A.C.A.B.: All Cops Are Bastards

A.C.A.B.: All Cops Are Bastards

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Am Ende die Hoffnungslosigkeit

Die Polizei – das ist das Thema unendlich vieler Cop-Filme und womöglich auch der Realität – ist immer im Nachteil. Denn ihr Wesen im demokratischen Rechtsstaat ist es ja gerade, in ihren Möglichkeiten und Freiheiten massiv begrenzt zu sein: argumentativ erhält sie ihre Macht ja nur per Ableitung aus der Macht des Volkes, das sie beschützen soll, einerseits, und dem sie, andererseits, in Gestalt von Hooligans und Verbrechern auch entgegensteht. Volk sind ja schließlich auch die Guten, und so verlangt der Staat vom Polizisten schier Unmögliches: Auch seinen Gegnern gegenüber maßvoll und möglichst gewaltfrei aufzutreten.
Es ist fast eine Versuchsanordnung, mit der die Tragfähigkeit einer solchen Anforderung geprüft werden soll, die Stefano Sollima in A.C.A.B. – All Cops Are Bastards vorstellt. Seine Protagonisten sind allesamt Angehörige einer Einheit der Polizei, die als „Riot Cops“ zuständig dafür sind, mit Helm, Schutzkleidung und gelegentlich Schlagstöcken dort einzugreifen, wo es richtig zur Sache geht oder gehen könnte: Nach Fußballspielen, bei der Räumung eines Sozialbaus, bei der Ausweisung illegaler Flüchtlinge. Sollima bettet diese Einheit unmittelbar in die politische Gegenwart Italiens ein: Neonazis verprügeln Migranten, und explizit verweisen die Polizisten darauf, sie seien bei der blutigen Erstürmung der Diaz-Schule während der G8-Proteste in Genua dabei gewesen, die 2001 für einen Sturm der Entrüstung sorgte.

„Was ist da wirklich passiert?“ will später der Neuling in der Gruppe wissen, aber so richtig will keiner seiner neuen Kollegen darüber Auskunft geben. Gründlich eingeführt wird er allerdings in den Corpsgeist und die Verhaltensregeln der Truppe – es geht, erklärt ihm sein Vorgesetzter Cobra (Pierfrancesco Favino), zuallererst darum, Konflikte zu vermeiden. Und nur, wenn es unbedingt nötig ist, wird die direkte Konfrontation gesucht.

Die Welt, in der die Polizisten agieren, ist keineswegs einfach schwarz und weiß – Sollima hat kein Interesse an einfachen Gegensätzen. Auch die Riot Cops sprechen mit den einfachen Straßenkriminellen, wenn es ihrer Sache dienlich ist, und einer trifft sich mit einem alten Freund, in dessen Nacken das titelgebende Akronym „A.C.A.B.“ eintätowiert ist – alle Polizisten sind Bastarde. Es bleibt aber nicht bei solchen Annäherungen: Als einer der Kollegen verletzt wird, suchen die Polizisten die Täter auf eigene Faust und setzen damit eine Kettenreaktion in Gang. Das setzt der Film nicht als Krimi um, sondern konsequent auf der Ebene des persönlichen Dramas, in dem die Ermittlungen nur kleine Entwicklungen am Rande sind – und so wird sichtbar, wohin der Regisseur mit A.C.A.B. möchte.

Denn man kann dabei zusehen, wie sich die Begründungen und Zusammenhänge der Polizisten verschieben, wie ihre Selbstwahrnehmung sich vom Hüter des Gesetzes zum Vollstrecker selbstgefasster Regeln wandelt, deren Rechtfertigung sich aus den Anforderungen ergibt, die ursprünglich an sie gestellt wird – für die die Politiker aber nicht die Möglichkeiten bereitstellen wollen. Es ist gewissermaßen Gesetzlosigkeit aus Verzweiflung über die Ohnmacht, aus der sich die selbst zugeschriebene Rolle wandelt, und die zwangsläufig in einen Zustand führen muss, der die Polizisten selbst wieder außerhalb des Rechtsstaates positioniert.

Verstärkt wird das Ganze, und Sollima zeigt das an den einzelnen Figuren (einer wurde aus dem Dienst entlassen, einer versucht seine Frau zurückzubekommen…), natürlich durch einen Gestus von Männlichkeit und Gruppenzusammenhalt, der den Einzelnen keinen Rahmen gibt, um sich anders zu sehen denn als Teil dieser Gemeinschaft. Das ist eine grimmige, womöglich nihilistische Sozialstudie, ein Gruppenpsychogramm fast, aus einer Welt, von der man sich am Ende nur an Dunkelheit und grelles Neonlicht erinnert, obwohl doch alle Grautöne schimmerten mit den Grausamkeiten der Welt.

A.C.A.B.: All Cops Are Bastards

Die Polizei – das ist das Thema unendlich vieler Cop-Filme und womöglich auch der Realität – ist immer im Nachteil. Denn ihr Wesen im demokratischen Rechtsstaat ist es ja gerade, in ihren Möglichkeiten und Freiheiten massiv begrenzt zu sein: argumentativ erhält sie ihre Macht ja nur per Ableitung aus der Macht des Volkes, das sie beschützen soll, einerseits, und dem sie, andererseits, in Gestalt von Hooligans und Verbrechern auch entgegensteht. Volk sind ja schließlich auch die Guten, und so verlangt der Staat vom Polizisten schier Unmögliches: Auch seinen Gegnern gegenüber maßvoll und möglichst gewaltfrei aufzutreten.
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