Berliner Philharmoniker in Singapur - A Musical Journey in 3D

Berliner Philharmoniker in Singapur - A Musical Journey in 3D

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Revolution des Konzertfilms

Der allgegenwärtige 3D-Boom signalisiert zwar eine gewisse Routine, aber tatsächlich steht der kreative Umgang mit der neuen Technik noch am Anfang. Wirklich innovative ästhetische Erfahrungen versprechen derzeit weniger Actionspektakel als vielmehr geduldige Beobachtungen raumgreifender künstlerischer Prozesse. Dem Neuland, das Wim Wenders mit Pina für den Tanz und Werner Herzog für die Höhlenmalerei (Die Höhle der vergessenen Träume) erkundet haben, fügt nun Michael Beyer eine faszinierende Reise in den Organismus eines Weltklasse-Orchesters hinzu.
Eigentlich ist Berliner Philharmoniker in Singapur – A Musical Journey in 3D "nur" ein Konzertmitschnitt von Gustav Mahlers 1. Sinfonie und Sergei Rachmaninows Sinfonischen Tänzen. Abgesehen von ein paar Stadtansichten von Singapur im zweiten Teil bietet die Dokumentation vor allem Aufnahmen von den Musikern und ihrem Dirigenten Sir Simon Rattle. Aber das sind keine gewöhnlichen Bilder, das ist eine Revolution. Noch nie konnte man den Musikern so nah sein, noch nie das Gefühl entwickeln, als sitze man direkt neben ihnen.

Schon bei einem der ersten Bilder wird der Unterschied spürbar: drei Hornisten gestaffelt im Raum, nicht flächig nebeneinander, sondern so, dass die kleine Gruppe die Tiefe ausfüllt. Normalerweise müsste jetzt ein Schnitt auf ein anderes melodieführendes Instrument oder auf den Dirigenten folgen – und manchmal geschieht das auch in diesem 3D-Film. Manchmal jedoch genügt eine kleine Bewegung der Kamera, um weitere Mitspieler ins Bild zu nehmen. Aus der kleinen Gruppe wird dann etwa ein Dialog zwischen zwei Instrumenten. Oder die Kamera fährt leicht zurück und gibt den Blick auf das gesamte Halbrund mit den gut hundert Mitwirkenden frei. Oder sie misst den Raum aus vom Dirigenten bis ganz nach hinten zu den Männern an den Pauken, die konzentriert auf ihren Einsatz warten.
So erweckt die durch 3D mögliche Bildsprache die Kommunikationswege zwischen den Akteuren ganz anders zum Leben, als dies durch eine 2D-Montage machbar wäre. Sie betont die gemeinsame Anwesenheit, die Gleichzeitigkeit des Miteinanders, etwa wenn die Violinen einen schnellen Lauf spielen, die Frau an der Flöte dahinter Pause hat und der Trompeter gerade nach seinem Dämpfer greift. Oder wenn der Dirigent sich zu den ersten Geigen hinüberbeugt und zugleich den Celli ein Zeichen gibt. Natürlich sind die Berliner Philharmoniker schon immer für die Harmonie ihres Klangkörpers gerühmt worden, auch in den mehr klassischen Interviewszenen der Dokumentation A Trip to Asia war das ein wichtiges Thema. Aber noch nie durfte man so hautnah miterleben, wie die Einzelkönner vom Dirigenten zu einer Gemeinschaft zusammengeschweißt werden.

Apropos Dirigent: Simon Rattle ist sowieso ein Erlebnis für sich, ganz egal in welchem Filmformat. Selbstverständlich ist er häufig im Bild, mit seiner unverwechselbaren Leidenschaft, seiner Ergriffenheit und den immer wieder überraschenden Gebärden, in denen er mit der Musik verschmilzt und ihr zugleich seine Interpretation abringt. Es scheint, als gönne sich der immer noch jugendlich wirkende 56-Jährige keine einzige Sekunde am Pult, in der er auf seine ungeheure Routine vertraut. Jede Bewegung, jeder Augenaufschlag wirkt so, als seien sie in diesem Augenblick geboren, passend und angemessen für genau diesen Moment.

Während die bis zu zwölf Kameras während der Mahler-Sinfonie die ganze Zeit im Orchesterrund bleiben, legen sich im zweiten Teil immer wieder Bilder aus Singapur über die Musik. Das ist schlüssig. Denn schließlich ist ein Konzertmitschnitt trotz aller Innovationen nicht das, was Kino eigentlich ausmacht. Regisseur Michael Beyer und sein Kameramann Tomas Erhart haben reizvolle Szenen von der Architektur der Stadt, ihren Menschen und den verschiedenen religiösen Praktiken eingefangen. Zu den bildstärksten zählen wohl nicht zufälligerweise zwei Tanzszenen. Denn hier kommt der Raum zu seinem vollen Recht. Und Pina, der vom selben Verleih in die Kinos gebracht wurde, lässt von ferne grüßen.

Berliner Philharmoniker in Singapur - A Musical Journey in 3D

Der allgegenwärtige 3D-Boom signalisiert zwar eine gewisse Routine, aber tatsächlich steht der kreative Umgang mit der neuen Technik noch am Anfang. Wirklich innovative ästhetische Erfahrungen versprechen derzeit weniger Actionspektakel als vielmehr geduldige Beobachtungen raumgreifender künstlerischer Prozesse.
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Titel
Berliner Philharmoniker in Singapur - A Musical Journey in 3D
Revolution des Konzertfilms
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o.Al.

Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
105 Min
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