Baskin

Baskin

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Schauer von Blutlust

Wir reden ja mittlerweile viel zu wenig von Schauergeschichten. Schauer: Das ist schon immer mehr als der reine Grusel, sondern eine Stufe des Unheimlichen, in die sich das Grauen mit hereinmischt und aus der es kein rechtes Entkommen mehr gibt. Das Kino der Gegenwart hat, manchmal könnte dieser Eindruck entstehen (der aber natürlich nicht stimmt), die Schauergeschichten vergessen, weil es zu sehr schon immer auf den blanken Horror blickt, am liebsten noch in seiner physischsten Variante, dem Splatterkino, das Körper on camera zerlegt, zerfließen und zerbersten lässt.
Und dann kommt also Baskin daher, ein türkischer Film – nicht eben ein Land, welches den hiesigen Genrekennern als Hort des Horrorfilms bekannt ist (ähnlich wie Israel bis Rabies vor fünf Jahren in diesem Genre international praktisch überhaupt nicht in Erscheinung getreten war). Baskin startet sehr elegant und stimmungsvoll als mild ins Blutige changierende Schauergeschichte, bis er, die Hölle lässt grüßen, in die Tiefe steigt (emotional, moralisch sowie wortwörtlich) und erst Körperhorror und schließlich hemmungsloses Splatterkino folgen lässt.

Eine Gruppe Polizisten sitzt in einer Kneipe, es werden Männersprüche ausgetauscht und ernsthafte Erinnerungen; dann machen sie sich auf den Weg zum Notruf von Kollegen, aber gab es den wirklich? Die Frage erübrigt sich dann fast schon, als sie mit ihrem Wagen einen Mann überfahren und selbst in einem See landen. Wirklich blutig wird es aber erst nachher.

Baskin dreht sich in ungleichmäßigen Spiralen, in nicht konzentrischen Kreisen um sich selbst: Immer wieder kehren wir an den Tisch in dieser Kneipe zurück, zu einem Gespräch zwischen Neuling Arda (Gorkem Kasal) und dem Chef in der Einheit, Remzi (Ergun Kuyucu), der den Waisen unter seine Fittiche genommen hat. Aber bei jedem Schritt geht es in dem Gespräch um andere, tiefer gehende Dinge – die Vorgeschichte dieser beiden hat womöglich auch mit dem zu tun, was ihnen nun widerfährt.

Und immer wieder kehrt dann auch die Straße zurück, über die der Polizeiwagen rast. Das hat System, denn Regisseur Can Evrenol erzählt eine Geschichte ohne Ausweg, eine Hölle in Windungen und Wiederholungen, Ab- und Aufstiegen. Oder ist das schon die Welt auf der anderen Seite, die Hölle ohne Ausweg, ein kontinuierlicher, nie endender Abgrund?

All das ergibt am Ende nicht unbedingt fundamental originelles, neues Schauerkino; dafür bedient sich Evrenol doch zu sichtbar am internationalen Repertoire und an bekannten Stereotypen des Schreckens, dafür reicht auch seine Mythologie dann nicht über die Oberfläche altbekannter Szenarien hinaus.

Was dem Film aber besser gelingt als den meisten seiner Zeitgenossen ist die Schwebe, die Leichtigkeit inmitten von Geschrei und Blut: Baskin hält sich elegant die ganze Zeit in jenem Unheimlichen, in dem sich Erinnerung, Phantasie, Wahn und Wirklichkeit grenzfrei ineinander mischen.

Baskin

Wir reden ja mittlerweile viel zu wenig von Schauergeschichten. Schauer: Das ist schon immer mehr als der reine Grusel, sondern eine Stufe des Unheimlichen, in die sich das Grauen mit hereinmischt und aus der es kein rechtes Entkommen mehr gibt.
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