Berlin Alexanderplatz (1980)

Berlin Alexanderplatz (1980)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Das wechselvolle Schicksal des Franz Biberkopf, sorgfältig bearbeitet

Sowohl auf literarischem als auch auf filmischem Gebiet stellt die Figur des Franz Biberkopf einen der ambivalentesten deutschen Charaktere dar, dessen wechselhafte Geschichte ein Millionenpublikum unterschiedlicher Generationen gefunden hat. Der Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin aus dem Jahre 1929 zählt heute noch häufig zur Unterrrichtslektüre, auch wenn diese umfangreiche, komplexe Erzählung bei den Schülern zweifellos nicht zu den beliebtesten zählt. Die Verfilmung des Stoffes von Rainer Werner Fassbinder in 13 Folgen und einem Epilog, die im Auftrag des WDR entstand und zwischen August und Dezember 1980 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, hatte bei einem damals pompösen Budget von 13 Millionen Mark die Hoffnung auf einen großen Publikumserfolg beherbergt. Doch die anfänglichen Einschaltquoten von 27 Prozent fielen bereits nach der Ausstrahlung des vierten Teils auf karge elf hinab, wobei von Seiten der Zuschauer, prominenter Persönlichkeiten sowie der Presse – angeführt von der Bild-Zeitung – derbe Kritiken bis Beschimpfungen auf den ungefälligen Filmemacher prasselten, dessen avantgardistischer Stil offensichtlich wieder einmal einen empfindlichen Nerv getroffen hatte.
Anlässlich des 25. Todesjahres von Rainer Werner Fassbinder wurde Berlin Alexanderplatz im Rahmen der Berlinale 2007 in einer aufwändig restaurierten Fassung uraufgeführt. Die Gesamtleitung dieser um einiges aufgehellten Version unterlag Juliane Lorenz, der langjährigen Lebensgefährtin des Regisseurs und Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Foundation, die damals für den Schnitt der Fersehserie verantwortlich war, und als künstlerischer Leiter fungierte Xaver Schwarzenberger, der einstige Kameramann. Aus dieser vertrauten Kooperation setzt sich die sechs DVDs umfassende Edition Fassbinder: Berlin Alexanderplatz / Remastered zusammen, die lange Zeit vergriffen war und nun erneut bei Arthaus erscheint. Neben den kompletten 13 Folgen und dem umfangreichen Finale "Mein Traum vom Traum des Franz Biberkopf von Alfred Döblin - Ein Epilog" ist es das reichhaltige Bonusmaterial, das die Romanverfilmung ansprechend ergänzt. Darunter befinden sich die Dokumentationen Fassbinders Berlin Alexanderplatz – Ein Megafilm und seine Geschichte und Fassbinders Berlin Alexanderplatz Remastered – Beobachtungen bei der Restauration von Juliane Lorenz, Berlin Alexanderplatz – Beobachtungen bei den Dreharbeiten von Hans-Dieter Hartl sowie ein ausführliches Booklet mit dem Essay Die Städte des Menschen und seine Seele – Einige ungeordnete Gedanken zu Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz von Rainer Werner Fassbinder, der im März 1980 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Die erste Episode der Fernsehserie wurde unter dem Titel "Die Strafe beginnt" am 28. August 1980 ausgestrahlt und setzt mit der Haftentlassung des zentralen Helden Franz Biberkopf ein, der auf geradezu gespenstisch-geniale Weise von Günter Lamprecht verkörpert wird, der für diese Rolle mit dem Deutschen Darstellerpreis in Form eines Bronzegusses der Originalschuhe Charlie Chaplins ausgezeichnet wurde. Das Schicksal dieser schillernden Figur eines Mannes um die dreißig, der gerade wegen Totschlags an seiner einstigen Freundin Ida (Barbara Valentin) vier Jahre im Gefängnis verbüßt hat und nun in einem Zustand ohnmächtiger Hilflosigkeit in das bewegte Berlin der Weimarer Republik entlassen wird, wird bis zur letzten Folge "Das Äußere und das Innere und das Geheimnis der Angst vor dem Geheimnis" gleichermaßen schockierend und künstlerisch anspruchsvoll innerhalb der gesellschaftspolitischen Turbulenzen jener Jahre geschildert. Was dem überwiegenden Fernsehpublikum damals als unerhörte Zumutung erschien, stellt retrospektiv das wohl persönlichste und ausgereifteste Werk eines nicht selten allzu gering geschätzten Filmemachers dar, das hinsichtlich seiner Intensität und Qualität zu den beeindruckendsten der gesamten deutschen Filmgeschichte zu zählen ist.

Auch wenn Franz Biberkopf, der nach der Haft wieder ein Zimmer bei seiner alten Wirtin Frau Bast (Brigitte Mira) bezieht, schwört, fortan ein ehrliches Leben jenseits von Ludenschaft und Kriminalität zu führen, gestaltet sich sein Weg durch die Wirren der Großstadt so wechselhaft wie abgründig, der immer wieder von der Prostituierten Eva (Hanna Schygulla) gekreuzt wird, die ihn bedingungslos liebt. Sie ist es auch, die ihm schließlich seine große Liebe Mieze (Barbara Sukowa) zuführt, die letztlich vom erotomanischen, bösartigen Kriminellen Reinhold (Gottfried John) getötet wird, den Franz bis zum Schluss für seinen Freund hält. Aus dem Alptraum des Alkoholismus steigt Franz wieder hervor, und auch in Sachen Broterwerb rappelt er sich immer wieder auf, doch dann hat dieser mal sanfte, warmherzige, und dann wieder wilde, ungezähmte Mann, der die Frauen nur allzu gern in den Hals beißt, doch wieder ein Mädchen für sich laufen, und am Ende bleibt ihm nur noch der Wahnsinn, der ein Spiegelbild der ver-rückten Gesellschaft repräsentiert.

Die Edition Fassbinder: Berlin Alexanderplatz / Remastered ist geschichtliches Zeitzeugnis, höchst brillante Unterhaltung und bedeutendes filmhistorisches Dokument gleichermaßen, das 15 Stunden lang in die Welten des Rainer Werner Fassbinder entführt. Auch wenn die Serie als adäquate Literaturverfilmung des Romans von Alfred Döblin mit seinem Zitatenschatz aus Zeitungsmeldungen jener Zeit, Liedtexten und gar Wetterberichten sowie aus der Bibel umstritten ist, ist Rainer Werner Fassbinder doch ein überragendes, ganz eigenes Werk mit in Details starker Nähe zu Form und Inhalt der literarischen Vorlage gelungen, das die Essenz der Charaktere und Ereignisse unsagbar dicht und berührend transformiert. Die sorgfältigen Szenarien, das wunderbare Ensemble sowie die künstlerischen Installationen innerhalb der stringenten Dramaturgie erschaffen ein Filmerlebnis, dessen tiefgründige und mitunter grausame Tragik ein extremes Abbild des Humanen kreiert, dessen schwelende Ambivalenz den Zuschauer so kräftig wie prächtig zu malträtieren versteht.

Berlin Alexanderplatz (1980)

Sowohl auf literarischem als auch auf filmischem Gebiet stellt die Figur des Franz Biberkopf einen der ambivalentesten deutschen Charaktere dar, dessen wechselhafte Geschichte ein Millionenpublikum unterschiedlicher Generationen gefunden hat.
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