Baden-Württemberg von oben

Baden-Württemberg von oben

Eine Filmkritik von Falk Straub

Warum in die Ferne schweifen ...?

Nach der Nordsee, der Ostsee, den Alpen und dem Rhein widmet sich Journalist und Filmemacher Peter Bardehle endlich dem Bundesland, in dem er aufgewachsen ist. Der gebürtige Heidenheimer bringt das Land der Badener und Schwaben in die Kinos – natürlich von oben.
Seit 1952 gibt es Baden-Württemberg. Ob der Strich im Namen mehr verbindet oder trennt, ist auch über sechs Jahrzehnte nach der Vereinigung in beiden Landesteilen Thema – manchmal ernst, meist humorvoll. Und auch Baden-Württemberg von oben trägt dazu bei. Zwar wird der Dokumentarfilm nicht müde, die Vorteile des Zusammenschlusses zu betonen, gleichzeitig arbeitet er sich aber ebenso an den Klischees des badischen Lebensgefühls und der schwäbischen Schaffigkeit ab. Dementsprechend steigt er mit einer Stadt ein, die diesen Unterschied bereits im Namen trägt: Villingen-Schwenningen – sowohl auf badischem als auch auf württembergischem Terrain gelegen. Die Stadt hat zwei Rathäuser, zwei Telefonvorwahlen und zwei Zeitungen, jedoch: ein gemeinsames Krankenhaus.

Von Villingen-Schwenningen geht es in vier Etappen bis zum Bodensee. Den Anfang macht der Neckar, der ganz in der Nähe der Doppelstadt entspringt. Die zweite Etappe bilden die Städte und Landschaften entlang des Rheins und des Schwarzwalds, bevor die Dokumentation sich Donau und Alb nähert. Im letzten Viertel zeigt der Film seinen Zuschauern schließlich Oberschwaben und den Bodensee aus der Vogelperspektive.

Mitten im Getümmel fehlt einem oft der Überblick, die Zeit, zu verweilen und der Sinn für das Schöne. Wer aufsteige, sehe Baden-Württemberg mit anderen Augen, verkündet eine getragene Frauenstimme ganz am Anfang des Dokumentarfilms. Es ist Nina Hoss, die in Stuttgart geboren wurde. Und die Schauspielerin hat recht. In den stechend scharfen Bildern der Cineflex-Kamera sieht selbst die baden-württembergische Landeshauptstadt in ihrem tiefen Kessel ansehnlich, bei Nacht gar cool aus.

Es sind vor allem diese Aufnahmen, die Baden-Württemberg von oben zu einem Seherlebnis machen. Wenn Klaus Stuhls Kamera am Helikopter über gelb und orange leuchtende Raps- und Kürbisfelder, über den Neckar auf die Heidelberger Altstadt zu, über das Hochmoor bei Kaltenbronn, über die steilen Felswände der Schwäbischen Alb oder über die Segelboote auf dem Bodensee schwebt, stimmt man Regisseur Peter Bardehle zu, der sagt: "Wir haben das Paradies vor unserer Haustür – und sehen es nicht." Seltene Einblicke, etwa in die Baustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof, auf eine Büffelherde oder auf die Ernte eines Stücks Rollrasen, gibt es obendrauf.

Erzählerisch kann Baden-Württemberg von oben bei diesen Bildern nicht ganz mithalten. Zwar wartet Nina Hoss in ihrem Kommentar mit zahlreichen Fakten und Anekdoten auf, macht den Dokumentarfilm so auch immer ein bisschen zur Geschichtsstunde, gerade hier verzetteln sich die beiden Filmemacher jedoch. Die Schwarzweißaufnahmen, die sich während der zweiten Etappe plötzlich unter die farbigen mischen, wirken deplatziert. Das Archivmaterial zeigt Bombenangriffe auf baden-württembergische Städte im Zweiten Weltkrieg. Mag das am Beispiel Pforzheims noch dadurch begründet sein, dass knapp auf die städtebauliche Entwicklung nach dem Krieg eingegangen wird. Bei Stuttgart oder Mannheim ist das jedoch nicht der Fall. Hier stehen die Bilder der Zerstörung allein. Die Bedeutung der versehrten Städte während des Dritten Reichs spielt in Baden-Württemberg von oben hingegen keinerlei Rolle. Und so schlägt die Dokumentation in diesen kurzen Momenten einen Ton an, der ihr nicht gut zu Gesicht steht und den sich die Macher in ihrem ansonsten gelungenen Film besser gespart hätten.

Baden-Württemberg von oben

Nach der Nordsee, der Ostsee, den Alpen und dem Rhein widmet sich Journalist und Filmemacher Peter Bardehle endlich dem Bundesland, in dem er aufgewachsen ist. Der gebürtige Heidenheimer bringt das Land der Badener und Schwaben in die Kinos – natürlich von oben.
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