Aretha Franklin: Amazing Grace (2018)

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46 Jahre musste man auf diesen Film warten: Erst gab es technische, dann rechtliche Probleme. Doch nun ist er da: der Film, der die Aufnahmen zu Aretha Franklins legendärem gleichnamigem Album „Amazing Grace“ zeigt. Hat sich das Warten gelohnt?

Aretha Franklin: Amazing Grace (2018)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Zwei Abende in Los Angeles

Im Jahr 1971 hat sich Aretha Franklin nach elf Nummer-eins-Hits in Folge entschlossen, ein Gospelalbum zu machen. Amazing Grace wurde ihr meistverkauftes Album und das bestverkaufte Gospelalbum aller Zeiten. Begleitet wurden die Aufnahmen 1972 von einem Filmteam von Warner Bros. – unter der Regie von Sydney Pollack. Doch dieser Film wurde nie gezeigt, offiziell aus technischen Gründen: Ton und Bild waren einfach nicht synchron. Doch 46 Jahre später ist er zu sehen – und zeigt so viel mehr als nur die Aufnahmen zu einem großartigen Album.

An zwei Abenden in der Missonary Baptist Church in Watts, Los Angeles wurde das Album aufgenommen – vor Live-Publikum und mit der Gospellegende Reverend James Cleveland sowie dem Southern California Community Choir. Der damals 37-jährige Sydney Pollack führte bei den Filmaufnahmen Regie und tatsächlich sieht man ihn im Hintergrund von Amazing Grace immer wieder, wie er wild gestikuliert und den Kameramännern zeigt, wohin sie schwenken sollen — teilweise direkt gefolgt von dem entsprechenden Schwenk. Vor allem aber sieht man die Kameramänner, die herumstehen und sitzen, die das Geschehen einfangen. Aufnahmen, teilweise leicht außer Fokus, man sieht buchstäblich, wie die Kameraleute die richtige Schärfe suchen.

Damit spiegeln diese Bilder schon perfekt wider, was Aretha Franklin mit ihrem Album beabsichtigt hat: Sie wollte es nicht im Studio, sondern vor einem Live-Publikum aufzeichnen, damit die Reaktionen dabei sind, Konzert, Aufnahmesession und Gottesdienst verbinden. Auch im Film sind die Zwischenrufe zu hören, ein Song braucht mehrere Anläufe, vor allem aber sind da die körperlichen Reaktionen des Publikums. Bei Amazing Grace muss sogar Reverend Cleveland weinen, der Chor gerät in Ekstase. Alle schwitzen unter den heißen Lichtern, es wird getanzt und gebetet.

Dazwischen ist Aretha Franklin. Ruhig, in sich gekehrt, sehr konzentriert sitzt sie am Klavier oder steht hinter einem Pult. Sie spricht nur am Ende wenige Sätze, ansonsten singt sie – wie nur sie es kann. Und hier zeigen die Bilder noch so viel mehr: Wie Reverend Cleveland vorgeblich über sie spricht, aber sich selbst eigentlich in Szene setzt. An dem ersten Abend ist die Kirche zu zwei Drittel gefüllt, am zweiten Abend dann scheint sich herumgesprochen zu haben, wer dort singt. Plötzlich entdeckt man Mick Jagger im Publikum. Aretha Franklins Vater ist da und hält eine Rede. Oft sind es Männer, die sich hier in Szene setzen, an dem Abend einer 30-jährigen mega-erfolgreichen Sängerin.

Es ist fraglos ein Erlebnis, Aretha Franklin auf der Leinwand zu sehen. Egal, wie oft man dieses Album schon gehört hat oder ob man es überhaupt kennt, die Bilder dieser zwei Abende sind unvergesslich: Aretha am Klavier, bei einem Lied auf einem Stuhl, dazu der Chorleiter Alexander Hamilton, der dirigiert und natürlich die SängerInnen des Southern California Community Choir in ihren schimmernden Westen, die es bisweilen kaum mehr auf ihren Stühlen hält. Amazing Grace ist wahrlich ein Konzertfilm, ein regelrecht spirituelles Erlebnis – ein Ereignis, das noch viel länger hätte gehen können.

Aretha Franklin: Amazing Grace (2018)

Sydney Pollacks Film über Aretha Franklins Auftritt in der New Bethel Baptitst Church in Watts, Los Angeles im Januar 1972, bei dem das Live-Album „Amazing Grace“ entstand, sollte eigentlich kurz darauf veröffentlicht werden, doch durch einen Fehler Pollacks war der Film kaum zu editieren und gelangte so niemals in die Kinos - bis vor kurzem. Nach Beseitigung der Fehler, digitaler Nachbearbeitung und der Klärung aller Rechte kommt der Film im Januar 2019 in die US-Kinos.

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