Bolschoi Babylon

Bolschoi Babylon

Eine Filmkritik von Franziska Welzel

Die Welt des schönen Scheins

Das Ballett des Bolschoi-Theaters in Moskau ist weltberühmt und international bekannt für seine hochgelobten Inszenierungen. Doch Schlagzeilen machte es vor allem, nachdem am 17. Januar 2013 ein Säureattentat auf den künstlerischen Leiter Sergei Filin verübt wurde. Dabei erlitt Filin schwerste Verätzungen im Gesicht und an den Augen. Das brutale Verbrechen versetzte nicht nur Russland in einen nationalen Schock, sondern erschütterte auch die internationale Kulturszene, als bekannt wurde, dass es sich bei dem Attentäter um einen Tänzer aus den eigenen Reihen des Bolschoi handelte.
In Bolschoi Babylon werfen die Filmemacher Nick Read und Mark Franchetti erstmals einen Blick hinter die Kulissen und zeigt die Konflikte innerhalb des Theaters. Dabei bewegen sie sich auf dem schmalen Grat zwischen Kultur und Politik und machen deutlich, dass Korruption und Intrigen inzwischen nicht nur im Land alltäglich sind, sondern auch in dem großen Moskauer Theater. Um sich dem Ballettensemble und den Mitarbeitern zu nähern, filmen Read und Franchetti Proben und Aufführungen während der Spielzeit 2013/2014. Doch es sind vor allem die Interviews mit den wichtigsten Akteuren - Sergei Filin, dem Theaterintendanten Vladimir Urin, den Primaballerinen Maria Allash und Maria Alexandrova sowie der ehemalige künstlerischer Leiter Boris Akimov - , die das Werk ausmachen; sie beschreiben die Theaterwelt aus dem Blickwinkel der unmittelbar Beteiligten. Schon bald wird deutlich, dass im Inneren des Theaters ein Machtkampf tobt. Tänzerin Maria Alexandrova berichtet über Druck, Neid sowie Eifersucht innerhalb des Mitarbeiterstabs. Das Theater, so berichtet sie, hätte sich an dem Tag gespalten, als der einstige Tänzer Filin zum künstlerischen Leiter ernannt wurde. Danach habe sich die Haltung zu ihm völlig geändert und sei von Misstrauen gekennzeichnet gewesen.

Bolschoi Babylon erzählt die Geschehnisse - womöglich auch aus rechtlichen Gründen – zurückhaltend, jedoch angemessen. Schnell wird klar, dass in den Interviews längst nicht alles erzählt wird, schließlich sind die Befragten samt und sonders Angestellte des Bolschoi. Andeutungen über Vetternwirtschaft, Schmiergeldzahlungen, Austausch von Tänzern fallen zwar, werden aber nicht vertieft, was das Ganze dennoch nicht weniger interessant macht. Auf diese Weise entsteht das Bild eines giftiges Märchens über die Schönheit der künstlerischen Arbeit und das korrupte Verhalten, das es manchmal begleitet.

Der Film verweist auf den Kontrast zwischen dem Theater als Symbol für die glorreiche russische Kultur und den schmutzigen Wahrheiten des Lebens. Die Szenen der Ballettaufführungen selbst sind magisch und fangen die Schönheit der Inszenierungen des Bolschoi angemessen ein. Die dunkle Atmosphäre verdeutlicht sich durch die Interviews und den Streitgesprächen. Die Tänzer und Mitarbeiter sprechen offen über die Unsicherheit ihres alltäglichen Arbeitslebens - ihre Rivalitäten, ihre Bitterkeit und ihren Ehrgeiz, der notwendig ist, um in dieser Welt überhaupt überleben zu können. Das Streben nach Erfüllung und Anerkennung jedes Einzelnen steht im Fokus und führte bereits vor dem Attentat auf Filin zu Reibungspunkten innerhalb der Ballettkompanie.

Am Ende lässt Bolschoi Babylon den Zuschauer mit dem Gefühl zurück, eher einen Krimi als einen Film über das Ballett angeschaut zu haben. Oder wie Boris Akimow, der ehemalige Direktor des Bolschoi-Balletts, es treffend auf den Punkt bringt: "Die Welt des Theaters ist grausam. Es sieht schön von außen aus, aber darunter ist alles am Kochen“.

Bolschoi Babylon

Das Ballett des Bolschoi-Theaters in Moskau ist weltberühmt und international bekannt für seine hochgelobten Inszenierungen. Doch Schlagzeilen machte es vor allem, nachdem am 17. Januar 2013 ein Säureattentat auf den künstlerischen Leiter Sergei Filin verübt wurde. Dabei erlitt Filin schwerste Verätzungen im Gesicht und an den Augen.
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