Alles was wir wollen

Alles was wir wollen

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

"Ein Mensch zu werden ist ganz schön anstrengend"

Drei Frauen Anfang dreißig, die in den Startlöchern ihres Lebens stehen und sich im Kaleidoskop der Möglichkeiten zu verlieren scheinen – Kind, Karriere, Beziehung oder Weltreisen, wofür werden sie sich entscheiden? Regisseurin Beatrice Möller zeigt Frauen, die über die eigene Unabhängigkeit stolpern und stellt dabei durchaus die These auf, dass es sich um Stellvertreterinnen einer ganzen Generation handelt. Indem sie auch die Mütter ihrer Protagonistinnen zu Wort kommen lässt, zeigt sie in der Tat grundlegende Unterschiede auf. Doch lassen sich diese wirklich verallgemeinern?
Claudia, Mona und Marie-Sarah sind allesamt das, was man im Volksmund als "alternativ" bezeichnet. Sie haben studiert oder eine künstlerische Ausbildung abgeschlossen und arbeiten im weitesten Sinne im Berufsfeld Kultur. Kinder haben sie keine und auch Männer spielen zumindest zu Beginn des Films eine auffällig untergeordnete Rolle. Hierin offenbart sich schon der erste eklatante Unterschied zu ihren Müttern, die Anfang dreißig allesamt bereits verheiratet waren. Während die Elterngeneration in der Partnerschaft vor allem eine Absicherung sieht, suchen die jungen Frauen diese Stabilität in sich selbst. Sie alle haben das Bedürfnis anzukommen, Ruhe zu finden, oder anders gesagt, erwachsen zu werden. Aber was heißt das eigentlich?

Möllers Protagonistinnen werfen eine Vielzahl hoch interessanter Fragen auf und sind dabei auffällig bestrebt, ihren eigenen Weg zu beschreiten. Entspringt das Bedürfnis nach einer eigenen Familie vielleicht nur dem erlernten Wissen, dass "man das halt so macht"? Ist es wichtiger, einen Partner zu haben oder die eigenen beruflichen Ziele zu verfolgen? Anstatt sich auf die Unterstützung eines Mannes zu verlassen, beschäftigen sich zwei Frauen mit der Frage, wie sie mit ihrem aktuellen Beruf in der Lage wären, eine Familie zu ernähren. Es sind all diese Fragen bzw. die multiplen möglichen Antworten, die letztendlich dazu führen, dass die Protagonistinnen das Gefühl haben, auf der Stelle zu stehen. Das glaubt zumindest eine der interviewten Mütter. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, aus denen gewählt werden muss, zu viele Alternativen, um die die Frauen von heute wissen, dass sie sich aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, gar nicht festlegen. Wie sich im späteren Verlauf des Films jedoch zeigt, trifft dies nur sehr bedingt zu. Die "Frauen von heute" treffen sehr wohl Entscheidungen, wenn auch vielleicht etwas später als die Generation zuvor.

Beatrice Möllers Film lebt von seinen Protagonistinnen, die eine immense Natürlichkeit ausstrahlen. Ob im Interview oder im Alltag, stets wirken sie als Menschen mit ihren Aussagen authentisch. Der Zuschauer empfindet sofort Sympathie mit ihnen, auch wenn die tiefe Einfühlung in ihre Problematik wohl jenen vorbehalten ist, die sich in einer vergleichbaren Lebenssituation befinden. Alles was wir wollen erzählt vollkommen alltägliche Geschichten. Es gibt kleine Tiefschläge und Höhepunkte, doch verzichtet Beatrice Möller darauf, diese dramatisch zu inszenieren. Dass ihr Film dennoch nicht langweilig wird, liegt an den kurzen, abwechslungsreichen Sequenzen und dem gelungenen Schnitt, der diese thematisch und chronologisch zu einem großen Ganzen verbindet. So entwickelt die Dokumentation trotz ihrer Alltäglichkeit ein gewisses Tempo.

Es ist ein bisschen schade, dass Beatrice Möller insgesamt doch recht ähnliche Charaktere für ihren Film ausgewählt hat. So gelingt es ihr leider nicht, einen Film darüber zu drehen, wie das Leben von Frauen Anfang dreißig sich heutzutage allgemein gestaltet. Der Fokus auf das Bildungsbürgertum ist doch zu eng und verliert andere Bevölkerungsgruppen völlig aus dem Blick. Dennoch werfen Möller und ihre Protagonistinnen eine Vielzahl von Fragen auf, die Zuschauern unabhängig von Schichtzugehörigkeit, Alter und Geschlecht vertraut sein dürften. Der Titel Alles was wir wollen deutet schon daraufhin: Es geht nicht um ein allgemeines "man", sondern um die Frage nach den eigenen Zielen und Vorstellungen. Was heißt erwachsen sein denn für mich? Ihr neugeborenes Kind im Arm haltend resümiert eine der Protagonistinnen am Ende des Films: "Ein Mensch zu werden ist schon ganz schön anstrengend." Recht hat sie!

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Drei Frauen Anfang dreißig, die in den Startlöchern ihres Lebens stehen und sich im Kaleidoskop der Möglichkeiten zu verlieren scheinen – Kind, Karriere, Beziehung oder Weltreisen, wofür werden sie sich entscheiden? Regisseurin Beatrice Möller zeigt Frauen, die über die eigene Unabhängigkeit stolpern und stellt dabei durchaus die These auf, dass es sich um Stellvertreterinnen einer ganzen Generation handelt.
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Alles was wir wollen von Beatrice Möller
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Titel
Alles was wir wollen
"Ein Mensch zu werden ist ganz schön anstrengend"
Startdatum
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Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
70 Min
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