Blame - Verbotenes Verlangen (2018)

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In ihrem Langfilmdebüt erzählt Quinn Shephard überraschend subtil von Mobbing und Beziehungsgeflechten an einer suburbanen High School.

Blame - Verbotenes Verlangen (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Ein sozialer Mikrokosmos

Ob es Menschen gibt, die ihre Schulzeit völlig ohne Traumata hinter sich bringen konnten? Schon möglich. Die meisten von uns verbinden die Phase des Erwachsenwerdens jedoch mit (über-)großen Gefühlen, die nicht selten an schmerzvolle Erfahrungen geknüpft sind. Zahllose Geschichten widmen sich dieser Jugenddramatik; etliche wirken dabei aber wenig überzeugend, da ihnen die Nähe zu ihren Figuren fehlt. Sie muten oft wie Aufarbeitungen der Erfahrungen ihrer (inzwischen erwachsenen) Macher_innen an, in die sich leider zu viele Klischees des Coming-of-Age-Narrativs eingeschlichen haben.

Auch Blame – Verbotenes Verlangen ist nicht gänzlich frei von Klischees. Dennoch hat der Film etwas erstaunlich Aufrichtiges, Intensives. Dies mag vor allem an der Person liegen, die dieses Werk in erster Linie verantwortet. Quinn Shephard wurde 1995 geboren; seit dem Jahr 2000 steht sie vor der Kamera. Neben ihrer Hauptrolle in der Krimiserie Hostages (2013-2014) fungierte sie etwa mit ihrer Interpretation der punkigen besten Freundin der Protagonistin in Midnight Sun – Alles für dich (2018) als perfektes Gegengift gegen die hochglänzenden Kitsch-Manöver der Teenager-Romanze. Mit dem 13-minütigen Dreiecks-Thrillerdrama Till Dark gab Shephard ihr Debüt in den Bereichen Regie, Drehbuch, Montage und Produktion. Blame hat sie nun ebenfalls selbst inszeniert und montiert; ferner hat sie das Skript auf Basis einer Story verfasst, die sie mit ihrer Mutter Laurie entwickelt hat, und sie hat den Film mitproduziert sowie bei einem Großteil der Musik mitgearbeitet. Einen der zentralen Parts verkörpert sie auch noch – und zwar mit spürbarer Hingabe.

Die Geschichte ist in einer Vorstadt in Shephards Heimat-Bundesstaat New Jersey angesiedelt; wichtigster Schauplatz ist eine High School, bei der es sich um jenes Schulgebäude handelt, das Shephard einst besuchte. Die von der jungen Filmemacherin gespielte Abigail kehrt nach einem Vorfall, dessen Hintergründe nie offengelegt werden, an die Schule zurück – und wird dort schnell (erneut) zur Mobbing-Zielscheibe. Ihr exzentrischer Stil, ihre Passion für Theaterstücke wie Tennessee Williams’ Die Glasmenagerie und ihr humpelnder Gang machen sie zur Außenseitern; sie wird „Psycho“ oder „Sybil“ (in Anlehnung an den gleichnamigen Tatsachen-Bestseller aus den 1970er Jahren über eine Frau mit Persönlichkeitsspaltung) genannt und mit fiesen Sprüchen an der Schultoilettenwand konfrontiert. An vorderster Front wird Abigail von der trotzigen Cheerleader-Queen Melissa (Nadia Alexander) und deren Clique schikaniert. Als der Vertretungslehrer Jeremy (Chris Messina) die Theater-AG übernimmt und mit dem Kurs einige Szenen aus dem Arthur-Miller-Stück Hexenjagd auf die Bühne bringen will, fühlt sich Abigail alsbald zu ihm hingezogen – und kommt ihm bei den Vorbereitungen für die Aufführung näher.

Die sich anbahnende Beziehung zwischen einem Lehrer und einer Schülerin könnte rasch – wie etwa in der Jugendserie Pretty Little Liars – romantisiert und somit verharmlost werden. Überdies wirkt das Personal des Films zunächst durchaus stereotyp, wie man es aus vielen Vertretern des Adoleszenzkinos kennt. Shephard beweist allerdings sowohl als Autorin als auch in ihrer Funktion als Regisseurin das nötige Feingefühl, um weder die gegenseitige Faszination zwischen Abigail und Jeremy zu beschönigen noch den Einblick in den sozialen Mikrokosmos „High School“ allzu sehr nach Schema F (bzw. C wie Coming-of-Age-Story) zu schildern. Dass Abigails Leidenschaft für Jeremy vor allen Dingen mit Projektion und mit ihrer Einsamkeit zu tun hat und dass Jeremy hierbei Grenzüberschreitungen zulässt, die er nicht zulassen darf, wird ebenso deutlich wie die Tatsache, dass keiner der jungen Menschen auf dieser Schule so eindimensional ist, wie man anfangs glaubt.

So ist das vermeintliche Über-Biest Melissa wesentlich nuancenreicher angelegt, als es ihre Einführung in die Handlung vermuten lässt. Nadia Alexander (The Dark, Boarding School) spielt nicht nur die hedonistischen und gehässigen Seiten, sondern auch das Desperate und Tragische ihrer Figur sehr glaubhaft. Hinzu kommen Nebenrollen, die nicht nur dazu dienen, den Plot voranzutreiben, sondern eigene, gleichfalls spannende Konflikte haben – etwa die von Sarah Mezzanotte verkörperte Sophie, die zwischen Melissa und ihrer langjährigen, entschieden bodenständigeren Freundin Ellie (Tessa Albertson) hin- und hergerissen ist. Shephard blickt mit Empathie auf diese Figuren. Sie findet mit ihrem Kameramann Aaron Kovalchik originelle Einstellungen, um das juvenile Dasein einzufangen – und erweist sich damit als filmisches Talent, dessen weiteren Werdegang wir aufmerksam verfolgen sollten.

Blame - Verbotenes Verlangen (2018)

Durch einen neuen Lehrer ermutigt, tritt die Außenseiterin Abigail aus ihrem Schattendasein und gewinnt Selbstbewusstsein durch eine Hauptrolle, die ihr in einer Inszenierung von Arthur Millers „The Crucible“ anvertraut wird. Dies ruft allerdings den Neid und die Missgunst von Abigails intriganter Klassenkameradin Melissa hervor, die eine Verschwörung gegen ihre Mitschülerin anzettelt - bis die Dinge völlig außer Kontrolle geraten und einige schmerzhafte Wahrheiten ans Licht kommen.

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