Beware of Mr. Baker

Beware of Mr. Baker

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Warnung vor dem bissigen Drummer

Zu sagen, Ginger Baker wäre einer der genialsten Schlagzeuger der Rockgeschichte, ist wohl ebenso untertrieben wie die Feststellung, dieser Mann mit den magischen Händen (und Füßen) sei überwiegend schlecht gelaunt. Aber immerhin weiß Ginger Baker selbst um seine Launen und „Schwierigkeiten“ im Umgang mit anderen Menschen, weswegen er an die Einfahrt seines Anwesens in Südafrika ein Schild in den Boden gerammt hat, das nicht vor bissigen Hunden warnt, sondern vor ihm selbst: „Beware of Mr. Baker!“. Klar, dass Jay Bulgers Dokumentarfilm über eines der größten Genies hinter dem Schlagzeug dann auch genau diesen Titel trägt.
Der Wahnsinn, der Bakers ständiger Wegbegleiter war, war dem Schlagzeuger – man kann es nicht anders sagen — schon ein wenig ins ausgezehrte Antlitz geschrieben: Ein feuerroter, wilder Haarschopf und ein ebenso struppiger Bart, die Augen meist (sicherlich auch wegen seines enormen Drogenkonsums) weit aufgerissen, die schiefen Zähne oft von einem Grinsen freigelegt, das irgendwo zwischen grenzdebil, stoned und aggressiv einzuordnen war. Wenn Baker, der den Spitznamen „Ginger“ wegen seiner Haarfarbe bekam, dann am Schlagzeug loslegte, wurde der Wahnsinn zur Methode, zur Kunst, zum Virtuosenstück. Eigentlich, so hat man den Eindruck, war dieser Mann nur an den Drums ganz bei sich selbst, war sein Verhalten jenseits der Bühne und auch darauf der Preis, den er und seine jeweiligen, häufig wechselnden Bandkollegen zahlen mussten. Legendär beispielsweise die Geschichte, wenn Jack Bruce erzählt, wie er einst von Baker übel zusammengeschlagen und -getreten wurde, weil er es gewagt hatte, dessen Drum-Solo am Bass zu begleiten.

Der Filmemacher Jay Bulger findet eine gute Balance, die außergewöhnliche Geschichte eines Ausnahmemusikers spannend und abwechslungsreich zu erzählen. Geschickt vermischt er seine eigene Perspektive (es war ein Interview mit Baker, das ihm nach einer erfolgreichen Laufbahn als Model den Weg zum Musikjournalismus ebnete) mit einer Fahrt zu Baker auf dessen Anwesen in Südafrika, montiert dazwischen erfrischend offene Aussagen früherer Kollegen, Ausschnitte von Auftritten und Musikclips und Animationssequenzen zu einem äußerst kurzweiligen und anregenden Film, der neben allen Lachern und dem Staunen über ein musikalisches Genie und (zwischen)menschliches Wrack auch ein wenig traurig macht: Trotz aller Erfolge und des legendären Rufs als einer der größten Musiker aller Zeiten an seinem Instrument fällt doch auf, wie unstet, sprunghaft und letzten Endes auch unterhalb seiner Möglichkeiten Bakers Karriere verlief. Kaum einer der zahlreichen Bands, in denen er spielte (die bekannteste dürfte wohl die „Supergroup“ der 1960er Jahre Cream mit Eric Clapton und Jack Bruce sein), gehörte er mehr als drei Jahre an, bevor nicht nur das Schlagzeug, sondern auch der Bandfrieden in Trümmern lag.

In seinen Ehen und den anderen zwischenmenschlichen Beziehungen war das kaum anders. Und so lacht man zwar, als seine aktuelle Ehefrau auf die Frage, ob er denn ein guter Vater sei, verdammt lange zögert, bevor sie ein nur halb glaubwürdiges „Yes“ hervor presst – zugleich aber liegt darin eine Schwere und das Bewusstsein, dass dieser Mann sich vor allem selbst im Weg stand – mit seinen Ausbrüchen, seinem Jähzorn, seiner Streit- und seiner Drogensucht, die nicht nur sein gesamtes Vermögen verschlang.

An manchen Stellen erinnert dieser Berserker am Schlagzeug an den Drummer „Das Tier“ aus der Muppets-Show – eine Assoziation, die wohl auch aufgrund der knallroten Haare auf der Hand liegt. Angeblich wurde Jim Henson aber durch einen anderen Exzentriker an den Drums, den Schlagzeuger Keith Moon von The Who, zu der Puppe angeregt. Aber wenn man ehrlich ist: Falls es je ein „Animal“ an diesem Instrument gab, das man manchmal vielleicht besser angekettet hätte, dann war dies ohne jeden Zweifel Ginger Baker.

So eindringlich die Warnung auch ist, die Ginger Baker an der Einfahrt seines Anwesens auf ein Schild geschrieben hat: Vor Jay Bulgers Film muss man keineswegs warnen – im Gegenteil. Wie der Schlagzeuger selbst, so trifft auch das Portrait über ihn fast immer den richtigen Ton, hat Drive und (auch dank des faszinierenden Menschen, den er vorstellt) jene Art von bärbeißigem Charme, die zugleich fasziniert und abstößt.

Beware of Mr. Baker

Zu sagen, Ginger Baker wäre einer der genialsten Schlagzeuger der Rockgeschichte, ist wohl ebenso untertrieben wie die Feststellung, dieser Mann mit den magischen Händen (und Füßen) sei überwiegend schlecht gelaunt. Aber immerhin weiß Ginger Baker selbst um seine Launen und „Schwierigkeiten“ im Umgang mit anderen Menschen, weswegen er an die Einfahrt seines Anwesens in Südafrika ein Schild in den Boden gerammt hat, das nicht vor bissigen Hunden warnt, sondern vor ihm selbst: „Beware of Mr. Baker!“.
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