Träum weiter (2017)

Träum weiter (2017)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Beziehungserwartungen

Eine junge Frau geht in einem orangefarbenen Gefängnisanzug einen Gang entlang. Sie bleibt vor der Tür einer Zelle stehen, dreht sich zu der Kamera und verbeugt sich. Gestatten: Mirja (Evin Ahmad) hat gerade ihre Gefängnisstrafe abgesessen. Im nächsten Bild des schwedischen Films Beyond Dreams (Originaltitel: Dröm vidare) ist sie in ihren Straßenklamotten zu sehen, sie sammelt die Sachen ein, die sie bei Antritt der Strafe abgegeben hat und behauptet, in ihrem Portemonnaie sei Geld gewesen. Aber das wird nonchalant zurückgewiesen, die Menschen dort kennen Mirja und ihre kleinen Tricks. Auf dem Parkplatz vor dem Gefängnis wird sie schon erwartet – zunächst von ihrer kleinen Schwester Isa (Ella Åhman), dann kommen ihre Freundinnen mit dem Auto vorbei. Die vier jungen Frauen sind eine Clique, sie halten zusammen. Schon in der ersten Begegnung wird durch ihre ritualisierte und herzliche Begrüßung ihr Verhältnis etabliert, mit dem folgenden Gespräch im Wagen werden sie charakterisiert sowie die Gründe für Mirjas Knastaufenthalt deutlich gemacht. Mirja sei in allem die erste, stellen die anderen fest: bei Jungs und nun auch bei der Gefängnisstrafe. Anscheinend wurde sie gefasst, weil die jungen Frauen nach einem Einbruch angehalten wurden und es ist zu einer Gewalttat gekommen ist. Eine kleine Veränderung der Mimik von Mirja lässt erkennen, dass für sie diese Geschichte nicht nur eine lustig-wilde Anekdote, sondern auch schmerzhaft ist. Aber vorerst ist sie froh, wieder draußen zu sein, bei ihren Freundinnen, der taffen Sarah (Gizem Erdogan (Sarah), der sehr an Mode und Kosmetik interessierten Segen Tesfai (Nina) und der latent spielsüchtigen Emmy (Marlin Persson).

Mirjas Zuhause ist in dem Stockholmer Vorort Alby, eine Hochhaussiedlung, wie man sie aus unzähligen sozialrealistischen Coming-of-Age- und Kriminalfilmen kennt. Doch Regisseurin Rojda Sekersöz nimmt nun nicht einfach vier junge Frauen statt vier junge Männer und dreht einen Film über Jugendkriminalität, sondern sie interessiert sich für die zwischenmenschlichen Beziehungen dieses Geflechts: Mirja hat eine enge Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester, ihre Mutter ist lungenkrank, weigert sich aber, das Rauchen aufzugeben. Halt und Unterstützung geben Mirja ihre Freundinnen – und mit ihnen teilt sie dem Traum von einem Leben in Montevideo. Deshalb haben sie den Raub damals begangen. Sie wollen diesen Traum immer noch wahr werden lassen, deshalb haben sie die Bikinis schon gekauft und auf Mirjas Haftentlassung gewartet, damit sie mit einem weiteren Überfall das nötige Geld zusammenbekommen. Aber Mirja hat sich verändert. Der Gefängnisaufenthalt hat sie womöglich bereits reifer werden lassen, zudem findet sie einen Brief vom Krankenhaus über den ernsten Zustand ihrer Mutter. Sie weiß, dass sie Verantwortung übernehmen muss – und versucht tatsächlich, ihr Leben auf neue Bahnen zu lenken. Sie sucht sich einen Job, es läuft anfangs gut. Aber so einfach ist es mit dem Verändern des Lebens dann doch nicht. Sie kann ihrer Vergangenheit nicht einfach entkommen und auch ihren Freundinnen nicht. Hier liegt die Widersprüchlichkeit dieser starken Bande: Ihre Freundinnen geben Mirja Halt, sie sind alles, was sie hat. Und doch zugleich muss sie sie und ihren Traum verraten, wenn sie ein verantwortliches Leben für sich und ihre Schwester führen will.

Die Stärke von Beyond Dreams liegt ganz klar in der Figurenzeichnung. Hier sind Rojda Sekersöz und Drehbuchautorin Johanna Emanuelsson überzeugende Charaktere gelungen, die klug entwickelt werden – und in deren Leben eben keine Liebesgeschichten stattfinden müssen, um eine Handlung zu haben. Stattdessen geht es vollumfänglich um diese jungen Frauen, um ihre Leben und ihre Freundschaft. Es mag pathetisch klingen, wenn man sagt, dass diese jungen Frauen vor allem von ihren Träumen zusammengehalten werden, aber es ist glücklicherweise überhaupt nicht so inszeniert. Dazu trägt bereits die sehr natürliche Farbgebung bei, zudem sind einzelne Teile des Films immer wieder durch Farbtafeln getrennt. Damit ziehen in die Inszenierung leichte Verfremdungseffekte ein, die sich nicht immer erklären lassen, aber die Zuschauer kurz pausieren und nachdenken lassen. Insgesamt ist Beyond Dreams daher dank einer starken Besetzung und der hervorragenden Hauptdarstellerin Evin Ahmad ein sehenswerter Film über eine junge Frau, die ihren Platz im Leben inmitten der Erwartungen sucht, die andere an sie stellen. Und wenn niemand für sie tanzt und sie anfeuert, dann macht Mirja das eben selbst. Wie so viele (junge) Frauen.
 

Träum weiter (2017)

Eine junge Frau geht in einem orangefarbenen Gefängnisanzug einen Gang entlang. Sie bleibt vor der Tür einer Zelle stehen, dreht sich zu der Kamera und verbeugt sich. Gestatten: Mirja (Evin Ahmad) hat gerade ihre Gefängnisstrafe abgesessen.

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