Anna (2019)

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Luc Besson ist zurück. Nach seiner Space Opera „Valerian“, dem teuersten europäischen Film aller Zeiten, schiebt er eine verhältnismäßig günstige Produktion hinterher und frönt abermals seinen Fetischen: Schönen Frauen und dicken Knarren. Ein Schnellschuss?

Anna (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Mode, Morde und Matroschkas

Aus seiner Vorliebe für schöne, langbeinige Frauen macht der nur 1,72 Meter kurze Luc Besson keinen Hehl. Mit Ex-Model Milla Jovovic, der Hauptdarstellerin seiner Filme „Das fünfte Element (1997) und „Johanna von Orleans“ (1999), war er in dritter Ehe verheiratet. In „Angel-A (2005) stakste Fotomodell Rie Rasmussen als Engel durch Paris, in Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (2017) schwebte Cara Delevingne als Raum-Zeit-Agentin durchs All. In dieser bonbonbunten Weltraumwundertüte gab Model Sasha Luss als Prinzessin Lïhio-Minaa ihr Spielfilmdebüt. Nun hat ihr der einstige Bilderstürmer die erste Hauptrolle, nun ja, auf den Leib geschrieben. 

Luss spielt Titelheldin Anna, die im nasskalten November 1990 auf einem Moskauer Markt Matroschkapuppen verkauft. Selbst ungeschminkt und das ungekämmte blonde Haar unter einem Kopftuch versteckt, bleibt ihre Schönheit dem Scout einer französischen Modeagentur nicht verborgen. Unversehens findet sie sich in einer Pariser Model-WG wieder, wo sie mit Mitbewohnerin Maud (Lera Abova) eine Beziehung und mit Oleg (Andrew Howard), einem russischen Geschäftspartner der Agentur, eine Affäre beginnt, nur um ihn einen harten Schnitt später mit zwei Schüssen ins Jenseits zu befördern. Luc Bessons jüngste Leinwandfantasie ist selbstredend kein Drama über die Modebranche, sondern ein knallharter Agententhriller. Und wie es sich in diesem Genre und in Plot-Twist-Zeiten gehört, ist nichts, wie es scheint. Alle halbe Stunde öffnet Besson eine neue Matroschka, die das soeben Gesehene in eine andere Richtung lenkt.

Eine schöne Frau als auftragsmordende Actionheldin – auch diese Konstellation klingt vertraut, erinnert sie doch an Bessons vierten abendfüllenden Spielfilm Nikita (1990). Der Vergleich drängt sich förmlich auf. Beide Geschichten spielen in den Wendejahren um 1990. Wie Nikita (übrigens, kleiner fun fact am Rande, von Bessons erster Ehefrau Anne Parillaud verkörpert) wird auch Anna als drogenvernebelter Junkie nach einem missglückten Verbrechen rekrutiert. Hie wie da wollen die Frauen das Morden im Staatsdienst so schnell wie möglich hinter sich lassen. Hätte eigentlich nur noch Éric Serras sphärischer Synthie-Pop gefehlt. Doch Bessons Hauskomponist hält sich dieses Mal erstaunlich zurück. 

Um mit der schlagkräftigen weiblichen Konkurrenz von Atomic Blond (2017) bis Red Sparrow (2018) mitzuhalten, lässt auch der Franzose jegliche Figurenentwicklung fahren. Zwar waren seine Genre-Meilensteine noch nie Shakespeare-Dramen, doch setzten Filme wie Nikita, Léon – Der Profi (1994), ja selbst Das fünfte Element zumindest auf den Faktor Zeit. Bessons Drehbücher führten Figuren clever ein, bauten sie behutsam auf und gaben ihnen ein Privatleben zwischen den Action-Eruptionen. Anna bleiben zwischen Mode- und Mordstrecke hingegen nur ein paar Augenblicke für eine Partie Schach oder für flüchtigen Sex mit KGB-Mann Alex (Luke Evans) und CIA-Mann Lenny (Cillian Murphy). Eine Agentin zwischen den Fronten und Bettlaken – allerdings selbstbestimmt, nicht ohne Hintergedanken und weitaus keuscher und weniger voyeuristisch in Szene gesetzt als manche Protagonistin eines ernstzunehmenden Dramas. 

In unserer hektischen Welt voller Aufmerksamkeitsverteilungskämpfen scheinen die Filmemacher ihrem Publikum keine Komplexität mehr zuzutrauen. Und so geht es auch für Anna Schlag auf Schlag. Deren Ausbildung zur KGB-Agentin spart sich Besson komplett und springt direkt zu ihrem ersten Eignungstest – auch das eine Reminiszenz an Nikita, mit dem gravierenden Unterschied, dass sich knapp 30 Jahre später der Killerin mit dem Engelsgesicht nicht fünf, sondern 25 Widersacher entgegenstellen, die sie nach allen Regeln der Kunst mit Wumme, Geschirr und Besteck niederstreckt.

Das Arbeitsgerät von Bessons Stammkameramann Thierry Arbogast kreist um die Protagonistin und saust durch die Gänge, gibt dem Film aber schon lange keinen unverwechselbaren Look mehr. Auch bei den Actionszenen hat die Konkurrenz um John Wick & Co. Besson längst überholt. Manch hektischer Schnitt verdeckt die Schwächen der nicht immer sauberen Choreografie. Unterhaltsam ist das dank einer Prise schwarzen Humors und der zu Hochform auflaufenden Helen Mirren allemal. Die gibt die knochentrockene, kettenrauchende KGB-Vorgesetzte, die Anna mit mütterlicher Strenge und altklugen Weisheiten zur Seite steht.

Wie Red Sparrow oder Atomic Blond ist auch Anna ein Fetischfilm, in der die Hauptfigur lediglich Projektionsfläche bleibt. Wer sich daran nicht stört, wird einen Mordsspaß mit dem Film haben. Statt auf Erniedrigung setzt Besson auf Pseudo-Selbstermächtigung. Und so schläft Anna nicht nur, wann und mit wem sie will (und nicht umgekehrt), sondern lässt einen aufdringlichen Fotografen während eines Shootings auch seine eigene Medizin schmecken. 

„Für uns alle gibt es Wendepunkte“, sagt Alex, als er Anna anwirbt. Luc Bessons Film ist voll davon – und der Trick wird nie alt, weil zwar die Plot-Twists selbst, nicht aber ihr Inhalt vorhersehbar sind. Am Ende ist auch Anna nur eine Matroschka: Tochter, Junkie, Model, KGB-Agentin, CIA-Agentin; eine Figur in der Figur in der Figur … in einer Handlung in der Handlung in der Handlung … auf ihrem eigenen Schachbrett. Bei Weitem nicht Bessons cleverster Schachzug, aber immer noch ein gutes Stück vom endgültigen Schachmatt entfernt. 

Anna (2019)

Hinter Anna Poliatovas bezaubernder Schönheit verbirgt sich ein Geheimnis, dass ihre unglaubliche Stärke entfesseln wird, was sie zu einer der weltweit gefürchtetsten Killer im Auftrag der Regierung macht. 

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