Angelo (2018)

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Nach seinem verstörenden Debüt „Michael“ kehrt Markus Schleinzer mit „Angelo“ zurück auf die große Leinwand. Diesmal widmet er sich der historischen Figur des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert sein Leben an den Höfen Europas verbrachte und am Ende ausgestopft im einem Museum landete.

Angelo (2018)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Biopic wie aus einer anderen Zeit

Man ist nicht bösartig zu ihm. Man bemüht sich um ihn. Man sorgt für ihn, gibt ihm Essen und Schlafstatt, und Angelo, der Afrikaner an den Höfen Europas, kennt es nicht anders. Markus Schleinzer geht mit „Angelo“ seinen eigenen Weg im Filmemachen weiter, auch wenn dieser Zweitling sich von dem verstörenden Intimporträt eines Pädophilen, das sein Debüt „Michael“ darstellte, doch unterscheidet. Mit „Angelo“ schildert Schleinzer eine wirkliche Biographie, nämlich die von Angelo Soliman, gestorben 1796, der als „Mohr“ an den Höfen Europas und insbesondere in Wien bekannt, ja berühmt und so weit gekommen und so hoch gestiegen, wie es einem Afrikaner im 18. Jahrhundert nur möglich sein kann. Wie weit und wie hoch das ist: Das zu erforschen ist Aufgabe des Zuschauers.

Schleinzer geht sein Biopic natürlich nicht mainstreamig an. Schließlich ist dies ein österreichischer Film, und mit beispielsweise Vor der Morgenröte hat man da natürlich eine bestimmte Benchmark. Schleinzer erzählt chronologisch, aber episodisch, Fragmente aus Angelos Leben, die sich zusammenfügen, ohne dass der Zusammenhang – etwa Orte oder Personen – explizit erklärt würden. Er inszeniert stilisiert, im schon längst ungewohnten 4:3-Format, wie durch einen Guckkasten. Das gibt dem Film genau den richtigen Touch an Distanzierung: Der Zuschauer wird nicht manipulativ hineingezogen in eine Herzschmerz-Betroffenheitsstory, sondern er ist der Beobachter in den Räumen der Schlösser, in den Salons der Adligen und in den Kammern der Bediensteten, und er sieht den Umgang untereinander, und den Umgang mit Angelo.

Der ist geprägt von zeitgenössischer Lust am Exotischen. Eine Lust an den Klischees vom Afrikaner, die Angelo bedienen muss, das ist der Preis für sein Hiersein. Für die Akzeptanz, die er genießen darf – solange er funktioniert. Als eine Art Haustier der Hochwohlgeborenen, die sich einen Schwarzen halten zur Unterhaltung; zum Vorzeigen. Als Statussymbol, als das Fremde im eigenen Haus, stets unter Kontrolle, aber mit einem gewissen Kick.

Der Umgang mit Angelo ist natürlich geprägt von Rassismus. Angelo ist der Außenseiter, und er kann jederzeit ausgestoßen werden. Angelo muss das darstellen, was er zu sein scheint: Die Höflinge und die Adligen bis hoch zum Kaiser sehen in ihm die fremde Rasse, den gezähmten Wilden, dem man nicht nur das Sprechen, sondern, oh Wunder, gar die Musik, das Flötenspiel beigebracht hat. Einen Schwarzafrikaner, der die kulturellen Errungenschaften der Zivilisation zwar nicht in sich spürt, sie aber doch gut genug imitieren kann.

Das zeigt Schleinzer, und das Herausragende der Inszenierung ist, dass er nicht anklagt. Er zeigt, und er lässt uns beobachten, aber er zeigt aus der Zeit des 18. Jahrhunderts heraus, da ist keine filmische Instanz, die das Gezeigte aus unserer heutigen Sicht und mit unserem heutigen Wissen über Rassismus, Exotismus, Kolonialismus und die daraus entstandenen Leiden beurteilt — das muss schon der Zuschauer leisten. Und das zweite Herausragende: Der Zuschauer ist zwar in der Beobachterposition, aber das heißt nicht, dass er nicht emotional angerührt würde vom Film. Das, was gezeigt wird, ist auch ohne Einblicke ins Innenleben der Figuren berührend. Angelo, der Verlorene, der sich seines Status stets bewusst ist; dem sein Status auch immer wieder zugewiesen wird. Aber auch die Hofdamen: Wenn Angelo von einer Familie zur anderen, von einem Schloss zum anderen weitergereicht wird, dann ist da immer eine Leere zu spüren bei den Zurückbleibenden… Der Kaiser schließlich findet große Freude an der Anwesenheit Angelos, er führt scheinbar gleichberechtigte Gespräche mit ihm – in Wirklichkeit natürlich nur monarchische Monologe, denen Angelo als Resonanzboden dient.

Und dann die Liebe. Angelo, der versucht, das bürgerliche Leben zu erzwingen, in das er sein Leben lang hineingezwungen wurde. Das wird nur übertroffen vom Anfang, von den Kindersklaven, die auf den Strand verladen werden, die dann in einer Halle den adligen Damen angeboten werden – und die jeder austauschbar sind…

Angelo ist ein großer Film. Einer, der den Zuschauer zurückversetzt, der sich einfühlt in seine Epoche, und der gerade dadurch die heutige Zeit mitdenken lässt – weil das Publikum sich auf den Film einlassen, zugleich das Heute mitreflektieren kann. Ein Film, der Film ist und die filmisch aufbereitete Welt implizit kommentiert, der aber auf alles Kommentarhafte verzichtet. Und der zugleich voll Mitgefühl ist für Angelo, diesen armen Menschen mit der fremden Herkunft und mit der fremden Hautfarbe, der es bis in höchste Kreise schaffte.

Angelo (2018)

Markus Schleinzers Drama „Angelo“, das auf wahren Begebenheiten basiert, erzählt die Geschichte von Angelo Soliman, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus Afrika nach Eiuropa verschleppt wird. Dort kommt er in die Obhut einer Comtesse, die ihn erzieht, ihm Sprache und Musik beibringt, Zugang zu Bildung verschafft und ihn auf ein Leben als Adliger vorbereitet. Dennoch bleibt der Junge Zeit seines Lebens unter den Weißen ein Außenseiter.

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