Butterfly flatterte kurze Zeit später über die Leinwand und brachte nicht nur die Kritiker zum Lachen: 10 Nominierungen für die Goldene Himbeere waren die Ausbeute. Wundersamerweise allerdings auch ein Golden Globe für Zadora, die sich in diesem Jahr gegen Elizabeth McGovern und Kathleen Turner durchsetzte. Den es aber vielleicht auch nur gab, weil Pias Göttergatte ausgesuchte Mitglieder der Hollywood Foreign Press Association nach Las Vegas einlud. Ein Schelm, wer Böses denkt.

Butterfly jedenfalls ist, wie weiter oben schon angedeutet, das Äquivalent eines Groschenromans geworden. Dramaturgisch so holprig wie eine Fahrradtour über einen Kieselstrand und mit einer Hauptdarstellerin gesegnet, die aussieht wie die Mattel-Version von Brigitte Bardot und mit ihrer Chipmunk-Stimme ihre spielzeugpuppenhafte Ausstrahlung noch untermauert. Stacy Keach, eigentlich ein ganz hervorragender Schauspieler, läuft mit einer völlig verkniffenen, sagenhaft lustigen "Ich würde sie so gerne bumsen! - Nein, ich darf nicht! - Ich würde sie so gerne bumsen! - Nein, ich darf nicht! etc."-Mimik durch den Film und als Sahnehäubchen obendrauf gibt's noch einen völlig auseinandergequollenen Orson Welles, der in einer sinnfreien, erbärmlich gespielten Highlight-Szene, die in einem frühen Planungsstadium vermutlich "sexy" wirken sollte, Pia Zadora ganz nah an das Richterpult treten lässt, um sich von ihr zwecks Alkoholkontrolle anhauchen zu lassen, was von beiden Schauspielern auf grundverschiedenen Planeten (Zandora: Porno, Welles: "Wo bin ich hier?") gespielt wird. Einfach aus den Socken werfend, wie alles in und um diesen Film herum. Toll!

Kurz: Butterfly - Der blonde Schmetterling ist auf seine Weise ein Stück Filmgeschichte, man muss es nur zu würdigen wissen und wer das weiß, wird glücklicher weiterleben.

Butterfly - Der blonde Schmetterling

Ich liebe Filme wie "Butterfly – Der blonde Schmetterling". Total. Ich weiß, ich sollte es nicht tun. Ich weiß, die folgenden Zeilen sollten eigentlich auf die inhaltlichen Schwächen, die chargierenden Darsteller und die schmierige Altherren-Käsigkeit hinweisen und zum Schluss sollte ein naserümpfendes "Bloß nicht kaufen!" als Fazit folgen. Aber ich kann einfach nicht. Denn Scheitern ist auch Kunst. Und hier hat man wahrlich große Kunst produziert.
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