Barbara

Barbara

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Fremd im eigenen Land

Plötzlich ist sie da in dem Krankenhaus in einem kleinen Ort, einer Stadt am Meer, genauer an der Ostsee. Es ist der Sommer des Jahres 1980, und die Kinderärztin Barbara (Nina Hoss) wurde von der Berliner Charité hierher strafversetzt, nachdem sie es gewagt hatte, einen Ausreiseantrag zu stellen. Der Chef der Abteilung, André (Ronald Zehrfeld) weiß Bescheid, er wurde von der Stasi darüber unterrichtet, wer da neu bei ihm anfängt. Und natürlich soll er Barbara auch im Auge behalten, ebenso wie die Männer in dem Wagen, der ganz und gar ungeniert und mit aufreizender Offensichtlichkeit vor ihrer neuen Behausung abgestellt ist. Und schließlich ist da noch die Hausmeistern Frau Bungert, die ebenfalls ein wachsames Auge auf die junge Frau geworfen hat. Von all dem wissen Barbaras neue Kollegen an der Klinik zwar nichts, doch auch für sie ist die Ärztin ein Fremdkörper – immerhin kommt sie aus Berlin, der Hauptstadt und das war im real existierenden Sozialismus in der DDR schon immer etwas Besonderes. Denn Schranken und Kasten gab es auch (und erst recht) im Arbeiter- und Bauernstaat.
Wie wohl viele Menschen in der damaligen DDR - zumal solche, die ihr Missfallen gegen das "Paradies der Werktätigen" so offen zum Ausdruck gebracht hatten wie sie - ist Barbara es gewohnt, ständig misstrauisch beobachtet zu werden. Sie hat sich damit arrangiert, begegnet den Menschen mit (berechtigtem) Misstrauen und lebt allein in der Hoffnung, dass es ihrem westdeutschen Geliebten Jörg (Mark Waschke) irgendwie gelingen wird, ihre Flucht zu arrangieren. So lange muss aber das Leben weitergehen, muss sie den Anschein von Normalität erwecken. Vor allem aber muss sie ihre Arbeit machen, die sie über alles liebt – was sonst ist ihr auch geblieben? Und genau hierüber kommt sie in näheren Kontakt mit André, der ebenfalls seine Erfahrungen mit dem Staatsapparat gemacht hat und der offensichtlich großen Gefallen an ihr findet. Und sie lernt das Mädchen Stella (Jasna Fritzi Bauer) kennen, die wie sie keine Chance mehr sieht in diesem Land, das ihnen allen vertraut ist und doch fremd. Und dann kommt der Moment, den Barbara so sehr herbeigesehnt hat, die Flucht ist arrangiert, der Termin festgelegt...

Selbst wenn man es nicht wüsste, wer hier Regie geführt hat – allein die Bildausschnitte (Kamera Hans Fromm), der Rhythmus des Schnittes (Bettina Böhler), die Schauspielführung und natürlich Nina Hoss verraten beinahe auf den ersten Blick, dass es sich bei Barbara um den neuen Film von Christian Petzold handelt. Neu ist dabei nur, dass die Handlung erstmals nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit angesiedelt ist und aufgrund dieser Historizität konkreter als in seinen vorherigen Filmen das deutsch-deutsche Binnenverhältnis erkundet wird, nur eben dieses Mal in einer Situation, als es noch zwei deutsche Staaten gab. Dennoch ist Barbara kein vorwiegend politischer Film geworden, wobei der ideologiekritische Subtext (gerne auch mal in Form kleiner Späße und beiläufiger Scherze) stets präsent ist.

Worum es Petzold aber eigentlich geht, ist etwas anderes: Welche Auswirkungen haben Gesellschaften, Systeme und andere äußere Einflussfaktoren auf Menschen und ihre Emotionen? Wie fühlt es sich an, wenn man nicht mehr weiß, wem man noch vertrauen kann? Wenn man fremd ist im eigenen Land und eigentlich schon weg, ohne dass es jemanden gäbe, dem man sich anvertrauen könnte? Wenn man Verabredungen trifft und genau weiß, dass man an diesem Abend schon woanders sein wird, nämlich im Westen, der vielleicht doch nicht so golden ist, wie man meint?

Petzold ist zumindest auf den ersten Blick kein Regisseur der großen Emotionen, zumindest nicht solcher, die man auf Anhieb sieht. Viel lieber erkundet er Grauzonen, Zwischenräume, in denen ein Vakuum herrscht, Nicht-Orte, Nicht-Zustände, Abwesenheit, hinter denen man im Mienenspiel oder im Bildausschnitt einen Moment aufleuchten sieht, in dem alles Glück oder Unglück der Welt oder eines Lebens zu spüren ist. Barbaraist voll von solchen Momenten, von kleinen Beobachtungen, die gebremster, beherrschter sind als in Petzolds meisterhaftem Werk Jerichow. Doch genau diese Beherrschtheit passt so hervorragend zum Sujet, zu der Zeit und den Begleiterscheinungen, dass sich diese Miniaturen am Ende auftürmen zu einem Film, der rückblickend größer ist als vieles andere, was ungleich wuchtiger, überwältigender, gewaltiger und gewalttätiger daherkommt als Barbara. Man braucht eben wie gesagt nur eine Weile (und möglicherweise auch mehrere Male), um die volle Wirkung dieses Films zu begreifen und zu spüren. Dann aber spürt man die volle Wucht dieses Film, der auf den ersten Blick so klein, so intim erscheint, hinter dem sich aber ein großes Werk verbirgt, das einen ganz neuen Blick wagt auf ein Land, das es heute nicht mehr gibt.

Barbara

Plötzlich ist sie da in dem Krankenhaus in einem kleinen Ort, einer Stadt am Meer, genauer an der Ostsee. Es ist der Sommer des Jahres 1980, und die Kinderärztin Barbara (Nina Hoss) wurde von der Berliner Charité hierher strafversetzt, nachdem sie es gewagt hatte, einen Ausreiseantrag zu stellen.
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