Boarding School (2018)

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Boaz Yakin zeigt die Pubertät als tödlichen Kampf gegen Eltern und Lehrkörper, im Gewand eines tiefdunklen Gruselmärchens.

Boarding School (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Die Schule des (Über-)Lebens

Dass „Boarding School“ ein Film mit starkem Stilwillen und mit großer erzählerischer Ambition ist, lässt sich bereits in den ersten Minuten erkennen: Kühne Farbspiele, die an Dario Argento erinnern, und eine Mischung aus Coming-of-Age-Ängsten, Geistergrusel und familiären Konflikten werden darin souverän präsentiert, ehe das Ganze mit einem Todesfall sowie mit bizarren Begegnungen und einem folgenschweren Moment des Ertappt-Werdens in raschem Tempo voranschreitet. Auf die Worte „hit the road“ folgt mit hartem Schnitt ein Schlag ins Gesicht – und als Schlag in die Seele eines adoleszenten Menschen folgt wenig später das Abschieben ins Internat. Der erste Akt der neuen Arbeit des Regisseurs und Drehbuchautors Boaz Yakin („Gegen jede Regel“) ist ein wilder Ritt durch die Hölle der Pubertät.

Angesiedelt ist die Geschichte im Brooklyn der 1990er Jahre. Der 12-jährige Jacob (Luke Prael) wohnt mit seiner überspannten Mutter Isabel (Samantha Mathis) und seinem Stiefvater Davis (David Aaron Baker) in einem schicken Apartment; er liebt Horrorstreifen im Fernseh-Nachtprogramm und Comics über Superhelden – und fühlt sich von dunklen Mächten heimgesucht. Als seine Großmutter, die er nie kennenlernen durfte, verstirbt, entwickelt er beim Durchstöbern ihres Nachlasses eine eigenartige Faszination für ihre Garderobe, ihre Schallplatten … und wird prompt von Davis beim sinnlichen Tanz im Kleid erwischt. Kurze Zeit später sitzt Jacob Dr. Sherman (Will Patton) gegenüber, der mit seiner Frau (Tammy Blanchard) eine „exklusive“ Schule für „besondere junge Leute“ leitet, die Jacob fortan besuchen soll.

Schnell wird deutlich, dass diese Schule überaus ungewöhnlich ist: Dr. Sherman ist der einzige Lehrer, Unterrichtsgrundlage ist die Bibel – und Prügelstrafen gelten als probate Maßnahme, um „Klarheit“ zu schaffen. Neben Jacob sind lediglich sechs weitere Kinder anwesend, darunter die renitente Christine (Sterling Jerins), der durch Brandwunden entstellte Phil (Nadia Alexander) und der am Tourette-Syndrom erkrankte Frederic (Christopher Dylan White). Bald muss Jacob begreifen, dass diesem Ort nicht nur etwas zutiefst Seltsames anmutet – sondern dass er und die anderen Kinder sich hier in Lebensgefahr befinden.

Die Wucht und Intensität des Einstiegs vermag der Mittelteil des Films nicht so recht aufrechtzuerhalten. Die Szenen um die Jugend-Truppe und das strenge Ehepaar, das für die Betreuung zuständig ist, haben etwas von einer grellen Horror-Version des Klassikers Einer flog über das Kuckucksnest (1975). Die Dialoge haben einen mitreißenden Schwung, die Interpretationen, insbesondere von Luke Prael und Sterling Jerins, sind spürbar engagiert – dennoch droht Boarding School streckenweise in eine klischeehafte Teen-Exploitation abzudriften.

Der finale Akt kann diese Schwächen nicht gänzlich vergessen machen, ist in seinem Over-the-top-Stil aber wieder entschieden origineller. Die Bilder, die Yakin mit seinem Kameramann Mike Simpson entwirft, sind eindrücklich – irgendwo zwischen Brian De Palmas Carrie (1976) und den frühen Pedro-Almodóvar-Schöpfungen (etwa Labyrinth der Leidenschaften, 1982). Inhaltlich bewegt sich der Film zwischen finsterem Märchen und bitterer Gesellschaftskritik. Hier sind böse Menschen wirklich durch und durch böse.

Warum diese Rabenmütter und grausamen Väter, diese Psychopathinnen und Wahnsinnigen so abscheulich sind, wie sie sind, will Boarding School nicht erforschen. Vielmehr geht es darum, sich gegen diese Kräfte zur Wehr zu setzen; es geht um Empowerment und um das, was man dafür aufgeben und verlieren muss, jedoch auch das, was man dadurch gewinnt. Dass das Skript und die Inszenierung dabei eine Parallele zwischen Jacobs Kampf und den traumatisierenden Erfahrungen von Jacobs jüdischer Großmutter in jungen Jahren herstellen, als diese von Nazis gefangen gehalten wurde, ist schwierig und erscheint nicht ausreichend reflektiert. Boarding School ist somit gewiss kein Film, dem alles gelingt und der vollauf überzeugt. Ein Werk mit zahlreichen Ideen, mit interessanten Figuren und spannenden Situationen ist er indes allemal.

Boarding School (2018)

Als der 12-jährige Jacob Felsen auf ein Internat geschickt wird, betritt er eine Welt, die wie ein Albtraum für Kinder erscheint - ein schauerliches altes Haus, das bis auf sechs Kinder menschenleer ist und zwei ebenso geheimnisvolle wie bedrohliche Lehrer. Und als es dort immer furchterregender zugeht, muss Jacob seine Ängste überwinden, um den Horror zu überleben. 

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