Antiporno (2016)

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Die ebenso exzentrische wie erfolgreiche Künstlerin Kyōko ist eine Sadistin, die ihre Assistentin Noriko immer wieder in der Öffentlichkeit quält und demütigt. Aber vielleicht ist doch alles ganz anders …

Antiporno (2016)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Raserei

Sion Sono zählt zu den großen Regie-Exzentrikern der an Ausnahmefällen nicht gerade armen Filmnation Japan. Wer einmal sein Vierstunden-Epos „Love Exposure“ gesehen bzw. erlebt hat, kann gar nicht anders, als von der überbordenden Hyperbolik fasziniert zu sein, mit der Sono psychoanalytischen Scharfblick, ungeheure Musikalität, berstende Energie, Sexyness, Humor und messerscharfe Gesellschaftsanalyse zusammenführt.

Sion Sono zählt zu den großen Regie-Exzentrikern der an Ausnahmefällen nicht gerade armen Filmnation Japan. Wer einmal sein Vierstunden-Epos „Love Exposure“ gesehen bzw. erlebt hat, kann gar nicht anders, als von der überbordenden Hyperbolik fasziniert zu sein, mit der Sono psychoanalytischen Scharfblick, ungeheure Musikalität, berstende Energie, Sexyness, Humor und messerscharfe Gesellschaftsanalyse zusammenführt.

Weil Sono aber neben allen Qualitäten auch ein Workaholic ist (für das Jahr 2015 verzeichnet seine Filmografie sieben (!) neue Werke), haut er einen Film nach dem anderen raus und wird dabei nicht immer den Erwartungen gerecht, die sich mit ihm verbinden. Die gute Nachricht für alle Fans: Die grellbunte Kammerspiel-Farce Antiporno knüpft qualitativ an Love Exposure an und bietet 75 Minuten What-the-fuck-Kino in Reinkultur.

Der Film beginnt in dem durchgestylten Apartment der erfolgreichen Malerin und Autorin Kyōko (Ami Tomite), die eines Morgens beinahe nackt in ihrem Bett erwacht: Knallgelb der Wohnraum, knallrot das offene Bad, reduzierte Einrichtung und großformatige Bilder an der Wand lehnend. Später wird sich zeigen, es sind ihre eigenen, denn Kyōkos Methodik besteht darin, ihre Romanfiguren zuerst auf Leinwand zu bannen, was wiederum dafür sorgt, dass sie nicht nur als Autorin, sondern auch als Bildende Künstlerin enorm erfolgreich ist. Das ist der Handlungsraum, in dem sich der Film weitgehend abspielt. Für die ungemein vitale, aber auch recht gestörte Kyōko erweist sich der Lebensraum als goldener Käfig. Von allen umschwärmt, ist sie im Grunde ihres Herzens zutiefst unglücklich und derart gelangweilt, dass sie ihre Frustrationen an ihrer älteren Assistentin Noriko (Mariko Tsutsui) auslässt. Als die Herausgeberin eines Modemagazins nebst großer Entourage wie ein Heuschreckenschwarm über das Apartment hereinbricht, kennt die Künstlerin keine Hemmungen mehr und profiliert sich auf Kosten ihrer Angestellten als herrisch, bösartig und pervers, sie befiehlt einer mit einem Umschnalldildo ausgestatteten Fotoassistentin gar die Vergewaltigung von Noriko. Doch dann, nach gut einer halben Stunde Laufzeit, ertönt aus dem Off der Ruf „Cut!“ und alles, was das Publikum bisher sah, erweist sich als Inszenierung eines japanischen Roman Porno – und in Wirklichkeit liegen die Machtverhältnisse ganz anders. 

Sion Sono wäre aber nicht der, der er ist, wenn ihm diese einfache, aber effiziente Volte bereits genügen würde. In der folgenden Dreiviertelstunde (sein Film ist gerade 75 Minuten lang, die haben es allerdings in sich), wird auch diese erste Brechung ihrerseits mehrfach gebrochen und werden „Fiktion“ und „Realität“ so dicht zusammengeführt, dass sich ein faszinierendes Vexierspiel um Wahrheit und Lüge, Macht und Ohnmacht, Perversion und Gesellschaft und vieles mehr entspinnt.

In der Grundanlage erinnert Antiporno an große Vorbilder – hier ist zum einen Rainer Werner Fassbinders Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972) zu nennen. Zum anderen erinnert die Story entfernt auch an Jean Genets Drama Die Zofen und andere Stoffe vor allem des absurden Theaters und ist zugleich eine tiefe Verbeugung und gleichzeitige Dekonstruktion der japanischen Traditionen des japanischen Erotikfilms in all seinen verschiedenen Ausprägungen (vor allem des in den 1979er bis 1980er Jahren populären Subgenres des Roman(tic) Porno(graphy).

Virtuos inszeniert, mit starker Farbdramaturgie und bis zum Exzess getriebenem exaltierten Schauspiel, begleitet von überwiegend klassischer Musik und mit stilistischer Vielfalt, die dennoch wie aus einem Guss wirkt, ist Antiporno ein starkes, theatralisches und zugleich per se kinematografisches Kleinod, das mit rotziger Punk-Attitüde und viel Stilbewusstsein sich am Ende als knallharte Selbsterforschung, radikale Kunstaktion und harsche Gesellschaftszertrümmerung entpuppt, die den vorwiegend männlichen Blick auf Frauenkörper, die Illusionen des Lebens wie der Fiktion (auch jene des Kinos selbst und der zutiefst misogynen Rhetorik des japanischen Erotikfilms) und den postdemokratischen Zustand Japans bloßstellt: „Die Männer dieses Landes sind scheiße! Die Freiheit, die sie erschaffen haben, ist scheiße! Die Welt, von der sie träumen, ist scheiße!“, schreit Kyōko an einer Stelle in die Kamera und haut ihren Kopf mehrmals in eine vor ihr auf einem Tisch stehende Torte. Was für ein Statement, was für eine Wut und Energie!

Besonders pikant bei der Sache: Antiporno ist eigentliche eine Auftragsarbeit des Studios Nikkatsu, das die Roman-Porno-Welle in Japan überhaupt erst auslöste. Seit 2001 werden nun immer wieder Regisseure dazu eingeladen, mit eigenen Filmen der schnell produzierten historischen Vorbilder des Studios zu huldigen. Allerdings sind Brüche mit den Traditionen bei diesen Auftragsarbeiten durchaus keine Seltenheit: Bereits 2001 legte Takashi Miike mit Visitor Q einen Film vor, der mit großer Lust gesellschaftliche Ideale zertrümmerte. Sion Sono aber ist mit Antiporno noch einen gehörigen Schritt weitergegangen und liefert in 75 knappen Minuten ein überbordendes Lehrstück des subversiven Filmemachens. 

Antiporno (2016)

Die Künstlerin Kyōko sitzt gelangweilt in ihrem Apartment und wartet auf ein Interview mit der Chefredakteurin eines Hochglanzmagazins. Um die Zeit totzuschlagen, beginnt sie ein Spiel um Dominanz und Unterwerfung mit ihrer Assistentin, bei dem sich immer wieder die Rollen verschieben. Und: ist das alles wirklich nur ein Spiel?

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