Beast

Beast

Eine Filmkritik von Martin Gobbin

Die allzumenschliche Unmenschlichkeit

Eine der gedankenlosesten Angewohnheiten von Filmkritikern ist es, reflexartig von "animalischen Trieben" zu schreiben, sobald eine Figur die Kontrolle über sich verliert und ihre sexuellen oder gewalttätigen Neigungen hemmungslos auslebt. Solche Formulierungen zeugen von einer erstaunlichen Verdrängungsleistung unserer Spezies, erschaffen wir uns doch so ein trügerisches Selbstbild, in dem das Triebhafte nicht etwa irreduzibler Bestandteil der conditio humana ist, sondern paradoxerweise als unmenschlich gilt.
Christoffer Boes Arthouse-Horrorfilm Beast bedient sich schon im Titel dieser Logik, die das Tier als niedrigere Lebensform begreift – als Stufe, auf die der Mensch herab sinken kann. Im Mittelpunkt jener umgekehrten Evolution steht Bruno (Nicolas Bro), ein ebenso korpulenter wie wohlhabender Mittdreißiger. Er und seine Lebensgefährtin Maxine (Marijana Jankovic) suchen eine gemeinsame Wohnung. Doch obwohl die Beiden offensichtlich noch recht frisch verliebt sind, schieben sich schon früh eine kurze verstörende Szene und schwere Melodien mit bedrohlichen Untertönen unter die Bilder des jungen Glücks.

Einige Monate und wenige Filmsekunden später scheint sich ihr Zusammenleben grundlegend verändert zu haben. "Du bist ein Tier!", schleudert Bruno seiner Partnerin auf der Straße entgegen. Sie will sich nicht mal mehr von ihm umarmen lassen. Die düsteren Untertöne sind zum Hauptklang geworden, zu einem unheilvollen Dröhnen auf der Tonspur.

Als Bruno erfährt, dass Maxine ihn heimlich mit Valdemar (Nikolaj Lie Kaas) betrügt, bringt ihn der Schock ins Krankenhaus. Schmerzhafte Magengeschwüre setzen ihm sichtlich zu, das emotionale Leiden wird auch zum körperlichen. Doch Bruno ist bereit, alles zu tun, um seine große Liebe zum Bleiben zu veranlassen. Er führt Maxine in eine Kirche ("Hast du gesündigt?"), bedroht ihren Liebhaber und verstümmelt sich selbst. Die verzweifelte Eifersucht treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Wie ein Besessener kämpft er gegen die Windmühlen des Entliebens.

Dieses Erwachen der wilden Bestie im Körper eines braven Biedermanns vermittelt Nicolas Bro mit zunehmend außer Kontrolle geratender, mal wütender, mal manischer Mimik und Gestik. Marijana Jankovic spielt ihre weniger zentrale, dafür jedoch differenziertere Rolle zurückhaltender. Maxines Verunsicherung wird sichtbar, wenn es sie zu Valdemar zieht, sie aber dennoch – halb aus Mitleid, halb aus Gewohnheit – bei Bruno bleibt, obwohl er ihr mehrfach Anlass zum Fürchten gibt. Bruno macht es ihr einfach, ihn zu verabscheuen – und doch gelingt es ihm, einen Keil zwischen Valdemar und Maxine zu treiben.

Obwohl Beast auf die düstere Seite der Liebe blickt, setzt Regisseur Christoffer Boe (Reconstruction) häufig warme Gelb-Töne ein und lenkt den Zuschauer damit gezielt in eine falsche atmosphärische Richtung. Täuschend funktionieren auch die Computeranimationen, mit denen der Film ins Körperinnere seiner Protagonisten schaut. Lange Zeit suggeriert die Montage, dass es sich um das Fleisch einer bestimmten Figur handelt, während das Ende gegenteilige Schlüsse zulässt und zugleich am Rande andeutet, was der wahre Grund von Brunos psychischer Regression sein könnte.

Stilistisch auffällig sind zudem die schrägen Blickwinkel, mit denen Kamerafrau Sophia Olsson metaphorisch das ins Wanken geratene Weltbild Brunos in die Form des Films übernimmt. Quasi als Ausgleich dazu arbeitet sie häufig mit Gegenlicht, das die Bilder überstrahlt und ihnen eine friedliche Grundierung gibt. Diese visuelle Stimmungslage bildet einen intensiven Kontrast zu den zunehmend blutig werdenden Szenen, was deren Wirkung noch verstärkt. Unglücklich wirken in Beast – neben der schiefen Metaphorik des vermeintlich animalischen Verhaltens von Menschen – einzig einige allzu künstliche CGI-Sequenzen von Landschaften und Stadtszenerien.

Wenn im Finale ein Tod und eine Geburt, ein endendes und ein beginnendes Leben, zusammen fallen, sehen wir in beiden Situationen aufgeschlitzte Körper in fragmentarischen Nahaufnahmen. Was von diesen Detail-Einstellungen Realität und was Todesvision oder Albtraum ist, lässt sich nicht eindeutig entscheiden. Verbunden sind beide Ereignisse jedoch durch ein und dasselbe: Die Kraft der Liebe, die das Potential zu wahnsinnigem Glück und wahnsinnigem Leid in sich vereint.

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Eine der gedankenlosesten Angewohnheiten von Filmkritikern ist es, reflexartig von "animalischen Trieben" zu schreiben, sobald eine Figur die Kontrolle über sich verliert und ihre sexuellen oder gewalttätigen Neigungen hemmungslos auslebt.
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