Blacktape

Blacktape

Eine Filmkritik von Falk Straub

The Great HipHop Swindle

Seit einigen Jahren ist ein nicht nur für Musikfans erfreulicher Trend im Dokumentarfilm zu beobachten. Die digitalen Produktionsverfahren machen es möglich, dass plötzlich nahezu alle Bereiche der Popmusik eine eigene filmische Aufarbeitung bekommen und nebenbei in den Randbereichen der Musikhistorie Perlen aufblitzen, über die man vermutlich ohne den Film nie etwas in Erfahrung gebracht hätte. Searching for Sugar Man von Malik Bendjelloul war so ein Fall, der es 2013 sogar zu einer Auszeichnung mit einem Academy Award als bester Dokumentarfilm brachte – oder Grandma LoFi: The Basement Tapes of Sigrídur Níelsdóttir von Kristín Björk Kristjánsdóttir, Orri Jónsson und Ingibjörg Birgisdóttir. Um eine mysteriöse Größe des Musikgeschäfts geht es auch in Sékou Nebletts Blacktape, einer verdreht-raffinierten Aufarbeitung des deutschen HipHop seit dessen Anfängen in den 1980er Jahren, die um einen legendären Rapper namens Tigon kreist, mit dem angeblich alles begann.
Tigon, so weiß der Szenekenner Marcus Staiger, Gründer des legendären Kassetten-Labels Royal Bunker und Entdecker zahlreicher Berliner Acts wie Kool Savas, Sido, Prinz Pi und K.I.Z. gab damals in den bleiernen 1980er Jahren die Initialzündung, als er bei einem HipHop-Konzert in den Heidelberger Campbell Barracks in Guerilla-Manier und vollvermummt die Bühne stürmte und die anwesenden GIs mit deutschen Lyrics und dem Titel R-E-V-olution provozierte. Angeblich, so heißt es von verschiedenen Seiten, sei es danach zu Tumulten, Ausschreitungen und sogar zu einem Todesopfer gekommen – immerhin waren die Campbell Barracks Sitz des Hauptquartiers der US-Streitkräfte in Europa, beherbergten zugleich das NATO-Hauptquartier der Landstreitkräfte und waren somit ein hochsensibler Ort für etwaige Anschläge und Übergriffe seitens der RAF und anderer linksextremer Gruppierungen. So weit, so geheimnisvoll …

Doch warum nimmt dieser Rapper, der mit einem anarchistischen Akt der Selbstbehauptung und Aneignung die Initialzündung für die Geburt des deutschsprachigen HipHop gab, plötzlich Kontakt zu Marcus Staiger auf? Und das just kurz bevor dieser im Rahmen eines Interviews über die Geschichte des deutschen HipHop Besuch von Falk Schacht aka Hawkeye und Sékou "The Ambassador" Neblett bekam? Zufall? Jedenfalls fangen die beiden Besucher, angefixt durch Staigers Geschichte, schnell Feuer und begeben sich auf eine Suche nach der Stimme aus der Vergangenheit. Auf ihrer Reise durch die HipHop-Szene von damals und heute stoßen sie auf jede Menge Spuren, aber auch auf alte und neue Feinde, auf Traumata, Feindschaften – und immer wieder auch auf sich selbst, auf die Hoffnungen von damals und auf die Enttäuschungen, die sie im Laufe von fast 30 Jahren erfahren haben.

Blacktape hat durchaus das Zeug dazu, als The Great Rock’n’Roll Swindle für den deutschen HipHop den ironischen Grundstein für eine Aufarbeitung des Pop-Phänomens zu legen – nicht als minutiöse historische Faktenhuberei, sondern als Mockumentary mit enormem Spannungspotenzial, die viel über die Brüche und Grabenkämpfe, die Feindschaften und gemeinsamen Wurzeln und nicht zuletzt auch über die Querverbindungen von Popkultur, Zeitgeist und -geschichte sowie den Mechanismen des Musikmarktes erzählt. Ein höchst erfrischender Zugang zu einem Thema, das auf diese Weise durchaus auch Zuschauer für HipHop interessieren könnte, die sonst eher andere Musik bevorzugen. Wer aber die Szene und die zahlreichen Vertreter der deutschen HipHop-Landschaft kennt, hat vermutlich noch ein klein wenig mehr Spaß an dem wundervoll selbstironischen Film.

(Joachim Kurz)
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Roadtrip durch den Sprechgesang

Hip-Hop ist in Deutschland längst ein großes Geschäft. Regisseur und Rapper Sékou Neblett begibt sich in Blacktape zu dessen Wurzeln und stolpert dabei über einen fast vergessenen Wegbereiter des deutschen Sprechgesangs.

