Alicia im Ort der Wunder

Alicia im Ort der Wunder

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Kubanische Kontroversen

Auch wenn die Anspielung des Titels auf das berühmte Werk von Lewis Carroll (1832-1898) diese Richtung zweifellos ankündigt, ist diese kubanische Satire von 1991 noch um einen Grad verrückter und heftiger als erwartet. Alice ist kein kleines Mädchen im Wunderland, sondern Alicia eine junge, erwachsene Frau im wunderlichen Ort Maravillas, in dem abgeschottet von der Außenwelt geradezu unglaubliche, bedrückende Zustände herrschen. Alicia im Ort der Wunder / Alicia en el pueblo de Maravillas ist auch in Bezug auf seine Rezeptionsgeschichte ein skandalöser Film, der in Kuba gewaltige Kontroversen in Politik und Kultur ausgelöst hat, verboten wurde und zu einem Sturm der Entrüstung auf das Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográfica (ICAIC) führte, das Kubanische Institut für Filmkunst und Filmindustrie, das diesen provokanten Stoff produzierte und gegen die vehementen Vorwürfe der aufjaulenden Zensur verteidigte.
Eine offensichtlich vor etwas Entsetzlichem flüchtende Frau rennt aus der unwegsamen Vegetation auf die Landstraße und stoppt einen Lastwagen, der sie auf der Ladefläche mitnimmt, auf der sich bereits einige Mitfahrer angesammelt haben. Ein unter einem Cape verborgener Mann grinst ihr zu, worauf Alicia (Thais Valdés) ihn kurzerhand in einem wilden Aufbäumen vom Laster schmeißt, der gerade eine Brücke über einer tiefen Schlucht passiert. Die Anwesenden sind entsetzt, doch als die Polizei eintrifft und die Stelle absucht, wird keine Leiche gefunden, obwohl ein Zeuge den gewaltigen Aufprall ganz in seiner Nähe bemerkt hat. Es wird rasch deutlich, dass hier etwas schwer Erklärliches geschehen ist, dessen Hintergründe eine Geschichte haben, die im Folgenden als Rückblick erzählt wird.

Die ebenso attraktive wie resolute Kulturmanagerin Alicia hat es sich entgegen der Warnungen ihres Freundes in den Kopf gesetzt, in den verrufenen Ort Maravillas zu reisen, um den dortigen Theaterbetrieb zu unterstützen. Bereits auf dem Weg dorthin zeigen sich Schwierigkeiten, der Empfang ist wenig herzlich und die erste Nacht erfüllt von der übermächtigen Präsenz Gemeiner Küchenschaben, die sich durchaus als Kakerlaken-Horror bezeichnen lässt. Gerettet wird Alicia vom furchtsamen Candido, der ihr seine groteske Geschichte erzählt, die ihn an diesem Ort festhält, an dem so ganz andere Verhältnisse herrschen als im übrigen Kuba. Am nächsten Tag besucht die nunmehr leicht verstörte Frau eine Führung durch ein zwielichtiges Sanatorium mit ganz abgefahrenen Gestalten auf beiden Seiten der Macht, deren Motivationen ihr gegenüber allesamt sehr seltsam erscheinen. Die Verwirrung und auch der Widerspruch Alicias angesichts der Absurditäten nehmen zu, und bald sieht sie sich von den Kontrollorganen des Ortes verfolgt, deren Autorität sie kräftig attackiert, aber es gelingt ihr nicht ohne Weiteres, Maravillas wieder zu verlassen, zumal ihr offenbar ein Plätzchen im Sanatorium zugedacht ist, und nicht nur als Besucherin …

Alicia im Ort der Wunder des kubanischen Politikwissenschaftlers und Filmemachers Daniel Díaz Torres ist eine schräge, in vielerlei Hinsicht provokante Satire mit derben Hieben sowohl auf eine als wunderbar ausgewiesene Gesellschaft und ein repressives, kontrollmächtiges politisches System als auch auf die ambivalente Rolle der Kirche. Die leichten technischen Defizite der DVD, die hauptsächlich bei den mitunter schwer lesbaren deutschen Untertiteln auffallen, sind verzeihlich, wenn man bedenkt, dass in Kuba keine einzige Fassung des angefeindeten Films mehr aufzufinden war; die vorliegende Kopie wurde von den Berliner Freunden der Kinamathek zur Verfügung gestellt. Obwohl der animierte Vorspann einen direkten Bezug auf Alice’s Adventures in Wonderland / Alice im Wunderland nimmt, geht die drastische, variantenreiche Inszenierung dann doch nicht schlicht als zynische Version des Klassikers durch, zu deutlich gestaltet sich die offensive, überspitzte Kritik der grotesken Geschichte, die ebenso witzig wie auch schockierend treffend ausfällt.

Bei der Berlinale 1991 wurde Alicia im Ort der Wunder mit dem Friedensfilmpreis ausgezeichnet, was angesichts der Anfeindungen von Seiten der kubanischen Regierung und Kulturszene eine zusätzliche Bedeutung gewinnt. Die schonungslose Satire, die vor allem rotzfrech daherkommt, birgt sicherlich brisanten Zündstoff, erscheint dabei jedoch derart absurd, dass die rigorose Verweigerung, diesen Film seinem Publikum in Kuba zugänglich zu machen, übertrieben wirkt, zumal das Ende noch einmal sehr deutlich seinen Charakter als Schelmenstück betont – eine vorsichtige Relativierung, die allerdings seine Tabuisierung nicht verhindern konnte. Als absolut sehenswertes Extra gibt es den Kurzfilm Paul Kopinzky des jungen deutschen Regisseurs Malte Ollroge, der ein ungeheuer charmantes, kluges Kleinod dieses Genres repräsentiert.

Alicia im Ort der Wunder

Auch wenn die Anspielung des Titels auf das berühmte Werk von Lewis Carroll (1832-1898) diese Richtung zweifellos ankündigt, ist diese kubanische Satire von 1991 noch um einen Grad verrückter und heftiger als erwartet.
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