Bethlehem

Bethlehem

Eine Filmkritik von Stephan Langer

Weder Freund noch Feind

Seitdem es die hegemonialen Weltmachtansprüche des Kalten Krieges – USA im Westen und UdSSR im Osten – nicht mehr gibt, ist im Genre des Spionagefilms das den Film überschattende Motiv der globalen Machtphantasie (als Bedrohung oder Ziel) etwas in den Hintergrund getreten. Statt dessen rückten immer mehr (zumindest geographisch) kleiner angelegte Konflikte in den Fokus der DrehbuchschreiberInnen, so wie auch in Bethlehem, dem Regiedebüt des Israelis Yuval Adler. Angesiedelt im Geheimdienstmilieu des stetig vor sich hin brodelnden Pulverfasses des Westjordanlandes, erzählt der Film die Geschichte der fragilen Freundschaft zwischen dem israelischen Geheimdienstoffizier Razi (Tsahi Halevy) und und seinem langjährigen, 17 Jahre alten palästinensischen Informanten Sanfur (Shadi Mar´i). Natürlich vermischen sich im Laufe des Geschehens die berufliche und die private Ebene zusehends, auf beiden Seiten entstehen Loyalitäts- und Gewissenskonflikte – ein Umstand, der sich auch im etwas reißerischen Filmuntertitel "Wenn der Feind Dein bester Freund ist" bereits vor Filmsichtung andeutet.
Sanfur ist der jüngere Bruder des gesuchten palästinensischen Untergrundkämpfers Ibrahim (Hisham Suliman), der in deren Familie ein unerreichbarer Held und für Sanfur ein angehimmeltes Vorbild ist. Um Ibrahim aufzuspüren und zu töten, hat der israelische Geheimdienstoffizier Razi den Jungen rekrutiert, als dieser erst 15 war und mit der Zeit eine fast väterliche Zuneigung zu ihm entwickelt. Sanfur wiederum, der zeitlebens im Schatten der Taten seines großen Bruders stand, genießt Razis ungeteilte Aufmerksamkeit und tut sein Bestes, die Forderungen des Agenten zu erfüllen und gleichzeitig seinem Bruder gegenüber loyal zu bleiben. Er führt ein Doppelleben und belügt letztendlich beide. Bethlehem zeigt das Chaos, dem alle Menschen in dieser Region ausgeliefert sind, und das ist ein Chaos auf mehreren Ebenen: immer wieder finden verzweifelte Anschläge mitten auf der Straße statt, die nicht nur einen sicheren und geregelten Alltag in Stücke reißen. Zusätzlich befindet sich das scheinbar nicht mehr zu entwirrende Chaos in Form eines fragwürdigen Gemisches aus Religion, Militär, Familientradition, Ideologie und Verblendung in den Köpfen vieler Menschen dort. In Bethlehem schwelt die komplexe Situation stets im Hintergrund.

Erwähnenswert ist, dass Regisseur Adler zusammen mit seinem palästinensischen Co-Autor Ali Waked den Konflikt in seinem Spionagethriller auf die erwähnte Freundschaft zwischen Razi und Sanfur herunterbricht. Dies gelingt zunächst auf erstaunliche Weise, weil sich bei diesem Film mehrere Debüts häufen: Gleichzeitig ist es nicht nur der erste Langfilm von Adler, sondern auch der der beiden Hauptdarsteller. Tsahi Halevy (Razi) ist eigentlich Musiker und Tänzer – er war 2012 einer der drei Finalisten der israelischen Reality-Show The Voice und hat daraufhin sein Debütalbum veröffentlicht. Shadi Mar´i (Sanfur) ist bei einer Laientheatergruppe aktiv, die Hisham Suliman leitet, der im Film seinen Bruder Ibrahim mimt.

Der Film feierte bis heute zahlreiche Festivalerfolge, darunter unter anderem acht Auszeichnungen beim israelischen Filmpreis beim Festival in Haifa, Screenings in Toronto und eine Einreichung zum Oscar (die es nicht bis zur Nominierung als bester ausländischer Film schaffte). Bethlehem hat zweifelsohne Einiges zu bieten, die Geschichte ist stellenweise rasant inszeniert, hält den Zuschauer bei der Stange mit ihrem langgezogenen Spannungsbogen und ihren vielen, präzise geschnittenen Verfolgungssequenzen. Bei all dieser kompakten Schnelligkeit gerät die moralische Komplexität des Stoffs sowie eine subtile Charakterentwicklung leider ein wenig aus dem Blick: Frauen sind als Charaktere eher nebenbei abgehandelt, die Nebenfiguren (u.a. Ibrahim, Sanfurs Familie, Razis Frau) sind etwas eindimensional geraten. Immer wieder nehmen die Filmbilder Bezug auf die biblische Landschaft rund um die Stadt Bethlehem, mit all ihren steinigen Wüsten und ausgedörrten Tälern. In den Straßen- und Actionsequenzen suggerieren sie stellenweise einen Realismus, der sich mit den fiktionalen Elementen des Films in eine Spannung tritt. Nun sollte allerdings ein im Film (oder sonst einer Kunstform) angewandter Realismus bitte nicht mit herrschender Realität verwechselt werden: Adler behauptet in Interviews, er wollte einen menschlichen, d.h. widersprüchlichen, keinen politischen und auf gar keinen Fall einen didaktischen Film machen.

