Ausgeflogen (2019)

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Was passiert mit Menschen, wenn sie ihre geliebtesten Schätze verlieren? Lisa Azuelos stellt sich dieser Frage in „Ausgeflogen“ und zeigt eine Mutter, deren jüngste Tochter kurz davor ist, auszuziehen. Auf unaufgeregte Weise erzählt der Film von einem sehr wichtigen Lebensabschnitt eines Elternteils.

Ausgeflogen (2019)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Der normalste Abschied

Nichts verändert ein Leben so sehr wie das erste Kind, heißt es. Oder Kinder im Generellen. Aus dem selbstbestimmten Leben wird ein fremdbestimmtes, die kleinen Wesen ändern nicht nur den Alltag, sondern auch den Blick auf die Welt, und sie öffnen einem das Herz. Über diesen Einschnitt im Leben eines Menschen gibt es genügend Filme. Was aber ist mit der Zeit, wenn die Kinder flügge werden, ausziehen und ihre eigenen Wege gehen? Wieder steht eine Zeit des Umbruchs an. Darüber hat nun Lisa Azuelos einen Film gemacht, der die Tiefe der Gefühle auslotet. Die Geschichte allerdings erscheint etwas dünn.

Héloïse (Sandrine Kiberlain) ist Mutter von drei Kindern. Weil der Ehemann sie betrogen hat, hat sie sich getrennt, als die Kinder im Grundschulalter waren – seither sorgt sie allein für Lola (Camille Claris), Theo (Victor Belmondo) und Jade (Thaïs Alessandrin). Nun sind die Kinder inzwischen junge Erwachsene, und Nesthäkchen Jade steht kurz vor dem Abitur. Als Héloïse erfährt, dass Jade zum Studium in Kanada angenommen wurde, fällt es ihr wie die Schuppen vor den Augen: Ihr Leben wird sich in Kürze schlagartig ändern.

Darum geht es letztendlich in Ausgeflogen: Um das Gefühl der Angst, das Héloïse in diesen Momenten beschleicht. Die Angst davor, was passieren wird, wenn Jade auch auszieht. Die Angst davor, mit dem letzten Kind aus dem Haus ihren Lebensmittelpunkt der vergangenen 20 Jahre zu verlieren. Die Angst davor, allein zu sein. So formuliert es Héloïse nicht unbedingt, aber das schwingt in jeder Szene mit, in jeder Äußerung, in den Blicken, die die Mutter ihren Kindern zuwirft – mit einer Leichtigkeit und gleichzeitig der nötigen Ernsthaftigkeit gespielt von Sandrine Kiberlain.

Héloïse hilft Jade bei der Abiturvorprüfung und gefährdet damit fast deren Abschluss. Sie fährt ihren Vater zu einer Operation, die seine letzte sein könnte. Sie feiert ausgelassen ihren Geburtstag mit ihren Freunden und den Freunden ihrer Kinder. Sie ist die erste, die davon erfährt, dass Jade mit Theos bestem Freund Louis (Mickael Lumière) zusammen ist. Das alles sind Alltagsmomente im Leben von Héloïse, die recht unscheinbar daherkommen und letztendlich keinen richtigen Plot ergeben mögen. Doch gerade das Unspektakuläre betont das Alltägliche und Universelle der Geschichte um Héloïse. Denn letzten Endes wird diese Erfahrung jeder machen, der Kinder hat, sie großzieht und irgendwann ziehen lassen muss.

Als Héloïse eines Nachts ihr Handy verliert, bricht für sie eine Welt zusammen – denn auf dem kleinen Gerät sind all die wertvollen Erinnerungen an die vergangenen Monate gespeichert: dem Abschluss einer Zeit, die nun nicht mehr so sein wird und der Vergangenheit angehört, der Erinnerung vorbehalten ist. Und es fällt Héloïse schwer, sich davon zu trennen und der Gegenwart und Zukunft eine Chance zu geben. Die fotografischen und filmischen Erinnerungen physisch zu verlieren, bündelt ihre Angst vor dem, was kommt, und macht sie ihr schlagartig bewusst.

Ausgeflogen betont vor allem die Gefühlswelt von Héloïse – und das auch durch das filmische Erzählen und das Changieren zwischen den Zeitebenen: Die Zeit, als eines ihrer Kinder gerade auf die Welt gekommen und sie das Baby in den Armen wiegt. Die Zeit der Trennung von ihrem Mann, in der die Kinder schon ein bisschen groß, aber noch klein genug sind, um mit ihnen zu kuscheln und Tage voller Liebe zu erleben. Und die Zeit der Gegenwart von Héloïse: Lola und Theo wohnen schon außer Haus, Jade macht ihr Abitur, erlebt die erste Liebe und steht kurz davor, nach Kanada zu gehen. Im Hin und Her zwischen dem Gestern und dem Jetzt wird die Liebe der Mutter Héloïse erfahrbar. Und so manches Elternteil wird sich wiedererkennen – egal, in welchem Lebensabschnitt es sich befindet.

Ausgeflogen (2019)

Als ihre jüngste Tochter kurz davor ist, nach Kanada zu reisen, realisiert ihre Mutter, die drei Kinder großgezogen hat, dass sie dabei ist, ihre Mutterrolle zu verlieren. Und es kommt die Frage auf: Gibt es ein Leben danach?

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