Sékou Nebletts Dokumentarfilm ist erst wenige Minuten alt, da packt einen der Beat. Als der Regisseur aus dem Off verkündet, dass der Knoten im deutschen Hip-Hop in den 1990ern endlich geplatzt ist, flimmert als Beweisstück Afrobs Musikvideo Reimemonster über die Leinwand. Und während die Bilder bereits weitereilen, Sprayer, Breakdancer und Konzertbesucher zeigen, verweilt die Musik noch ein bisschen auf der Tonspur – und man nickt unbewusst im Takt. In dieser verdichteten Exposition ist einem klar, warum der Hip-Hop für Neblett "ein kultureller Befreiungsschlag" ist. Für den gebürtigen Amerikaner, der als The Ambassador festes Mitglied der Stuttgarter Combo Freundeskreis war, hat diese Musik einer ganzen Generation ihre Sprache zurückgegeben. Lange vor Wir sind Helden, Juli oder Silbermond eiferten Jugendliche ihren rappenden Vorbildern nach, sangen und texteten auf Deutsch – echte Reimemonster eben.

Blacktape ist Nebletts persönliche Huldigung dieser Kultur. Von seinem anfänglichen Konzept weicht er allerdings schnell ab. Während eines Interviews erzählt der ehemalige Labelbetreiber Marcus Staiger dem Regisseur von einem Rapper namens Tigon, von dem in der Szene fast jeder schon einmal gehört, den aber noch niemand getroffen hat. Im Jahr 1986 soll Tigon in Heidelberg die Bühne einer Kaserne gestürmt und mit seinen deutschen Lyrics die US-Soldaten in Rage gebracht haben. Ein verbaler Affront, der in brachiale Gewalt umschlug. Nebletts Interesse ist geweckt. Gemeinsam mit Staiger und dem Journalisten Falk Schacht begibt sich der Regisseur quer durch die Republik auf die Suche nach diesem Urvater des Deutschrap, die Kamera immer im Anschlag.

Was dann folgt, ist ein wilder Roadtrip durch den deutschen Hip-Hop, der am Wegesrand viel vom Geist dieser Bewegung einfängt. Die Jagd nach Tigon nimmt immer abstrusere Wendungen und schnell wird klar, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Was als klassischer Dokumentarfilm beginnt, entpuppt sich als Mockumentary, oder genauer: als Mischung aus beidem. Der ominöse Wegbereiter des deutschen Hip-Hop ist freilich frei erfunden. Unter die erdachten Szenen mischt der Regisseur echtes Archivmaterial und Interviews mit Szenegrößen von Azad bis Thomas D. Die Grundidee ist clever: Denn am Beispiel eines beispiellosen Rappers lässt sich die Geschichte des Hip-Hop geradezu beispielhaft erzählen. Wird ein neuer Fakt über Tigon ausgegraben, lässt sich daran prima eine passende Aussage der Experten anschließen. Schließlich hat der Mythos vom Rappen bis zum Sprayen quasi alles gemacht – und was dessen Lebenslauf nicht abdeckt, erledigen Schachts und Staigers abwechslungsreiche Biografien.

Doch Nebletts Kalkül geht nicht vollends auf. Sein Versuch, über eine fiktive Figur Wahrheiten zu transportieren, verliert sich schnell in einer Privatfehde seiner beiden Mitstreiter. Um möglichst spontane Aufnahmen zu erhalten, erfuhren Marcus Staiger und Falk Schacht erst am Vorabend, wohin die Reise am nächsten Tag gehen sollte. Der Plot war grob umrissen, feste Dialoge gab es keine. Mehr als einmal rasseln Staiger und Schacht lautstark aneinander. Informationsgehalt und Unterhaltungswert gehen hier gegen null. Und über all dem unerträglichen Gezänk kommen letztendlich die Musiker zu kurz. Gern hätte man mehr von den Stieber Twins oder von Fünf Sterne Deluxe gesehen, die die Musik und die Industrie dahinter ebenso so klug wie süffisant kommentieren. Stattdessen liefert Sékou Neblett einen halbgaren Krimi, der allzu schnell an Drive verliert, zu viele lose Enden lässt und es riskiert, Szeneunkundige verwirrt zurückzulassen. Vor allem letztere werden statt im Takt zu nicken am Ende ungläubig den Kopf schütteln.

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Seit einigen Jahren ist ein nicht nur für Musikfans erfreulicher Trend im Dokumentarfilm zu beobachten. Die digitalen Produktionsverfahren machen es möglich, dass plötzlich nahezu alle Bereiche der Popmusik eine eigene filmische Aufarbeitung bekommen und nebenbei in den Randbereichen der Musikhistorie Perlen aufblitzen, über die man vermutlich ohne den Film nie etwas in Erfahrung gebracht hätte.
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