Aus unerfindlichen Gründen

Aus unerfindlichen Gründen

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Zwischen Liebeskummer und Zukunftsangst

Seit ihn seine Freundin Eszter (Juli Jakab) verlassen hat, irrt Áron (Áron Ferenczik) durch die Straßen Budapests wie ein moderner Buster Keaton: Seine todernste Miene drückt aus, dass er sich als kleines Rädchen in einem globalen Getriebe empfindet, zu dem er keinen echten Bezug hat. Áron lacht fast den ganzen Film über nicht, obwohl er selbst ein wirklich komischer Held inmitten einer Geschichte ist, die das triste Erwachsenwerden durch die rosarote Spaßbrille betrachtet. Áron hat studiert, aber keinen Job, eine Wohnung, aber auch eine Mutter, die ihm die Haare kämmt, wenn er zum Essen kommt. Er ist 29 und plant für die Zukunft nur eines: “Am Montag beginne ich, mein Buch zu schreiben.“ Nach durchzechter Nacht mit Freunden stellt er erschrocken fest, dass er einen Flug nach Lissabon gebucht hat.
Der ungarische Regisseur Gábor Reisz erzählt in seinem Spielfilmdebüt Aus unerfindlichen Gründen von den Nöten und Ängsten seiner Generation: Áron und seine Freunde kommen in die Dreißiger. In kurzen Video-Statements geben einige aus der Clique einen Beruf an und sogar ein ansehnliches Einkommen; manche sind liiert. Der Druck auf Áron, endlich auch etwas vorweisen zu können, nimmt zu. Ständig wird er ermahnt, sich zu beeilen. Seine Mutter sagt: "Tempo, Tempo!"; bei der Einweisung in den neuen Job als Spüler in einer Gaststätte hört er, dass er nicht mit den Tellern spielen soll. Im Abspann dann läuft Áron so schnell, dass er alle anderen überholt. Aber in welche Richtung soll es denn für ihn überhaupt gehen? Lange versucht er, Eszter nachzulaufen, die in ihrem roten Mantel durch seine Tagträume geistert.

Áron fragt sich in dieser sensiblen Phase, wer er ist, und kommt doch nur darauf, was er alles nicht ist - nämlich stressresistent, kommunikativ und erfolgsorientiert. Aber gerade das wären dem Berater beim Arbeitsamt zufolge die Eigenschaften, die er braucht, wenn er als Datenerfasser arbeiten will. Mit solchen ironischen Seitenhieben auf Leistungsdenken und Selbstoptimierung spricht der Film auch nicht-ungarische Zuschauer an. Überhaupt ist der Protagonist Áron mit seinen Selbstzweifeln eher universell angelegt. Dennoch wirkt der Film zugleich sehr im Budapester Alltag verankert, mit den Gesprächen über Preise oder die Frage, warum so viele Leute dieser Generation ins Ausland gehen. Es ist sehr erfrischend, Budapest einmal von einer anderen Seite zu sehen, als immer nur im Zusammenhang mit der restriktiven Abschottungspolitik der Regierung Orbán. Der grassierende Nationalismus wird allenfalls gestreift, wenn die Mutter auf ungarischen Nahrungsmitteln besteht.

Reisz beweist Gespür für Situationskomik: So besitzen die Wortwechsel, in die sich Árons besorgte Eltern hineinsteigern können, einen hohen Wiedererkennungswert. Vor lauter Spaß an lustigen Momenten vernachlässigt der Film jedoch die Figurenzeichnung. Árons Verhalten bleibt manchmal rätselhaft. Und der Trip nach Lissabon fällt ziemlich blass aus. Áron wird von einem Studienkollegen des Regisseurs gespielt, und auch die Rollen in der Clique sind mit einigen seiner Freunde besetzt: Ihre persönlichen Geschichten dienten Reisz als Inspiration. So erklärt sich die hohe Authentizität des Films, aber auch die eine oder andere Schwäche im Schauspiel.

Aus unerfindlichen Gründen verfügt über einen ausgeprägten Stilwillen. Es passt zum heiter-melancholischen Schwebezustand, in den einen die Geschichte versetzt, wenn einer von Árons Freunden mit der Bierflasche in der Hand auf die Straße tritt und ein Lied über das Glück anstimmt. Reisz tanzt gerne aus der Realität heraus, zum Beispiel mit Zeitlupen, mit Situationen, die ins Groteske münden und mit surrealen Einfällen – einmal folgt Áron etwa einem elektrischen Kabel, das aus der Wohnung der Eltern durch die Straßen bis in seine eigene Bude führt. All das fügt sich zu einer gut gelaunten, frischen Komödie mit beträchtlichem Unterhaltungswert.

Aus unerfindlichen Gründen

Seit ihn seine Freundin Eszter (Juli Jakab) verlassen hat, irrt Áron (Áron Ferenczik) durch die Straßen Budapests wie ein moderner Buster Keaton: Seine todernste Miene drückt aus, dass er sich als kleines Rädchen in einem globalen Getriebe empfindet, zu dem er keinen echten Bezug hat. Áron lacht fast den ganzen Film über nicht, obwohl er selbst ein wirklich komischer Held inmitten einer Geschichte ist, die das triste Erwachsenwerden durch die rosarote Spaßbrille betrachtet.
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