Adieu Bulle

Adieu Bulle

Eine Filmkritik von Martin Beck

Ruppiges Hühnchen

Mit Lino Ventura ist nicht zu spaßen. Dieses Gesicht, diese Statur, diese gebellten Kurzsätze – der französische Dirty Harry beweist sich auch in Adieu Bulle als zuverlässiger Rammbock. Mal eben friedliche Hare Krishnas durch die Lüfte segeln lassen, dem heißblütigen Assistenten eine zimmern oder schwammige Vorgesetzte mit rausgepressten Worthieben rund machen: Kommissar Verjeat ist kein Freund ausgewogener Diskussionsrunden. Statt einen auf unterkühlt zu machen, wie viele andere französische Polizeithriller der siebziger und sechziger Jahre, geht es hier angenehm reißerisch zur Sache, gerne ergänzt um eine gesunde Dosis draufgängerischer Ironie.
Diese Mischung fußt auf der spannenden Paarung Raf Vallets, der die toughe bis gesellschaftskritische Roamnvorlage geschrieben hat, mit Francis Veber, dem Verfasser des Drehbuchs. Venturas Verjeat ist demnach nicht nur ein schlagkräftiger Rüpel, sondern auch ein von grimmigem Witz getriebener Draufgänger, der dem eigentlich deprimierenden Geschehen willkommene Energiestöße verpasst. Ein korrupter Politiker verursacht einen Mord und baut im Folgenden darauf, dass auch alle Polizisten korrupt sind – außer natürlich Verjeat und sein Assistent Lefèvre, die ausgerechnet dadurch ausgeschaltet werden sollen, indem man sie befördert. Und die ausgerechnet dadurch am Fall dranbleiben wollen, indem sie sich ebenfalls als korrupt ausgeben.

Adieu Bulle zeigt mal wieder ein düsteres Bild französischer Polizei-Wirklichkeit, das in ähnlich drastischer Filmform nur noch aus Italien bekannt ist. Alle haben hier Dreck am Stecken, vor allem natürlich die ganz Oberen, und die eigentlich klaren Trennlinien zwischen Bullen, Gangstern und Politikern weichen einem sumpfigen Gemauschel. Verjeat kann da nur ein Außenseiter sein, mit seiner geradlinigen Rumpeligkeit, die zwar auch nicht immer im gesetzlichen Rahmen bleibt, aber zumindest nicht Schmiergelder einkassiert. Dass sein Vorgesetzter meint, ihn wegzuloben würde die Lösung bringen, ist dabei genauso ein Hohn wie das vorgetäuschte Heulen mit den windigen Wölfen, um letztendlich überhaupt eine Chance zu haben. Der wahre Gegner ist nicht mehr der Mörder, sondern das System.

Eigentlich nichts Neues, zumindest was die französischen Polizeifilme der siebziger Jahre angeht, doch trotzdem noch eine angenehm kantige Provokation, die der routinemäßigen Mordermittlung frechen Zunder verleiht. Regisseur Pierre-Granier Deferre schielt deutlich mehr Richtung Bahnhofskino als Arthaus und kann dabei auf einen Hauptdarsteller in klassischer Hochform zählen. Lino Ventura gibt mit Wonne den distinguierten Elefanten im Porzellanladen und reibt sich dabei höchst ansehnlich an seinem hibbeligen Partner, hervorragend gespielt von Patrick Dewaere. Adieu Bulle ist auch ein Buddy-Film, die kühle Seite des Geschehens, die ebenso herausgestellt werden könnte, dient hier eher als Kulisse für warmherzige Faustschläge und Schnoddersprüche.

Dass Letzteres auf hohem Niveau stattfindet, beweist die hervorragende deutsche Synchro, die unter anderem Arnold Marquis, Arne Elsholtz und Thomas Danneberg aufbietet. Angesichts solcher Qualität und generell eines Films, der nur eventuell ein bisschen unterhalb der anderen Klassiker seines Hauptdarstellers rangiert, darf man schon verwundert reagieren, dass Adieu Bulle erst jetzt seine DVD-Premiere erfährt. Das Label Filmjuwelen leistet hier nicht zum ersten Mal Pionierarbeit und setzt dabei auf eine exzellente Bild- und Tonqualität, die wunderbar zum schicken Artwork und dem ebenso schicken Booklet passt. Eine rundum gelungene Veröffentlichung, wie geschaffen für eine Wieder-/Neuentdeckung des unvergleichlichen Rüpelcharmes von Signore Ventura.

Adieu Bulle

Mit Lino Ventura ist nicht zu spaßen. Dieses Gesicht, diese Statur, diese gebellten Kurzsätze – der französische "Dirty Harry" beweist sich auch in "Adieu Bulle" als zuverlässiger Rammbock. Mal eben friedliche Hare Krishnas durch die Lüfte segeln lassen, dem heißblütigen Assistenten eine zimmern oder schwammige Vorgesetzte mit rausgepressten Worthieben rund machen: Kommissar Verjeat ist kein Freund ausgewogener Diskussionsrunden.
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