Barriere

Barriere

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Grotesk gescheitert

Neun junge Schauspieler brechen von Berlin aus auf, um während einer Probewoche an einem Provinztheater wegen drei zu vergebener Rollen im Stück Hamlet zu konkurrieren, der dort als Open-Air-Theater aufgeführt werden soll. Vor Ort erwartet sie ein knarziger alternder Regie-Veteran (Matthias Habich), der in seiner über vierzigjährigen Theaterlaufbahn hoffenswerterweise auch schon an bedeutenderen Bühnen gearbeitet hat. Denn hier muss er tagsüber das Dorfkino als Bühne für die Probenarbeit nutzen. Ein Junge aus dem Dorf, der als Filmvorführer arbeitet, ist fasziniert von der Truppe und ihrem Treiben. Es dauert allerdings nicht lange, dann wird er zum Spielball der Eifersuchts- und Machtspielchen, mit denen sich die Truppe, nach der Probenarbeit des Tages völlig enthemmt agierend, die langen Abende im Hotel vertreibt und dabei die Konkurrenz um die Rollen mit allen Mitteln weitertreibt. Man weiß zwar lange nicht, wer letztlich zu den Gewinnern oder Verlierern gehört, aber eines zeichnet sich überdeutlich ab: Am Ende wird es hier knallen.
Doch bis es endlich soweit ist, hat der Zuschauer in Andreas Kleinerts in schwarz-weiß gedrehtem Film Barriere eine erbarmungslose Tour de Force zu ertragen. Schon die Exposition schickt die Schauspieler beim Abschied in Berlin holterdipolter derart überstürzt parallel montiert auf die Reise, dass sie lediglich als Horde,denn als Individuen wahrnehmbar sind. Auch später bleiben die einzelnen Figuren seltsam blass und uneindrücklich, aller überzogenen Typisierung zum Trotz. Die Dialoge der jungen Konkurrenten beim Einchecken im Hotel und ihr Gehabe im Frühstücksraum scheinen lauthals signalisieren zu wollen: Hallo! Dieser Film ist als Groteske gedacht! Wobei "gedacht" das entscheidende Wort ist, denn trotz bemühtem Tempo und überzogenem Spiel kommt der Film nie bei dieser Zielsetzung an. Er bremst sich selbst aus, denn bei all dem wilden Treiben auf der Leinwand ist er viel zu verkopft.

An guten Gedanken und Vorsätzen steckt eigentlich vieles in diesem Film: Andreas Kleinert, der 2008 mit Freischwimmer schon einen ähnlich gelagerten Film ebenso in einem kleinen Städtchen angesiedelt hat, hat mit Barriere allem Anschein nach zu viel auf einmal gewollt: Zuallererst ist Barriere ein Ensemblefilm, in dem der Regisseur und Drehbuchautor Kleinert (der jetzt auch Professor an der HFF Konrad-Wolf ist, an der er früher selbst studierte) Schauspielschülern eine Bühne bieten will. Allerdings sind die wenigen Momente, wo das Aufblitzen von jungem Talent in diesem lärmig hohldrehenden Film aufhorchen lässt, an einer Hand abzuzählen. Das Unbehagen potenziert sich leicht, wenn Schauspieler in einem Film Schauspieler spielen, die ausgerechnet Hamlet zu spielen haben, wo sie sich doch auch schon als sie selbst so theatralisch aufführen müssen, als befänden sie sich auf einer Bühne.

Aber das Drehbuch hat noch mehr Ideen angelegt: Da will unter anderem Großstadt vs. Provinzkaff, Freigeist vs. Engstirnigkeit, Kalkül vs. Naivität und Theater vs. Kino thematisiert werden. Wobei letzteres in einer schönen kleinen Szene auf den Punkt umgesetzt ist, wenn die Theatertruppe noch vorne auf der Bühne ihre Proben fortsetzen will, während schon die Kinogäste rücksichtslos in den Saal drängen und die Theaterleute kapitulieren müssen.

Andererseits ist das Drehbuch (mit knapp über 40 Seiten, der Rest ist durch Improvisationen entwickelt worden) bei aller intellektuellen Überfrachtung so voraussehbar gestrickt, dass man als Zuschauer schon ab dem frühen Moment, wenn der Vater des Dorfjungen sein Gewehr das erste Mal wegschließt, weiß, dass es irgendwann knallen wird. Vorher müssen aber noch die Probenarbeit zu Ende geführt, etliche Monologe aus Hamlet aufgesagt und viele Begierden und Obsessionen ausgelebt werden. Und zuguterletzt muss erst noch der reinigende Regen der Katharsis fallen, bevor endlich der finale Schuss das Drama beendet. Wobei die größte Tragik darin liegt, dass in diesem gescheiterten Versuch einer Groteske, letztendlich eine gesamte Abschlussklasse von jungen Schauspielschülern verheizt wird, während der eine Jugendliche, der keinerlei Schauspielerfahrung besitzt, zum heimlichen Lichtblick wird, da seinem Charakter einige schöne, stille Momente gegönnt sind.

Barriere

Neun junge Schauspieler brechen von Berlin aus auf, um während einer Probewoche an einem Provinztheater wegen drei zu vergebener Rollen im "Hamlet" zu konkurrieren, der dort als Open-Air-Theater aufgeführt werden soll. Vor Ort erwartet sie ein knarziger alternder Regie-Veteran (Matthias Habich), der in seiner über vierzigjährigen Theaterlaufbahn hoffenswerterweise auch schon an bedeutenderen Bühnen gearbeitet hat.
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Meinungen
wignanek-hp · 23.09.2010

Die Kritik ist zu hart. Ich habe den Film auch auf der Berlinale gesehen und fand ihn gut. Die Unsicherheiten, wenn man auf Fremde trifft, die dann auch noch Konkurrenten sind, wird schon gut eingefangen. Eine Entwicklung der Figuren ist eigentlich nicht geplant. Es geht vielmehr darum, wie sich die Konkurrenzsituation auf den Einzelnen und die Gruppe auswirkt.
Paul Preuss ist beileibe kein Neuling in dem Geschäft. Auch wenn er in dem Film so tut. Das ist halt Schauspielkunst und er hatte den dankbarsten Part in den Film.

Was mich allerdings wirklich gestört hat, ist der Schluss, vor allem mit den Querverweisen vorher. Das hätte der Film nicht nötig gehabt. Das hebt ihn viel zu sehr auf die melodramatische Ebene. Spannend wäre gerade das Gegenteil gewesen, wenn diese Verweise in Leere gelaufen wären. Aber trotzdem war es ein erfrischendes und schönes Kinoerlebnis, so wie sie mittlerweile viel zu selten geworden sind in deutschen Kinos.

seher · 12.03.2010

habe den film auf der berlinale gesehen - den kann man sich anschauen - gut!

Kommentare

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