Beyond Punishment

Beyond Punishment

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Worte der Reue und der Trauer

Janine Geske war Richterin am Obersten Gerichtshof des US-Bundesstaats Wisconsin, nun organisiert sie in einem Gefängnis des Landes Begegnungen zwischen verurteilten Mördern und Angehörigen von Mordopfern. Das Programm heißt Restorative Justice und basiert auf der Erfahrung, dass ein solcher Austausch für den Prozess der Reue und der Trauer hilfreich sein kann. Dabei sitzen die Hinterbliebenen jedoch nicht der Person gegenüber, die ihnen das Leid zugefügt hat, sondern anderen Tätern. Leola und ihre Tochter Lisa sind aus New York gekommen: Vor zehn Jahren wurde Leolas Sohn Darryl in der Bronx erschossen, mit nur 16 Jahren und wegen einem nichtigen Streit unter Gleichaltrigen. Lisa wird später sagen, sie sehne sich so sehr danach, ihren Hass loszuwerden und zu vergeben. Aber dann habe sie das unerträgliche Gefühl, den Bruder zu verraten.
Der Dokumentarfilmer Hubertus Siegert (Berlin Babylon) denkt das Prinzip solcher Begegnungen weiter: Ist es auch möglich und sinnvoll, dass sich Täter und die Hinterbliebenen ihrer Opfer direkt zu einem Gespräch treffen? In den drei Fällen, von denen der auf dem Festival Max Ophüls Preis 2015 zum Besten Dokumentarfilm gekürte Beyond Punishment erzählt, ist jeweils eine Seite an einem Treffen interessiert, die andere nicht. Darryls Mörder, der von seiner 40-jährigen Haftstrafe bereits elf Jahre abgesessen hat, bekennt sich immer noch nicht zu der Tat – was der größte Wunsch von Leola und Lisa wäre. Zumindest können sie durch die Aufzeichnung des Gesprächs, dass Siegert mit ihm im Gefängnis führte, ein realistisches Bild von dem Mann bekommen, um den ihre Gedanken schon so lange kreisen.

Das Land Norwegen hat die mildesten Haftstrafen weltweit. Für Erik, dessen 16-jährige Tochter von ihrem damaligen Freund erschossen wurde, liegt genau darin das Problem. Der Täter wird nach sechs Jahren aus dem Gefängnis entlassen, sein Elternhaus befindet sich in der Nachbarschaft. Erik fühlt sich nicht mehr sicher, zieht ein paar Kilometer weiter weg. Der Täter selbst will ihm ebenfalls nicht über den Weg laufen, wenn er die Eltern besucht. Auch hier begegnen sich beide Seiten nur indirekt über das Betrachten von Gesprächsvideos. Aber das hilft Erik, endlich Abstand zu gewinnen.

Der Hinterbliebene im dritten Fall heißt Patrick von Braunmühl: Er war 18 Jahre alt, als sein Vater, der Diplomat Gerold von Braunmühl, 1986 vor seinem Haus in Bonn von RAF-Terroristen erschossen wurde. Der Sohn weiß bis heute nicht, wer damals den Finger am Abzug hatte und warum sein Vater sterben musste. Die Familie suchte zunächst vergeblich den Kontakt zu RAF. Jahre später konnte Patrick mit der inhaftierten RAF-Terroristin Birgit Hogefeld sprechen – wenn auch nicht über den konkreten Fall. Nach ihrer Entlassung war sie jedoch nicht bereit, das Gespräch fortzusetzen. Im Film trifft Patrick von Braunmühl einen der Gründer der RAF, Manfred Grashof. Dieser hat eine Haftstrafe wegen Mordes an einem Polizisten verbüßt und sich ein Treffen mit den Angehörigen gewünscht, das nicht zustande kam.

Die Gegenüberstellungen erwecken beim Zuschauen starke, oft widersprüchliche Gefühle: Die Worte der Schuldigen sind manchmal schwer auszuhalten, oder enttäuschen die Erwartungen der Hinterbliebenen. Aber zu sehen, dass auch die Täter keinen inneren Frieden finden, zu hören, dass sie bereuen, kann die Trauernden in ihrem Schmerz ein wenig entlasten. Zumindest für kurze Momente wird das spürbar. Die These des Films, dass die Verbüßung einer Haftstrafe allein nicht ausreicht, damit beide Seiten mit der Erinnerung an die Tat fertig werden, überzeugt. Beyond Punishment will auch ganz konkret dazu anregen, das Schweigen zu brechen – zwei Tage vor Kinostart sind Filmvorführungen mit Diskussion in deutschen Gefängnissen geplant.

Beyond Punishment

Janine Geske war Richterin am Obersten Gerichtshof des US-Bundesstaats Wisconsin, nun organisiert sie in einem Gefängnis des Landes Begegnungen zwischen verurteilten Mördern und Angehörigen von Mordopfern. Das Programm heißt Restorative Justice und basiert auf der Erfahrung, dass ein solcher Austausch für den Prozess der Reue und der Trauer hilfreich sein kann. Dabei sitzen die Hinterbliebenen jedoch nicht der Person gegenüber, die ihnen das Leid zugefügt hat, sondern anderen Tätern.
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