Breathless - Dominance of the Moment

Breathless - Dominance of the Moment

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Von der Magie der Zeit

Wer kennt das Phänomen der Zeitverknappung nicht, unter dem wir alle leiden? Ständig sind wir auf dem Sprung, unterwegs nach irgendwohin, haben selten oder nie die Zeit, an einem Ort und in einer Stimmung zu verweilen, sondern bewegen uns gehetzt und gestresst von A nach B, von Termin zu Termin und kommen uns oft vor wie ein Hamster in seinem Laufrad – bis wir schließlich am Ende unseres Lebens aus der Zeit fallen. Doch wo bleiben wir selbst bei all dieser Hektik? Verlieren wir uns nicht selbst in all unserem Bemühen, an der einen Stelle Zeit einzusparen, um sie dann anderswo bedenkenlos zu verpulvern? Was macht diese Atemlosigkeit mit uns? Die deutsch-tschechische Dokumentarfilm-Kompilation Breathless – Dominance of the Moment widmet sich genau diesem beherrschenden Gefühl, dieser modernen „conditio humanae“, die fast alle von uns umtreibt und erkundet die unterschiedlichen (auch filmischen) Formen und Strategien, mit der chronischen Beschleunigung oder Verlangsamung der (subjektiven) Zeit umzugehen.
In Milltown, Montana erzählt Rainer Komers vom Stillstand und vom Vergehen, vom Zerfall und vom Neuentstehen einer Kleinstadt in den USA, die einstmals eines der wichtigsten Zentren des Bergbaus in Nordamerika war. Doch der jahrzehntelange Raubbau an der Natur hat seine Spuren hinterlassen, die Böden der Gegend sind mit giftigem Schlamm kontaminiert, so dass die Behörden der Natur ein Moratorium verordnet haben, um die Folgen der Vergangenheit auszumerzen. Gleichzeitig hat in dem Städtchen ein schleichender Wandel eingesetzt, der das Gesicht des Ortes verändert. In ruhigen Einstellungen und ohne jeden Kommentar, aber mit einem atmosphärischen Soundteppich berichtet der Film von den langsamen Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt.

Jan Gogolas Beitrag I Love My Boring Life bildet die Antithese zum festgestellten Phänomen der Atemlosigkeit. In seinem Film erzählt der tschechische Autor und Filmemacher von der hinreißenden und nur auf den ersten Blick langweiligen älteren Pragerin Alena Nemcová, die ihr Leben der intensiven Selbstbetrachtung gewidmet hat. Nach außen hin unscheinbar, entwickeln die Aufzeichnungen zu Alltäglichem, Familiärem und der großen Politik jedoch einen treffenden und manchmal mehr als skurrilen Kommentar auf die Welt, in der wir leben.

Der Selbstbetrachtung in Form eines Tagebuchs widmen sich auch die beiden Filmemacher Marie-Catherine Theiler und Jan Peters in ihrem rasend-komischen Beitrag Time’s Up. Während der Schwangerschaft Marie-Catherines filmen sie ihr atemloses Leben und kämpfen verbissen und vergnügt gegen ihre Hektik, gegen Terminstress und drohende Deadlines an. Die sehr lebendige und vitale Collage aus unterschiedlichsten Stilmitteln und Perspektiven, die oftmals bewusst an Darstellungsweisen des Amateurhaften und Dilettantischen anknüpft, bildet eine ebenso vergnügliches wie nachdenkliches Reflektion zum modernen Leben und karikiert ganz nebenbei unseren Wahn, die Zeit effizienter zu gestalten.

Anca Miruna Lazarescu erzählt in Es wird einmal gewesen sein von einem wahrhaftigen „work in progress“, das Zeit in viel größeren Dimensionen denkt als wir das gewohnt sind. In der Kirche von Halberstadt im Harz wird seit dem 5. September 2000, dem 88. Geburtstag des Avantgarde-Komponisten John Cage, dessen Orgelstück 2/ASLSP aufgeführt – und zwar so langsam, dass es erst (zumindest rein rechnerisch) im Jahre 2640 zu seiner Vollendung kommen wird. Wobei die Langsamkeit durchaus zum Konzept des Schöpfers dieses Musikstückes gehört – schließlich bedeutet der Titel „As Slow As Possible“. Aus der Interaktion der Initiatoren und der zumeist verwirrten Besucher der Kirche entsteht eine skurrile Betrachtung über das Wesen der Kunst, die stets nach Ewigkeit strebt und der Unfassbarkeit einer Dimension, die so weit über das eigene Leben hinausreicht.

Das Projekt Breathless – Dominance of the Moment wurde von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm DOK Leipzig und dem Dokumentarfilminstitut (IDF) in Prag initiiert. Aus mehr als 130 Einreichungen aus beiden Ländern wurden schließlich fünf ausgewählt, von denen in der Kinofassung die vorgestellten vier Beiträge zu sehen sind. Auf der später erscheinenden DVD wird dann auch der fünfte Beitrag enthalten sein.

Zugegeben, kurze Dokumentarfilme wie diese finden ansonsten (außerhalb des Festivalbetriebs) selten den Weg in die regulären Kinos. Doch weil diese vier abwechslungsreichen und klug ausgewählten Beiträge gerade zum Jahresende, einer Zeit des Innehaltens, bestens passen, empfiehlt es sich, den Weg ins Kinos zu suchen. Und sei es nur, um sich für eine Weile von der Hektik des Alltags zu erholen.

Breathless - Dominance of the Moment

Wer kennt das Phänomen der Zeitverknappung nicht, unter dem wir alle leiden? Ständig sind wir auf dem Sprung, unterwegs nach irgendwohin, haben selten oder nie die Zeit, an einem Ort und in einer Stimmung zu verweilen, sondern bewegen uns gehetzt und gestresst von A nach B, von Termin zu Termin und kommen uns oft vor wie ein Hamster in seinem Laufrad – bis wir schließlich am Ende unseres Lebens aus der Zeit fallen.
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