Anderland

Anderland

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das Grauen des perfekten Lebens

Mitten in der Wüste hält ein klappriger Bus, die Türen öffnen sich und ein leicht zerzauster Mann steigt aus. Andreas, so heißt der Mann (Trond Fausa Aurvåg), hat keine Ahnung, wie er hierher gekommen ist, er weiß nicht sehr viel mehr über sein früheres Leben als seinen Namen. Ein Auto liest ihn auf und bringt ihn in eine nahe gelegene Stadt, dort ist offensichtlich alles für seinen Empfang vorbereitet. Andreas bekommt ein möbliertes Appartement und einen Job als Buchhalter zugewiesen, alles funktioniert wie am Schnürchen und der etwas Verwirrte fragt nicht lange nach, was da mit ihm geschieht. Die Entlohnung für die Arbeit ist gut, der Chef ein milder Mensch, der sich schon einmal besorgt danach erkundigt, ob dem geschätzten Mitarbeiter nicht die Arbeit zu viel wäre, und die Kollegen sind ausnehmend freundlich und zuvorkommend. Als Andreas die Innenarchitektin Anne-Britt (Petronella Barker) kennen und lieben lernt, scheint das Glück perfekt: Ein Job, eine liebende Gefährtin und die seltsame Erkenntnis, nahezu unverwundbar zu sein, lassen den Schluss zu, dass hier das Paradies auf Erden herrscht. Doch Andreas kann und will sich mit dem mittelmäßigen Leben nicht abfinden, zumal ihn das Gefühl nicht loslässt, dass hier etwas nicht stimmt. Warum gibt es keine Kinder? Warum sind alle Menschen so emotionslos? Warum ist Anne-Britts einzige Sorge nach einer Affäre ihres Freundes, ob dieser mit der Trennung nicht noch warten kann, bis die Einladung von Gästen vorüber ist? Warum wirkt Alkohol nicht und warum wachsen abgeschnittene Finger über Nacht nach? Und warum wimmelt es in dieser Welt von Aufsichtspersonal, das peinlich genau auf die Einhaltung aller Regeln sowie auf Sauberkeit und Ordnung achtet? Schließlich entdeckt Andreas im Keller seines Nachbarn Hugo einen Spalt, durch den Musik und der Duft von Kuchen zu ihm herüber dringen. Verbirgt sich hier vielleicht der Zugang zu einer anderen, zu einer menschlichen Welt?
Jens Liens bedrückende Utopie Anderland / Den Brysomme Mannen ist handwerklich perfekte gemachtes Kino, das alle Register des Films zieht, um eine unwirkliche, befremdliche und eiskalte Welt heraufzubeschwören, wie wir sie aus Werken wie Brazil oder Delicatessen kennen. Stets wirken die Bilder dunkel, kontrastarm, eintönig und künden von dem alles erstickenden Mittelmaß der Menschen in dieser unmenschlichen Welt. Aufgelockert wird diese Atmosphäre nur durch gelegentliche drastische Szenen, in denen Gewalt, Schmerz und die Ahnung des Todes in das abgeschottete Leben der Bewohner eindringt, um sofort wieder beiseite geschoben oder ignoriert zu werden. Und mit der Zeit weicht das milde Grauen über dieses Leben, das sich vor unseren Augen abspielt, der Erkenntnis, dass unser eigenes Leben so viel besser nicht ist. Abstumpfung, Gefühlskälte, deprimierende Langeweile und das dumpfe Gefühl, dass da noch mehr sein muss – all das gibt es nicht nur in Anderland / Den Brysomme Mannen, sondern auch in unserem Leben. Und genau das ist es auch, was diesen Film auch nach dem Verlassen des Kinos noch lange nachwirken lässt – das Gefühl, einen Teil des eigenen Lebens in drastischer und zugespitzter Form vorgeführt bekommen zu haben. Und selbst wenn der Film sich durchaus anders erklären lässt: Das Unbehagen über diese Erkenntnis lässt einen nicht so schnell wieder los.

Anderland

Mitten in der Wüste hält ein klappriger Bus, die Türen öffnen sich und ein leicht zerzauster Mann steigt aus. Andreas, so heißt der Mann (Trond Fausa Aurvåg), hat keine Ahnung, wie er hierher gekommen ist, er weiß nicht sehr viel mehr über sein früheres Leben als seinen Namen.
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Meinungen
· 13.12.2008

weired, but entertaining ...

Lina · 04.02.2008

Zu holgiaushh: Gerade die Möglichkeiten zur Spekulation sind doch das gute an dem Film! Es wäre doch viel zu einfach und furchtbar langweilig wenn der Zuschauer die Lösung auf dem Silbertablett präsentiert bekäme (wie in so vielen amerikanischen Filmen)

Meine Theorie ist dass es sich um die Hölle handelt, die jedoch gleichzeitig für einige der Bewohner (die abgestumpften, oberflächlichen) den Himmel darstellt.
Himmel/Hölle ist quasi das was du darin siehst. Frei nach Sartre: L'enfer c'est les autres (die Hölle sind die anderen)

Drosophia · 09.01.2008

Der Film ist inhaltlich ganz interessant: er soll wohl das triste Leben der Menschen schildern, die ihre Kindheit und das damit verbundene Lebensgefühl vergessen haben und überhaupt jegliches Gefühl verloren haben und nur formell und nicht lebendig sind. Leider wirkte der Film durch diese ganze Tristess zu langatmig. Eine Kurzfilm-Fassung hätte auch genügt. Wir waren eher enttäuscht.

holgiaushh · 10.10.2007

Wer hat den Film verstanden? Der Film ist trotz seiner ruhigen Erzählweise spannend. Leider bekommt man aber zu wenig Antworten auf Fragen wie: wo kommt Andreas her? Warum ist die Stadt so wie sie ist? War es nur ein Traum, oder ein Leben nach dem Tod was er erlebt hat? Für mich bleibt zu viel offen!

Kommentare

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