Besouro

Besouro

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Martial-Arts made in Brasilien

„Besouro“ ist der brasilianische Name eines Käfers, der fliegen kann, obwohl er nicht so aussieht. Unter diesem Namen wurde Manuel Henrique Pereira zur Legende der brasilianischen Kampf-Tanzkunst Capoeira, die in der Kolonialzeit von aus Afrika eingeschifften Sklaven entwickelt wurde. Besouro wählt die wahre Geschichte – oder besser: die Legende — des zum Mythos gewordenen Capoeirista, die in vielen Liedern überliefert ist.
Der Film spielt 1924, die Sklaverei ist in Brasilien offiziell schon fast ein halbes Jahrhundert abgeschafft, trotzdem müssen viele Afro-Brasilianer unter unmenschlichen Bedingungen für die weißen Landherren arbeiten und die öffentliche Ausübung von Capoeira wird verfolgt und bestraft. Die Filmhandlung setzt an dem Tag an, als der alte Capoeira-Meister Alipio im Auftrag eines Landbesitzers brutal ermordet wird. Besouro, der ihn als sein Meisterschüler an diesem Tag eigentlich beschützen sollte, zieht sich nach seinem Versagen in den Dschungel zurück, um wieder zu sich zu kommen und Kräfte zu sammeln für den Kampf gegen die Unterdrückung, der jetzt offen ausbricht.

Der brasilianische Regisseur João Daniel Tikhomiroff, der sich bisher als Werbefilm-Regisseur einen Namen gemacht hat, schöpft für sein Spielfilmdebüt aus verschiedenen Genres und Stilen: Die Landbesitzer werden in Szene gesetzt, als seien sie einem Italo-Westen entsprungen. Die Kampf-Szenen kommen nach bester asiatischer Martial-Arts-Manier daher. Kein Wunder, zeichnet doch Ku Huen Chiu für die verantwortlich, der sich durch seine Mitarbeit an Filmen wie Tiger and Dragon und Kill Bill einnen Namen gemacht hat.

So flexibel die Darsteller in den Kampfszenen agieren, so hölzern wirken sie allerdings in den Dialogszenen. Die drei Hauptdarsteller sind allesamt aktive Capoeirista, aber eben keine ausgebildeten Schauspieler. Dabei besitzen sie gleichwohl eine intensive körperliche Leinwandpräsenz, allen voran die Darsteller von Besouro (Ailton Carmo) und der Liebe seiner Kindertage, Dinorá (Jéssica Barbosa).

Die im Film erzählte Geschichte ist, unter Zuhilfenahme bekannter Klischees, dramaturgisch sehr einfach gestrickt: Da sind die Guten und die Bösen, da ist der durch seine Verfehlung zunächst verstoßene gute Held, der dann aber zum Anführer gegen die Bösen wird, und schließlich ist da die schöne Frau zwischen zwei Freunden, somit ist Eifersucht vorprogrammiert und der Verrat unter besten Freunden fast unausweichlich.

Die gelungensten Szenen dieses hybrid anmutenden Films sind jene, in denen Besouro in Kontakt tritt mit den Kräften der Natur und mit den Orixás, jenen afro-brasilianischen Gottheiten des Candomblé, einer Form des Spiritismus. In beeindruckender visueller Gestalt (wobei im Sounddesign auch etwas zu bass-lastig beeindruckend) erscheint Besouro der Götterbote Exú, welcher auch mit dem Teufel assoziiert wird. Besouro selbst identifiziert sich mit Ogun, dem Schutzpatron des Eisens und des Krieges. Diese Art von magischem Realismus zwischen Traum und Wahrnehmung, deren Visualisierung auf der Grundlage der afro-brasilianischen Religion ihre Gestalt annimmt, dürfte allerdings die Zuschauer irritieren, die kein dementsprechendes Vorwissen mit in den Film gebracht haben. Denn ohne das Wissen um die Bedeutung dieser Bilder, die konsequenterweise auch keine Erklärung erfahren, haben diese leicht die Anmutung von unmotiviertem Kitsch und Kunsthandwerk. Deshalb ist Besouro wohl auch letztendlich eher ein Film für Brasilien-Fans, als für Martial-Arts Puristen.

Das stolze, kämpferische Erbe Besouros wird am Schluss des Films übrigens der nächsten Generation weitergegeben und findet seinen Weg in der Geschichte: Das Capoeira-Verbot wurde 1937 aufgehoben. Inzwischen ist die Capoeira in Brasilien wie schon die Samba längst zum nationalen Kulturgut und Exportschlager avanciert.
Doch die historische Thematik ist leider immer noch aktuell. Die so genannte „neue Sklaverei“ ist ein gesellschaftliches Problem im heutigen Brasilien.

Besouro

„Besouro“ ist der brasilianische Name eines Käfers, der fliegen kann, obwohl er nicht so aussieht. Unter diesem Namen wurde Manuel Henrique Pereira zur Legende der brasilianischen Kampf-Tanzkunst Capoeira, die in der Kolonialzeit von aus Afrika eingeschifften Sklaven entwickelt wurde.
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