Auf der anderen Seite der Leinwand

Auf der anderen Seite der Leinwand

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Huldigung an eine Kinoinstitution mit wechselnden Namen

1907 von Alfred Topp, dem wir der Legende nach das Wörtchen "Kientopp" beziehunsgweise "Kintopp" verdanken, gegründet, ist das Kreuzberger Moviemento Kino am Kottbusser Damm 103 Jahre alt und damit das älteste noch heute betriebene Filmtheater Deutschlands. Vitascope, Das lebende Bild, Hohenstaufen-Lichtspiele, Odeon, Tali – die Namen des Kinos am Zickenplatz wechseln häufig. Doch immer bleibt es ein Filmtheater. Und immer schon war das Moviemento, wie es seit 1984 heißt, etwas ganz Besonderes, was keineswegs nur am biblischen Alter liegt, sondern auch an zwei baulichen Besonderheiten. Die erste ist recht trivial und hat doch dafür gesorgt, dass das Moviemento niemals zu einem Supermarkt umfunktioniert werden konnte: Da es im ersten Stock liegt, ist die Immobilie für ein Ladengeschäft eher ungeeignet und konnte dank dieser Bürde auch in schwierigen Zeiten überleben. Die zweite Besonderheit hingegen ist um einiges komplexer. Durch den eigentlich sehr ungünstigen Grundriss des Eckhauses stießen die beiden Kinosäle in einem Winkel von 45° aufeinander und waren durch eine transparente Leinwand miteinander verbunden, so dass man im hinteren Saal den Film eigentlich spiegelverkehrt sah, was natürlich durch einen weiteren Spiegel korrigiert wurde.
Als Manfred Salzgeber und Elser Maxwell das Tali-Kino 1973 übernahmen, war das Moviemento ein heruntergekommener Schuppen, in dem ausschließlich Kung-Fu-Filme abgenudelt wurden. Als Kollektiv und mit Hilfe von Mitstreitern wie Wieland Speck (nach seiner Zeit als Kino- und Filmemacher seit langen Jahren Leiter der Panorama-Reihe der Berlinale) und Blixa Bargeld probierten die Macher neue Formen des Kinos aus und wurde zu einer Keimzelle des Programmkinos und zur Geburtsstätte des Mythos um den Kultfilm Die Rocky Horror Picture Show, der zuvor fast überall in Deutschland grandios gefloppt war. Am Kottbusser Platz aber wurden Busladungen aus Westdeutschland angekarrt, besuchte mancher Zuschauer das schräge Filmmusical mehr als hundert Mal. Es war, so hört man aus den Berichten über diese Zeit Ende der Siebziger, die Rettung für das Kino, das nun erstmals Geld abwarf. Das allerdings wurde lieber in Koks als ins Kino investiert und so war das Kino Anfang der Achtziger einmal mehr in einem desolaten Zustand. Bis zum nächsten Neuanfang, der neue Namen wie den Produzenten Claus Boje, André Rudolph und Ingrid Schwibbe, Rosa von Praunheim, Tomy Tykwer, Dani Levy und Frank Griebe und etliche andere hervor- und zusammenbrachte. Weil hier der Film immer auch ein Katalysator gewesen ist, der Begegnungen ermöglicht. Mancher Teil der deutschen Film- und Kinogeschichte wie beispielsweise die Gründung von "X Film Creative Pool" wäre ohne das Kino in Kreuzberger womöglich nie zustande gekommen.

Auf der anderen Seite der Leinwand ist mehr als nur eine Hommage an die wechselvolle Geschichte eines Kinos – es ist zugleich eine Huldigung an all die Menschen, die dafür gesorgt haben, dass der Film hier eine Heimat hat. Er erzählt von Filme- und Kinomachern, von Besessenen, Liebhabern, Cinephilen und all den anderen, er berichtet von legendären Filmen, vom Wandel der Zeit, von rauschenden und rauschhaften Parties und dem Kater danach - und natürlich von der Kraft des Kinos.

Was man von diesem Film lernen kann, ist beinahe so etwas wie ein Rezept für erfolgreiche Kinoarbeit – gerade in Zeiten wie diesen, in denen der Film und vor allem die Filmkunst als bedrohte Spezies erscheinen: Ein Kino wie das Moviemento war nie nur ein Ort, an dem Filme abgespielt wurden, sondern bot immer mehr als nur das: Es war und ist ein sozialer Ort, an dem Events kreiert werden, an dem der Einzelne seine Leidenschaft für den Film mit anderen teilen und der enge Austausch zwischen Filmemachern und einem mündigen, interessierten und kenntnisreichen Publikum stattfinden kann. Mit anderen Worten: Ein Ort, an dem der Film jenseits der rein ökonomischen Aspekte als Mittler von Ideen und Haltungen ernst genommen wird.

Die Kinobranche und vor allem der Programmkinobereich täten gut daran, sich an dieses ganz einfache Rezept wieder zu erinnern und den Kampf um die Filmkunst mit Entschlossenheit anzugehen. Auf die nächsten einhundertunddrei Jahre, Moviemento...

Auf der anderen Seite der Leinwand

1907 von Alfred Topp, dem wir der Legende nach das Wörtchen "Kientopp" beziehunsgweise "Kintopp" verdanken, gegründet, ist das Kreuzberger Moviemento Kino am Kottbusser Damm 103 Jahre alt und damit das älteste noch heute betriebene Filmtheater Deutschlands. Vitascope, Das lebende Bild, Hohenstaufen-Lichtspiele, Odeon, Tali – die Namen des Kinos am Zickenplatz wechseln häufig.
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