Ist das allerdings in solch einem Kontext überhaupt möglich? Selbst wenn alle Figuren im Film nur für sich stehen, wird der Film dann insgesamt nicht automatisch zur Parabel? Als Regisseur habe er versucht, so Adler, die unterschiedlichen Perspektiven in einem Ganzen zusammenzuführen. Trotzdem: Bethlehem sympathisiert (entgegen Adlers Absicht) inmitten der von ihm angezettelten Gemengelage klar mit der israelischen Position. Dies ist auch nicht weiter schlimm, kann sich doch jeder RegisseurIn frei für einen eigenen Standpunkt entscheiden. Trotzdem fällt die Dissonanz zwischen einem intendierten, behaupteten unparteiischen Standpunkt und dem tatsächlichen des Films auf: Jeder einzelne palästinensische Charakter ist entweder ein rachsüchtiger Killer oder ein hinterhältiger Terrorist. Im Gegensatz dazu sind die israelischen Agenten rücksichtslose Pragmatiker mit (wenn auch verbitterten) Prinzipien. Der Film ist stringent aus der israelischen Perspektive erzählt, die Palästinenser erscheinen den Zuschauenden immer in der Rolle der Angreifenden und Eindringlinge, niemals umgekehrt als die Leidenden unter der israelischen Besatzung und deren Militär.

Wie oben angedeutet spiegeln Filmbilder keine Realität, sondern allemal einen Realismus. Trotzdem kommt man in einem Film, vor allem, wenn er sich die jahrzehntelang verflochtene Thematik von Bethlehem vornimmt, nicht um eine Politisierung herum. Filme zum Themenkomplex Palästina/Israel müssen nicht erst politisiert werden, sie sind es von Anfang an. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass es in dieser Sparte keine apolitischen oder entpolitisierte Filme gibt. Plot und psychologische Profile des Drehbuchs sind dann sicherlich politisch lesbar. Yuval Adler hat also einen Film gemacht, wohlgemerkt sein Debüt, das man ohne Zweifel genießen kann ob seiner streckenweise sehr ansehnlichen und wirklich gelungenen Montage. Nur den Kopf sollte man beim Schauen nicht zu sehr anschalten. Das kann man dann ja vielleicht beim nächsten Film Adlers nachholen. Als Regisseur leistet er durchaus etwas. Nur leider in diesem Fall nicht das, was er wollte.

Bethlehem

Seitdem es die hegemonialen Weltmachtansprüche des Kalten Krieges – USA im Westen und UdSSR im Osten – nicht mehr gibt, ist im Genre des Spionagefilms das den Film überschattende Motiv der globalen Machtphantasie (als Bedrohung oder Ziel) etwas in den Hintergrund getreten. Statt dessen rückten immer mehr (zumindest geographisch) kleiner angelegte Konflikte in den Fokus der DrehbuchschreiberInnen, so wie auch in "Bethlehem", dem Regiedebüt des Israelis Yuval Adler.
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Meinungen
C + M + B · 08.01.2014

@@Caspar.
"Auch damit, dass es für die Bewertung des Films vollkommen irrelevant ist"

In der Tat!

Nur... Die Ignoranz von solchen recht einfachen Fakten geht aber schlecht mit dem ausgeprägt besserwisserischen Ton Ihres Kritikers zusammen...

Stephan Langer · 08.01.2014

Ja, der Film hat zweifelsohne eine durchgängige Spannung und eine große emotionale Wucht. Nur sind Emotionen die eine Seite der Medaille und die Machart eines Films die andere. Oftmals lohnt sich der Blick hinter die großen Emotionen: mit welchen filmischen Mitteln werden sie erzeugt? Welche Räume schafft der Film, in denen das dann passiert? Wir haben es hier nicht mit einem Dokumentarfilm zu tun, sondern mit einem fiktionalen Konstrukt. Bei einem Film über diese brisante Thematik gibt es immer viele meinungsstarke Stimmen, das ist auch sehr gut so. Mir ging es darum zu sagen, dass der Film nicht so unparteiisch (konstruiert) ist, wie großflächig in der Presse (und vom Regisseur) behauptet wird.

@Caspar · 08.01.2014

Danke für den Geographiehinweis. Sie haben natürlich Recht. Auch damit, dass es für die Bewertung des Films vollkommen irrelevant ist. Grüsse, Mike

Caspar, Melchior, Balthasar · 08.01.2014

Ich hab gerade den Film im Abaton in Hamburg gesehen, in Anwesenheit des Regisseurs und seinen palästinensischen Ko-Autors, und kann diese Kritik gar nicht nachvollziehen. Viele der palästinensischen Figuren - wie zB der Protagonist Sanfur und sein Vater - sind keineswegs 'rachsüchtiger Killer'. Auch diejenigen, die Waffen tragen, kann man genauso gut als verzweifelte Freiheitskämpfer ansehen als 'hinterhältige Terroristen'.

Ein ältere palästinensischer Herr hatte sich bei der Diskussion nach der Vorführung gemeldet, und den Film ausdrücklich gelobt: seiner Meinung nach, gibt er die Situation im Westjordanland sehr realitätsnah wieder. Wenn überhaupt eine Annäherung zwischen Israelis und Palästinenser möglich sei, meinte er, dann über Filme wie dieser. Eine starke Aussage von jemandem, der aus dieser Welt stammt.

Dagegen scheint Stephan Langer sich nicht sehr gut auszukennen: er schreibt, dass der Film im Gaza-Streifen spielt. Bethlehem liegt aber im Westjordanland, nah an Jerusalem, weit von Gaza entfernt, und anders wird im Film natürlich nicht behauptet.

Dieser Fehler wäre nicht so schlimm, wenn der Kritiker die unglaubliche emotionale Wucht dieses Filmes wahrgenommen hatte. Hat er aber nicht. Im Kino heute Abend, bei einem sehr ergriffenem Publikum, war das spürbar ganz anders.

Kommentare

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