Blair Witch

Blair Witch

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Der Wald ruft

Braucht es wirklich eine weitere Fortsetzung von The Blair Witch Project? Einem der einflussreichsten Horrorfilme der letzten zwanzig Jahre, dessen Überraschungseffekt – eine dokumentarische Aufmachung – zu einer ausgelutschten Konvention verkommen ist? Die Antwort lautet 'nein'. Erst recht mit dem verunglückten Sequel Blair Witch 2 vor Augen, das ein Jahr nach dem 1999 veröffentlichten Original ins Kino kam. Große Skepsis war also angebracht, als im Sommer 2016 auf der San Diego Comic-Con verkündet wurde, dass Adam Wingards neue, bis dato unter dem Titel The Woods geführte Regiearbeit an den Found-Footage-Klassiker anschließt und in Zukunft auf den Namen Blair Witch hört. Erstaunlich ist nicht nur, wie lange die Macher ihr Geheimnis für sich behalten konnten, sondern auch die Tatsache, dass der Film durchaus mitzureißen weiß.
Dem zweiten Teil schenken Wingard und Drehbuchautor Simon Barrett keinerlei Beachtung. Stattdessen rücken sie mit James (James Allen McCune) eine Figur in den Mittelpunkt, die eine direkte Verbindung zum Erstling herstellt. Der junge Mann ist der Bruder von Heather Donahue, die in The Blair Witch Project eine mysteriöse Hexenlegende erforscht und dabei spurlos verschwindet. Als James 20 Jahre nach den damaligen Ereignissen online ein Video entdeckt, in dem die Umrisse einer panischen jungen Frau zu sehen sind, glaubt er fest daran, dass er seine verschollene Schwester vor sich hat. Um Gewissheit zu erlangen, bricht er, begleitet von der Dokumentarfilmstudentin Lisa (Callie Hernandez) und dem befreundeten Pärchen Ashley (Corbin Reid) und Peter (Brandon Scott), in den dichten Black Hills Forest von Maryland auf. Mit von der Partie sind auch die beiden Einheimischen Lane (Wes Robinson) und Talia (Valorie Curry), die das neue Videomaterial gefunden und ins Internet gestellt haben. Sie alle begeben sich auf eine Reise, die schon bald gehörig an den Nerven zehrt.

Der Plot folgt – das lässt die Inhaltsangabe bereits erahnen – den Mustern des Originals. Und erneut wird dem Zuschauer schon zu Beginn erzählt, dass es sich beim Gezeigten um die 'echten' Aufnahmen der im Film auftretenden Personen handelt. Was 1999 viele Kinogänger nach einer cleveren Internetkampagne für bare Münze nahmen, lässt sich heute, fast zwei Jahrzehnte und unzählige Found-Footage-Werke später, natürlich nicht mehr glaubwürdig verkaufen. Das weiß auch Wingard, der mit dem subjektiven Wackelstil dennoch das Gefühl des ersten Teils rekonstruieren will. Zum Einsatz kommen dabei einige technische Neuerungen wie eine Drohne und kleine Head Cams, die James und seine Freunde am Ohr befestigen. Perspektivisch ergeben sich dadurch zusätzliche Möglichkeiten, die den Film im Vergleich mit The Blair Witch Project ein wenig öffnen.

Auch dieses Mal beginnt die Unternehmung ausgelassen und verwandelt sich nur langsam in einen Höllentrip, der die menschliche Urangst vor der Dunkelheit entfesselt. Undefinierbare Geräusche versetzen die Protagonisten in Alarmbereitschaft. Das Zeitgefühl geht plötzlich verloren. Und unheimliche Holzgebilde scheinen den Beweis zu liefern, dass im Dickicht eine böse Präsenz zu Hause ist. Eine bedrohliche Soundkulisse hält die Anspannung aufrecht. Und gelegentlich traut sich der Regisseur sogar, etwas mehr zu zeigen, als es der Kenner des ersten Films gewohnt ist. Momente, die gerade so viel preisgeben, dass man kurz zusammenzuckt, um dann über die Impressionen zu rätseln. Ab und an hätte Wingard sicherlich etwas subtiler in der Inszenierung des Schreckens vorgehen können. Insgesamt demonstriert der Horrorenthusiast, der mit You’re Next der Home-Invasion-Sparte eine Auffrischung verpasste, aber einmal mehr, dass er mit den Konventionen und Stilmitteln des Genres umzugehen weiß.

Von Vorteil ist außerdem, dass die Figuren, obwohl sie skizzenhaft entworfen sind, nur bedingt die üblichen Klischees bedienen. Während Lane und Talia offenkundig die Rollen der undurchschaubaren, leicht spleenigen Verschwörungstheoretiker einnehmen, die alle Gruselgeschichten über die Hexe kennen, wirken James und seine Freunde wie gewöhnliche junge Menschen, die sofort umkehren wollen, als die Bedrohung greifbarer wird. Dämliche Entscheidungen halten sich zumeist in Grenzen. Und die schauspielerischen Leistungen sind mindestens solide, weshalb man mit den irgendwann nur noch verstörten Protagonisten bis zum Showdown mitgeht. Hier bricht ein markerschütterndes Horrorgewitter über den Zuschauer herein, das den Minimalismus des Originals endgültig hinter sich lässt und einige furchterregende Einfälle zu bieten hat. Gewarnt seien vor allem Klaustrophobiker! Nach 90 recht intensiven Minuten lässt sich sagen, dass Wingard, denkt man an Robert Eggers' famoses Spielfilmdebüt The Witch, bei weitem nicht der beste Genrebeitrag der letzten Zeit gelungen ist. Angesichts der kritischen Haltung im Vorfeld darf man sein Klassiker-Sequel aber getrost als kleine Überraschung werten.

Blair Witch

Braucht es wirklich eine weitere Fortsetzung von "The Blair Witch Project?" Einem der einflussreichsten Horrorfilme der letzten zwanzig Jahre, dessen Überraschungseffekt – eine dokumentarische Aufmachung – zu einer ausgelutschten Konvention verkommen ist? Die Antwort lautet 'nein'. Erst recht mit dem verunglückten Sequel "Blair Witch 2" vor Augen, das ein Jahr nach dem 1999 veröffentlichten Original ins Kino kam.
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