Bar25 - Tage außerhalb der Zeit

Bar25 - Tage außerhalb der Zeit

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Zwischen Clubmärchen und Glaubenscredo

„Es war einmal…“ – so beginnen derzeit viele Geschichten aus dem Berliner Nachtleben. Der Grund dafür liegt vor allem daran, dass in der deutschen Hauptstadt gerade ein (zumindest gefühltes) regelrechtes Clubsterben eingesetzt hat, das nacheinander angesagte Party-Locations mit der bezwingenden Logik des Neokapitalismus hinwegfegt. Denn einerseits tragen die Clubs Berlins zu dessen internationalem Ruf bei, andererseits sollen diese überall ihre Beats in die Nacht schicken, aber bitte sehr nicht in der eigenen Nachbarschaft, wo findige Investoren und Immobilienentwickler gerade das nächste Filetstücken der Metropole runderneuern und aufwerten. Einer der bekanntesten Clubs der Partyhauptstadt war mit Sicherheit die Bar 25 am Ufer der Spree im Stadtteil Friedrichshain, die nach fünfjährigem Wirken im September 2010 für immer ihre Türen schloss, weil der Club der Entwicklung des Mediaspree-Projektes im Wege war. Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit ist ein filmischer Nachruf auf den legendären Club, der zu den bekanntesten der Stadt zählte. Weil die Nostalgie so manches verklärt und beide Filmemacherinnen auch außerhalb des Filmes mit der Bar 25 freundschaftlich verbunden waren, ist der Film in erster Linie als Hommage und Huldigung (oder „Doku-Märchen“, wie die beiden Regisseurinnen es nennen) an ein Lebensgefühl zu sehen und weniger als Dokumentarfilm, der auch kritische Fragen an seine Protagonisten stellt.
Die Bar 25, die im Jahr 2004 startete, war stets viel mehr als ein Club, sie war eine Mischung aus Kulturinstitution, Kommune, Eventlocation für große Unternehmen, Experimentierfeld und Fluchtpunkt aus der harten Realität. Sie umfasste ein Restaurant, ein Hostel, in dem einst Quentin Tarantino nächtigte, einen Pool, eine Wagenburg und einen Zirkus. Initiiert von Christoph, Steffi Lotta, Danny und Juval kulminierten an diesem Ort zwischen Ostbahnhof und Jannowitzbrücke Utopien, die an die Hippie-Ideale erinnern, mit der Suche nach den besten Beats, der längsten Party, dem ultimativen Kick und dem alltäglichen Überlebenskampf – ein Mikrokosmos, der in perfekter Weise das Lebensgefühl vieler junger Berliner widerspiegelte und der auf Feierwütige aus aller Welt eine nahezu magnetische Anziehung ausstrahlte.

Britta Mischer und Nana Yuriko haben das Lebensgefühl dieser wilden und aufregenden Zeit mit teilweise kongenialen Bildern und einem atemberaubenden Soundtrack eingefangen und lassen keinen Zweifel daran, dass sie dieser Zeit nachtrauern, dass hier etwas gelebt wurde, mit dem sie sich voll und ganz identifizieren können, das ihre ungeteilten Sympathien besitzt.

Betrachtet man es genauer, besteht zur Trauer gar nicht so viel Anlass, denn mit dem Kater Holzig in unmittelbarer Nähe der alten Location haben die Macher der Bar 25 ein neues Projekt am Start, das mittlerweile ebenfalls dabei ist, Kultstatus zu erlangen. Und vielleicht liegt ja gerade in der Flüchtigkeit, in dem ständigen Bedrohtsein und im allgegenwärtigen Geist der Improvisation das eigentliche Erfolgsgeheimnis vieler Clubs in Berlin. Weil das Leben und der Puls der Stadt rasant weitergehen und weil sich Berlin in ständiger Veränderung befindet.

Verändert hat sich auch die Strategie der früheren Betreiber der Bar 25 – im Moment bemühen sie sich gerade um den Erwerb des Areals, auf dem sich einst die Bar 25 befand, um dort ein ganz ähnliches Projekt mit dem Arbeitstitel Holzmarkt zu etablieren. Nur eben nun als dauerhafte Einrichtung statt als Provisorium mit festgeschriebenem Ablaufdatum. Aus den selbst ernannten „Business-Hippies“ von einst werden Investoren und man darf gespannt sein, wie der Kampf um das Berliner Nachtleben ausgehen wird.

Was aber machte den ganz besonderen Zauber der Bar 25 aus? Die Antworten auf diese und andere Fragen, die in dem Film allenfalls in Nebensätzen und mit großer Beiläufigkeit fallen, ohne dass die Filmemacherinnen dem nachspüren, haben beinahe etwas von den Dogmen und Thesen von Glaubensgemeinschaften an sich: Entweder man glaubt sie und kann sich damit hundertprozentig identifizieren oder man nimmt das Ganze mehr oder weniger schulterzuckend zur Kenntnis und bleibt außen vor. Dazu passt dann auch das „Vater unser“, das metrisch nicht ganz korrekt die Religion der Partysüchtigen auf den Punkt bringt: „Bar25, unser Himmel. / Ins Hirn gebrannt sei dein Name. / In deinen Eingang, ich komme./ Dein Programm geschehe, wie im Circus, so auf dem Dancefloor. / Unseren täglichen Spaß gib uns heute / und vergib uns unsere Krankenscheine, / wie auch wir vergeben anderer Notlügen. / Führe uns weiterhin in Versuchung. / Erlöse uns von dem Abtörn, / denn dein ist das Verspulte / und die Magie / und die Fabelhaftigkeit im Fotoautomat. / Schaukel.“ Wer das komisch findet, der ist in diesem Film sicherlich richtig aufgehoben.

Wenn wirklich etwas von einem Märchen in Geschichten wie der Bar 25 drinsteckt, dann passt sicherlich am ehesten die Mär vom Hasen und vom Igel. Und das wäre dann beruhigend und beängstigend zugleich.

Bar25 - Tage außerhalb der Zeit

„Es war einmal…“ – so beginnen derzeit viele Geschichten aus dem Berliner Nachtleben. Der Grund dafür liegt vor allem daran, dass in der deutschen Hauptstadt gerade ein (zumindest gefühltes) regelrechtes Clubsterben eingesetzt hat, das nacheinander angesagte Party-Locations mit der bezwingenden Logik des Neokapitalismus hinwegfegt.
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Meinungen
Prinz Schröder · 07.06.2012

Der Film ist einfach super, denn er gewährt Menschen, die nicht in ständig in der Bar 25 waren einen tollen Einblick hinter die "Kulissen" und den Alltag der Protagonisten.Definitiv kein reiner Film über das Feiern!

Love it!

Tanja · 07.06.2012

ich hab mir mehr versprochen von diesem film. war mir irgendwie zu abgedreht und schräg.

Mio · 31.05.2012

Liebes Kinoteam, wäre es nit sinnvoll einen Film der vom Feiern und extrem langen Wochenenden geht auch am Wochenende zu zeigen??? Denke könnte für viiiiiele Leuts als Vorspiel fürs Ausgehen mehr als interressant sein!!!

Alemutiti · 26.05.2012

Es gibt ja auch den Soundtrack zu kaufen , schau doch da mal drauf.

... · 04.05.2012

Acid Pauli oder Pilocka Krach ;)

Anonym · 02.04.2012

Kennt jemand den Track, der hier für circa anderthalb sekunden läuft, ab Sekunde 58, nachdem der Typ sagt, dass der Tag auch mal in so und so viel oder 72,5 Stunden dauert? Den vermisse ich schon sehr lange :)

Kommentare

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