Brand Upon the Brain!

Brand Upon the Brain!

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Crazy, sexy, wild

Guy Maddins Brand Upon the Brain! war nicht allein aufgrund der bizarren Begleit- und Aufführungsumstände einer der bemerkenswertesten Filme der Berlinale 2007. Mit einem 35-köpfigen Orchester, drei Geräuschemachern und Isabella Rossellini als Live-Sprecherin erlebte das neuste Werk des kanadischen Regie-Exzentrikers in der Deutschen Oper seine begeistert gefeierte europäische Erstaufführung. Wobei das Publikum auch lange nach dem Film noch rätselte, ob dieses exaltierte Stummfilmwerk tatsächlich wie behauptet zahlreiche autobiografische Züge trägt. Bei aller Liebe zur Übertreibung und zu kindlich-überbordender Fantasie: Der Film ist in erster Linie eine cineastische ‚gothic novel‘ mit der Ästhetik und den augenzwinkernden Stereotypen früher Horror- und Detektivfilme sowie allenfalls (hoffentlich) wenigen Spurenelementen aus dem realen Leben des kanadischen Filmemachers.
Gleich zu Beginn offenbart sich der Film als „Rememberance in 12 chapters“ und führt vom Hier und Jetzt des Regisseurs zurück in dessen skurrile Vergangenheit — und zwar in die Kindheit von Guy (Sullivan Brown) und seiner halbwüchsigen Schwester Sis (Maya Lawson), die auf der entlegenen Insel Black Notch aufwachsen. Dort führte die herrische Mutter einst mit strenger Hand ein Waisenhaus in einem Leuchtturm, während der Vater wie ein „mad scientist“ stets mit geheimnisvollen Tüfteleien und Erfindungen beschäftigt war, von denen eigentlich niemand ahnte, was er in seinen Laboren und Kellern wirklich forschte. Dass mit den Eltern etwas nicht stimmt, ahnt man schnell. Denn wie anders sind die Kopfverletzungen zu erklären, die manche der Waisenkinder aufweisen? Als die geheimnisvolle Wendy (Katherine E. Scharhon), auftaucht, eine Hälfte des legendären Detektivduos „The Lightbulb Kids“ (auch Wendys Bruder Chance wird von der gleichen Schauspielerin verkörpert), verlieben sich sowohl Guy als auch seine Schwester in das Mädchen. Auch die grausigen Geheimnisse von Guys Eltern werden dem Vergessen entrissen. Zutage kommen Entdeckungen, die schmerzen: Die eigenen Eltern stellen sich als wahre Monstren heraus, als Vampire, wie man sie sonst nur aus Filmen kennt…

Guy Maddin ist ein im positiven Sinne Verrückter, der in diesem Film wie in allen seinen Werken wild in der Filmgeschichte plündert und der mit eindringlichen, auf befremdliche Weise vertrauten Bildern eine Geschichte voller Fantastik und unzähligen Bezügen auf die Filmgeschichte von der ersten bis zur letzten Minuten zu faszinieren weiß. Brand Upon the Brain! ist ein Werk voller anarchistischer Freude am Erzählen und an den unwahrscheinlichsten Geschichten, an Halluzinationen, Erinnerungen und psychischen Befindlichkeiten, an Trash und Hochkultur, ein hybrides Gebilde zwischen Expressionismus und Experiment, Freud und Spielfreude. Der Autodidakt und manische Filmbesessene Guy Maddin erweist sich einmal mehr als eine Art Quentin Tarantino des abseitigen, experimentellen Kinos. Wie jener, so hat auch er sich alles, was er über das Kino weiß, nicht an einer Filmhochschule angeeignet, sondern als im wahrsten Sinne des Wortes liebender Dilettant. Und so ist sein Streifzug durch das Kino — ähnlich wie das bei den Filmen Tarantinos der Fall ist — in keiner Weise akademisch, sondern ganz und gar verrückt, verspielt und voller Lust auf das Makabre, das Abseitige, das Mystische und Mysteriöse.

Auch wenn Brand Upon the Brain! nun ohne Stummfilmorchester, Geräuschemacher und Erzählerin gezeigt wird, so ist dies dennoch ein Avantgarde-Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Zumal im Vergleich zu manch anderen Unwahrscheinlichkeiten, denen wir uns im Kino aussetzen, Maddin vor allem auf die Kraft seiner kuriosen Bilder setzt und nicht auf den ohrenbetäubenden Lärm von Explosionen und all dem anderen Schnickschnack.

Neben Sion Sono gleichfalls atemberaubenden, verstörend-schönen Love Exposure ist Brand Upon the Brain! der wohl verrückteste, wildeste und zärtlichste Film, der in diesem Jahr in die Kinos kommt. Und ganz nebenbei ist Maddins große Leinwandoper eine wundervolle Hommage an das Kino der Zwanzigerjahre.

Brand Upon the Brain!

Guy Maddins „Brand Upon the Brain!“ war nicht allein aufgrund der bizarren Begleit- und Aufführungsumstände einer der bemerkenswertesten Filme der Berlinale 2007. Mit einem 35-köpfigen Orchester, drei Geräuschemachern und Isabella Rossellini als Live-Sprecherin erlebte das neuste Werk des kanadischen Regie-Exzentrikers in der Deutschen Oper seine begeistert gefeierte europäische Erstaufführung.
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