Assassin(s)

Assassin(s)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Das Unbehagen einer verrohten Kultur

Wie nicht wenige Regisseure begann auch der französische Filmschaffende und Schauspieler Mathieu Kassovitz seine Laufbahn mit der Inszenierung von Kurzfilmen. Im Jahre 1992 enstand der 14minütige Krimi Assassins, in dem er selbst eine Rolle übernahm, und 1997, nachdem er zwei Jahre zuvor mit seinem Aufsehen erregenden zweiten Spielfilm Hass / La haine bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes als Bester Regisseur ausgezeichnet wurde, präsentierte Mathieu Kassovitz den extremen Stoff dieses Kurzfilms ebendort in einer über zwei Stunden langen Version unter dem leicht modifizierten Titel Assassin(s) – und fiel glatt beim Publikum durch, von dem man munkelt, dass es nach der Sichtung sein Missfallen gar mit abfälligen, deutlich wahrnehmbaren Lauten betont habe. Auch die damalige Filmkritik urteilte überwiegend engagiert vernichtend: Le Figaro bezeichnete das Werk gar als "le film le plus nul de l’histoire du cinéma" – den wertlosesten Film der Filmgeschichte –, und auch an den Kinokassen, die er in Deutschland nicht einmal erreichte, stellte sich Assassin(s), der allerdings beim Internationalen Filmfestival von Stockholm eine ehrenvolle Erwähnung erhielt, als kommerzieller Misserfolg heraus. Im Rahmen des Arthaus Close-Ups zu Mathieu Kassovitz ist der Film Anfang Januar gemeinsam mit den ersten beiden Spielfilmen des Regisseurs Hass / La haine und Lola liebt’s schwarzweiß / Le Métisse erstmals hierzulande im französischen Original mit deutschen Untertiteln auf DVD erschienen, wird nun auch einzeln herausgegeben und erhält damit einmal mehr die Chance, die kruden Kritiken von einst kräftig zu perturbieren – das Zeug dazu hat dieser hochgradig komplexe, grausam-packende und provokante gesellschaftskritische Krimi unbedingt.
Der junge Max (Mathieu Kassovitz) lebt mit seiner verwitweten Mutter (Danièle Lebrun) zusammen, schlägt sich mit einer drögen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sowie gelegentlichen kleinen Diebstählen und Einbrüchen durch und erscheint in seinen kargen sozialen Bindungen recht flüchtig bis desorientiert. Die für ihn eklatant folgenreiche Begegnung mit dem kränklichen, alternden Monsieur Wagner (Michel Serrault) ereignet sich, als Max in dessen Wohnung eindringt, von diesem beschossen wird und beide letztlich auf dem Polizeipräsidium enden, wo Wagner auf eine Anzeige verzichtet. Allerdings taucht der rätselhafte alte Mann bald darauf bei Max zu Hause auf, plaudert und diniert mit seiner Mutter und bittet anschließend darum, sich den darüber wenig begeisterten Sohn einmal „ausleihen“ zu dürfen. So machen sich die beiden Männer in der Dunkelheit auf den Weg, und bereits in der unmittelbaren Nachbarschaft weist Wagner den ahnungsvollen Max mit grausamer Anschaulichkeit in das ein, was er sein Metier, sein Handwerk nennt: Der Alte ist ein professioneller Killer und hat sich den jungen Mann als seinen Nachfolger erwählt, den er an diesem Abend noch zwingen will, seine Fähigkeit zu töten zu erproben ...

Es sind die ausführlichen, äußerst brutalen und mit perverser Ethik umwobenen Gewaltdarstellungen von Assassin(s), die flankiert von grotesk anmutenden Banalitäten wie einem permanent plappernden Fernseher eine Atmosphäre des nachhaltigen Grauens schaffen, die diesen so hart kritisierten Film ganz entscheidend auszeichnet. Hier wird auf subtile Weise die Geburt der Gleichgültigkeit aus dem Geiste der Unterhaltungsmaschinerie heraufbeschworen, und die scheinbare Beliebigkeit von Leben und Tod eskortiert die Macht zu töten, die einer orientierungslosen, verrohten Jugend als Ausweg aus der schleichenden Ohnmacht am Rande der Gefühlstaubheit dient. Dass dieser schwerlastige, glänzend innerhalb von Alltäglichkeiten inszenierte Stoff keinen Raum für Vergnügen oder gar Begeisterung lässt, ist offensichtlich, doch das ist auch sicherlich nicht die Intention von Mathieu Kassovitz, der hier gleichermaßen als Regisseur und Darsteller brilliert. Vielmehr setzt der Film durchweg auf Irritation und Verstörung und offenbart sparsam sowie mit effektvoller Langsamkeit die Motivationen der Figuren, um immer wieder mit krassen Wendungen zu überraschen. Richtet sich der Fokus der Dramaturgie zunächst auf Max, macht die spätere Verlagerung auf den noch jüngeren Mehdi (Mehdi Benoufa) deutlich, wie austauschbar letztlich der Nachfolger in Sachen töten und wie korrumpierbar ein labiles junges Wesen ist, dem ein noch so abscheuliches, inhumanes Pathos als Identifizierung offeriert wird.

Mit schwelender Intensität, beeindruckenden schauspielerischen Leistungen und einer zutiefst bedrückenden Geschichte ist es dem damals 30jährigen Mathieu Kassovitz gelungen, einen extremistischen, abscheulichen Krimi zu realisieren, dessen peinigende Ambivalenzen sich in schlichten Bildern äußern und tief in das beunruhigte Bewusstsein des Zuschauers senken. Ein höchst markanter wie unbequemer Film, der mitunter leise an den Dekalog-Zyklus von Krzysztof Kieślowski erinnert und die geringe und geringschätzige Beachtung innerhalb seiner Rezeptionsgeschichte keinesfalls verdient hat.

Assassin(s)

Wie nicht wenige Regisseure begann auch der französische Filmschaffende und Schauspieler Mathieu Kassovitz seine Laufbahn mit der Inszenierung von Kurzfilmen. Im Jahre 1992 enstand der 14minütige Krimi "Assassins", in dem er selbst eine Rolle übernahm, und 1997, nachdem er zwei Jahre zuvor mit seinem Aufsehen erregenden zweiten Spielfilm "Hass" bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes als Bester Regisseur ausgezeichnet wurde, präsentierte Mathieu Kassovitz den extremen Stoff dieses Kurzfilms ebendort in einer über zwei Stunden langen Version unter dem leicht modifizierten Titel "Assassin(s)" – und fiel glatt beim Publikum durch, von dem man munkelt, dass es nach der Sichtung sein Missfallen gar mit abfälligen, deutlich wahrnehmbaren Lauten betont habe.
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