BrückenJahre

BrückenJahre

Eine Filmkritik von Stephan Langer

David gegen Kohliath

Ein sorbisches Sprichwort lautet: "Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter." Seit vielen Jahrzehnten befindet sich am östlichsten Teil der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen das Lausitzer Braunkohlerevier. Dort spielt auch die ein bereits lange schwelendes Politikum aufgreifende Dokumentation BrückenJahre von Peter Benedix. Zu Beginn sehen wir direkt beeindruckende, erhaben anmutende Aufnahmen von arbeitenden Kohlebaggern: die Luft staubt smogartig – in der DDR wurden solche Verhältnisse in der Wetteransage "Industrienebel" genannt –, rotbraun getünchte, impressionistische Industrieromantik à la William Turner. Direkt danach sehen wir die Menschen eines Dorfes, die in gemeinschaftlicher Anstrengung einen Maibaum aufstellen. Damit sind wir bekannt gemacht mit den beiden oppositionellen, sich im tragischen Clinch befindenden Protagonisten des Films: die schwedische Vattenfall AG als internationaler Vertreter der alteingesessenen Bergbauindustrie und die Dorfbewohner des zukünftig von einer Umsiedlung bedrohten brandenburgischen Dorfes Kerkwitz.
BrückenJahre umspannt eine Zeitspanne von sechs Jahren. Von 2008 bis 2014 hat Benedix das Schicksal begleitet und den Film in zwei Teile – schlicht "Damals" und "Heute" – unterteilt. Das "Damals" ist in schwarz-weiß aufgenommen. So werden wir Zeuge, wie ein stolzer Minister in Kerkwitz den Reitertag eröffnet, doch die überall sichtbaren Schilder auf den Dorfstraßen sprechen eine andere Sprache als ausgelassene Feierei: "Unsere Heimat" steht da oder "Schönes Kerkwitz – wie lange noch?" Es ist ein stiller Schatten, der über allem liegt. Dramaturgisch ist es ein cleverer Zug des Regisseurs, uns die Bewohner zu Beginn als gemeinsam widerständig kämpfende Truppe vorzustellen, die bei allen Sympathien einheimst, wenn sie teils verzweifelt davon erzählen, dass die sichere Zukunft ihrer Kinder, und überhaupt: ihre gesamte Existenz, auf dem Spiel steht. In der Folge bekommt diese emotionale Perspektive argumentative Risse: der Film fächert die Perspektive auf den Themenkomplex "Heimat, Arbeit, Umsiedlung" immer weiter auf und lässt immer mehr kluge Standpunkte auf den Tisch kommen, zu denen es auch allermeist kluge Gegenstandpunkte gibt.

Alle Bewohner befinden sich in einem schizophrenen Zustand, zwei Herzen schlagen in ihrer Brust: einerseits haben sie sich an der Problematik teils bis aufs Äußerste psychisch aufgerieben und versuchen andererseits trotzdem ihren normalen Alltag zu meistern und sich dabei nicht unterkriegen zu lassen. Viele demonstrieren gegen Vattenfall, arbeiten aber gleichzeitig beim kritisierten Konzern. Alle machen weiter, als wäre nichts, wer kann es ihnen verdenken, keiner kennt dabei seine Zukunft oder die der betroffenen Dörfer. Diese ungewisse Zukunft, sie scheint die unsichtbare Hauptperson zu sein in BrückenJahre, am ehesten symbolisiert durch einen jungen Kerkwitzer, der sich mit Hilfe seiner Freunde und Eltern ein verlassenes Haus renoviert, um dort mit seiner schwangeren Freundin einzuziehen.

Mit der Zeit blättern die trotzigen Protestschilder langsam ab, wir gehen in das "Heute" über und damit auch in farbige Bilder, die sich gegen Ende mit Schwarz-Weiß-Bildern, also Stimmen und Stimmungen von früher, abwechseln. Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich, genau wie sich die beiden Seiten immer mehr zu einem Panorama vermischen, ja fast schon verheddern durch die zahllosen Facetten der Wohl-und-Wehe-Problematik des Braunkohleabbaus. Eine Verfassungsbeschwerde wird vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen, Relativierungen finden von Konzernseite statt, alle werfen sich gegenseitig Ignoranz vor, Politiker verschleiern sich in doppelter Verneinung: an einer Stelle sagt der Wirtschaftsminister von Brandenburg, er "kann nicht sagen, dass die Dörfer nicht in Anspruch genommen werden". "In Anspruch nehmen" heißt für den Tagebau in Anspruch nehmen, was eine Ausradierung des Dorfes zur Folge hätte. Die Demonstrierenden werden mit den Jahren weniger, die Dorfgemeinschaft ist doch heterogener als der gemeinsame Kampf zu Beginn angedeutet hat, was man als Zuschauer fast ein bisschen schade findet. Anhand der vielen geschilderten Argumente von allen Seiten kann es aber wohl jeder im Publikum nachvollziehen – falls man den Überblick behält. Zu allem Überfluss kommen ja auch immer wieder die Bilder der Kohlebagger und der Kraftwerke als seltsam meditative Pausen zwischenrein. Sie verbildlichen auf schöne Weise einen unterschwelligen Konflikt des Zuschauenden: eigentlich ist der Ausstoß der Schlote umweltschädlich und schadet dem Grundwasser, doch der Qualm formt fast schon betörende Wolkengemälde.

An einer Stelle von BrückenJahre bringt ein Gegner der Braunkohle es vielleicht auf den einzigen Punkt, bei dem es sich im verhedderten Argumentationswirrwarr zu verweilen lohnt: am Ende verbleibt als einzige Lösung, gewusst zu haben, dass man gekämpft hat bis zum Letzten. Vom individuellen Gefühl hilft das, wenn man irgendwann wirklich einmal alles abgeben muss, sagt der Mann aus eigener Erfahrung, hat er doch persönlich genau dieses Schicksal erlitten. Manche sind auch, wenn nicht zu Zynikern, dann zu Realisten im Kampf geworden: "Das gibt’s nur in der Bibel, dass der Kleene da jewinnt." An einer anderen Stelle meint eine langjährige Bergarbeiterangestellte von Vattenfall, dass "ein gesundes Maß" von allem notwendig wäre, um die Not zu wenden. Leider gibt es in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem so etwas wie ein gesundes Maß nicht. 245 verlassene Orte gibt es dagegen schon. 102.050 Menschen wurden umgesiedelt. Es gibt noch 12 Milliarden Tonnen nicht abgebaute Braunkohle in der Lausitz. Das sind Ressourcen für weitere 200 Jahre.

BrückenJahre

Ein sorbisches Sprichwort lautet: "Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter." Seit vielen Jahrzehnten befindet sich am östlichsten Teil der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen das Lausitzer Braunkohlerevier. Dort spielt auch die ein bereits lange schwelendes Politikum aufgreifende Dokumentation "BrückenJahre" von Peter Benedix.
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