Bacurau (2019)

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Ein utopische Dorfgemeinschaft wird von Wassermangeln, faschistischen Politikern und skrupellosen Kapitalisten bedroht – „Bacurau“ von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles ist eine eindringliche Warnung vor dem, was kommen könnte.

Bacurau (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Kampf um Menschenwürde

Teresa (Bárbara Colen) kehrt in ihr Heimatdorf Bacurau zurück, nachdem ihre Großmutter, die Matriarchin des Dorfes, verstorben ist. Den Weg in das weit abgelegene Dorf macht sie mit dem Wasserlieferanten, der die Einwohner mit Wasser versorgt, seit der Lokalpolitiker Tony Jr (Thardelly Lima) den Damm geschlossen und damit das Wasser abgedreht hat. Die Lage ist schwierig in Bacurau, das merkt man von Anfang an. Wie kompliziert und apokalyptisch sie aber ist, das entfalten die Regisseure Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles erst nach und nach.

Seit Jahren macht Autorenfilmer Mendonça Filho gesellschaftspolitisches und kritisches Kino. Waren seine vorherigen Filme, wie zum Beispiel Aquarius, noch eher ruhigerer Natur, so eskaliert Bacurau nun in einen blutigen Fiebertraum, der irgendwo zwischen Résistance, ethnographischer Dokumentation, klassischen Peckinpah-Western und Übersinnlichem à la Alejandro Jodorowsky changiert. Bacurau ist Ort und Metapher zugleich. Ein paar Jahre in der Zukunft gelagert, zeigt sich hier eine bunte Dorfgemeinschaft, die der Utopie entspringt. Im Gegensatz zur derzeitigen zerstückelten brasilianischen Gesellschaft, in der Klasse, Hautfarbe, Gender und sexuelle Orientierung feinsäuberlich zerlegt und zur Unterdrückung genutzt werden, leben in Bacurau alle Menschen miteinander. Hier herrscht Gleichheit, die auf alten, indigenen Traditionen beruht, die transgender Menschen, Lesben und Schwule genauso einbezieht wie alte und junge, weiße, braune und schwarze. Auch die Klassenunterschiede sind irrelevant. Die Dorf-Hure wird genauso geschätzt wie die Dorf-Ärztin Domingas (Sônia Braga).

Die Probleme, sie kommen von außen. Lunga (Silvero Pereira), der Rebell des Dorfes, muss sich verstecken, nachdem er versucht hat, den Damm zu sprengen, um seinem Dorf Wasser zu geben. Teresa muss Medizin schmuggeln, da das Dorf mehr und mehr durch Tony Jr isoliert wird, der hofft, die störrischen Bewohner mürbe und unterwürfig zu machen. Im Fernsehen sieht man Live-Exekutionen des neuen faschistischen Regimes, das weit weg in den Großstädten seine eigenen Säuberungen vornimmt. Die Stimmung ist endzeitlich, einengend, trüb. Und dann fliegt da noch eine Drohne in der Nähe des Dorfes, die aussieht wie ein UFO, nach dem Besuch zweier komischer Motorradfahrer ist das Handynetz tot und eines Nachts treibt eine Herde Pferde durch die Stadt. Ein schlechtes Omen, das sich bewahrheiten soll, denn die Pferde gehören zu einer Farm, auf der alle Bewohner tot aufgefunden werden.

Bacurau vermag es durch seine langsame, präzise Beobachtung der Menschen und Geschehnisse vor allem emotional eine dystopische Gefahrenlage aufzubauen, die einen lange Zeit wundern lässt, aber stets am Ball hält. Die klitzekleine Utopie, das kleine Dorf im Nichts, scheint nur einen hauchdünnen Schritt von der Katastrophe entfernt zu sein. Im Zusammenspiel mit der detaillierten Beobachtung der Dorfbewohner, die einem allesamt sofort ans Herz wachsen, macht sich schnell existenzielle Angst breit. Zu Recht. Wie schnell und spitz Mendonça Filho und Dornelles doch den Finger in die Wunde stecken. Wie schnell und effizient sie klar machen, dass in der derzeitigen Welt, nicht nur unter Bolsonaro in Brasilien, der letzte Rest von Menschlichkeit und Wärme getötet wird. Und um den Grauen noch ein globaleres Gesicht zu geben, führt der Film die Jäger ein.

Unter Anleitung des deutschen Michael (Udo Kier) – der besonders empfindlich reagiert, wenn man ihn Nazi nennt und sich damit direkt selbst verrät – hat sich eine Gruppe amerikanischer Safari-Touristen in der Nähe des Dorfes einquartiert. Sie gehen jagen. Die Lizenz dazu ist mit viel Geld und Privileg erkauft. Wir sind zurück im toxischen Kolonialismus, mit noch mehr Kapitalismus und Verachtung. Die Beute der Jäger sind die Einwohner von Bacurau, denen wie so vielen nicht-weißen, armen, nicht-normativen Menschen jegliche Menschlichkeit oder Nutzen abgesprochen wird. In einer globalen Welt, in der Faschismus und Kapitalismus Hand in Hand gehen, ist der einzelne Mensch nichts wert, Geld aber alles. Das zeigt Bacurau überspitzt, aber doch absolut korrekt. Und so kommt es, in ganz klassischer Western-Manier, zum letzten großen Kampf um Leben und Tod, um Würde und Menschlichkeit.

Auch wenn Bacurau, vor allem in den Momenten, in denen die Erzählung bei den Weißen um Kier verweilt, qualitativ schon fast ein wenig trashig wird, so ist der Rest des Filmes, egal ob in Ausstattung, Kinematografie oder Struktur, ein cineastischer Hochgenuss, der einem lange im Herzen und bitter auf der Zunge zurückbleibt. Deshalb sollte man sich nicht der schönen Bilder und der leicht surrealistisch-entrückten Aura hingeben, sondern wirklich zuhören, was Bacurau eigentlich sagen will. Denn eines Tages wird dieses Werk zu denen gezählt werden, die eine gespenstische Vorahnung hatten, die nicht nur für Brasilien gilt.

Bacurau (2019)

Ein Filmemacher reist in ein Dorf in Zentralbrasilien, um dort einen Dokumentarfilm zu drehen. Doch je länger der Dreh dauert, desto merkwürdiger erscheinen ihm die Bewohner des Dorfes und desto deutlicher wird, dass sie ein Geheimnis haben, welches sie unter allen Umständen vor dem Licht der Öffentlichkeit verbergen wollen.

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