Atlantic.

Atlantic.

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Ein Windsurfer will weit hinaus

Fettah (Fettah Lamara) macht sich auf den Weg: Er hat einen kleinen Rucksack am Rücken, die Handflächen sind mit Klebeband geschützt. Auf seinem Windsurfbrett sticht er in See, abends geht er an Land und deckt sich zum Schlafen mit der Segelplane zu. So erreicht der junge Marokkaner Casablanca, um von dort in Richtung Europa aufzubrechen. Weil er die bewachte Küstenregion von Gibraltar umgehen muss, hat er 300 Kilometer auf dem Atlantik vor sich. Das verwegene Abenteuer ist eine Flucht vor einer unerträglich gewordenen Enge, der Aufbruch in grenzenlose Freiheit.
Der holländische Regisseur Jan-Willem van Ewijk wurde zu seinem zweiten Spielfilm von den einheimischen Windsurfern inspiriert, die er in einem marokkanischen Küstendorf kennenlernte. Alljährlich müssen sie mit anschauen, wie ihre europäischen Freunde am Saisonende das Surfer-Paradies wieder verlassen und in eine Welt heimkehren, die ihnen verwehrt bleibt. Sein marokkanischer Freund Fettah Lamara diente dem Regisseur als Vorbild für die Hauptfigur seines Films und spielt diese als Laie auch selbst. Van Ewijk steht ebenfalls vor der Kamera, in der Rolle des Surfers Jan, der sich mit seiner Freundin Alexandra (Thekla Reuten) in Fettahs Häuschen einquartiert. Der 32-jährige Fischersohn verliebt sich in die blonde Frau. Der Ausdruck ihrer blauen Augen erinnert ihn an seine Mutter, die im Meer ertrank, als er sieben Jahre alt war. Viel mehr als ein paar schüchterne Blick- und Wortwechsel gibt es zwischen den beiden nicht, außer dem gemeinsamen Hören der Musik ihres MP3-Players. Als Alexandra mit Jan wieder heimfährt, ist Fettah nicht mehr der Gleiche.

In flüchtigen Szenen wird die Kluft zwischen den beiden Welten skizziert, die sich am Surferstrand begegnen. Fettah und einige andere Marokkaner sind hervorragende Windsurfer, aber sie haben nicht die tolle Ausrüstung der Europäer und Amerikaner, die sie kennenlernen. Jan lässt seinem Freund wohlmeinend ein defektes Segel zurück. Fettah bedankt sich höflich – aber seine scheue Zurückhaltung lässt den Stachel der Demütigung ahnen. Fettahs Blick folgt Alexandras nackten Beinen, verirrt sich auf ihr Dekolleté. Er ist noch Single: Der Film lässt wie so vieles offen, weshalb. Vielleicht hat er kein ausreichendes Einkommen, oder die Sehnsucht nach der toten Mutter lässt ihn nicht los.

Fettahs Aufbruch gen Norden wird unterbrochen von all diesen kleinen Rückblenden aus verschiedenen Zeiten, die sich dem Windsurfer aufdrängen. Eine wichtige Rolle spielt das kleine Mädchen Wisal (Wisal Hatimi) aus dem Dorf. Fettah ist ihr großer Held, sie folgt ihm überall hin. Auf seiner Reise spricht Fettah in Gedanken mit ihr. Eine gedämpfte, fast flüsternde Voice-Over-Stimme lässt das Publikum daran teilhaben. Der poetische Monolog, der sich manchmal auch an die Mutter richtet, tastet sich immer tiefer in die Geheimnisse der eigenen Psyche und der menschlichen Existenz im Allgemeinen vor. Fettah Lamara drückt die Melancholie seines Charakters mit einer stillen Wahrhaftigkeit aus, die unter die Haut geht. Wenn er auf den weiten Ozean schaut, hinter dem sich eine unbekannte Welt verbirgt, lotet er die eigenen Möglichkeiten aus: Sich vom Wind hinaustragen zu lassen, ins gekräuselte Blau, verheißt dem Surfer das größte vorstellbare Glück. Aber die grenzenlose Freiheit des Wassers verlockt auch mit ihrer Indifferenz gegenüber allem, woran sich der menschliche Geist klammert.

Der Ozean und der oft bis zur Bildmitte reichende Himmel liefern Bilder, die jeden Urlauber in Verzückung versetzen würden. Atlantic. ist ein Abenteuerfilm, bei dem es auch ums Überleben auf dem offenen Meer geht. Aber die wirkliche Reise Fettahs ist nach innen gerichtet. Dem schönen Film gelingt eine hypnotische, erstaunlich ausdrucksstarke Verbindung zwischen Poesie und Realismus.

Atlantic.

Fettah (Fettah Lamara) macht sich auf den Weg: Er hat einen kleinen Rucksack am Rücken, die Handflächen sind mit Klebeband geschützt. Auf seinem Windsurfbrett sticht er in See, abends geht er an Land und deckt sich zum Schlafen mit der Segelplane zu. So erreicht der junge Marokkaner Casablanca, um von dort in Richtung Europa aufzubrechen. Weil er die bewachte Küstenregion von Gibraltar umgehen muss, hat er 300 Kilometer auf dem Atlantik vor sich.
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