A World Not Ours

A World Not Ours

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Wenn aus Flüchtlingen Menschen werden

Es ist eigentlich kein Wunder, dass die meisten Menschen mit der Berichterstattung aus Nahost nicht wirklich etwas anfangen können, dass sie die Nachrichten so merkwürdig kalt lassen. Ernst dreinschauende Moderatoren zählen Flüchtlings- und Totenzahlen auf. Namenlose Menschen, die uns nichts bedeuten, sterben an Orten, die wir nicht kennen. Mahdi Fleifel versucht, das mit seinem ersten Langfilm A World Not Ours zu ändern.
„Ich wollte schon immer eine Geschichte über diesen Ort erzählen“, verrät er uns zu Beginn des Films. Der Ort, den Fleifel meint, ist das libanesische Flüchtlingslager Ain al-Hilweh. Es liegt im Südwesten des Landes, nahe der Hafenstadt Sidon. Das Lager wurde 1948 durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz gegründet, unter anderem als Reaktion auf die Flüchtlingsströme des arabisch-jüdischen Bürgerkriegs. Mit 70.000 Flüchtlingen war es immer schon das größte palästinensische Lager im Libanon. Seit dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien im März 2011 ist diese Zahl auf fast 120.000 gestiegen. Es ist sicher nicht einfach dort zu leben: Im ersten Libanonkrieg war das Lager ein wichtiger Kampfschauplatz, seit den 1990er Jahren wird es von der Fatah regiert. Die libanesischen Streitkräfte dürfen das Gebiet nicht betreten, in den lokalen Medien gilt es als Brutstätte für Terroristen und Versteck für Verbrecher.

An diesem Ort ist Mahdi Fleifel aufgewachsen. Dank seinem Vater, der ganz und gar vernarrt in seine Videokamera war, gibt es viele Aufnahmen davon. In einem Interview erklärt Fleifel: „Diesen Film gibt es schon so lange, wie es mich gibt, ohne das ich das bemerkt hätte. Nach meinem letzten Besuch in Ain al-Hilweh stellte ich fest, dass ich persönlich dort schon sei 12 Jahren drehe. Mein Vater filmt seit Mitte der 1980er. Und da traf es mich: Vielleicht war irgendwo in diesen Aufnahmen eine Geschichte verborgen.“

Fleifel hat den Film selber gedreht, geschrieben, geschnitten, mitproduziert und auch selbst die Voiceover-Kommentare eingesprochen. Er ist sogar selbst zu sehen. Auch wenn der Film in vielerlei Hinsicht sein Leben widerspiegelt, hat er doch auch etwas beeindruckend Universelles: Der Filmemacher zeigt uns nicht nur sein Leben, sondern exemplarisch auch das einiger Menschen, die ihm nahestehen. Persönliche und globale Geschichte werden wieder und wieder vermengt, bedingen sich gegenseitig und werden miteinander verwoben, bis wir begreifen, dass diese Trennung eigentlich nur in unseren Köpfen besteht.

Dabei bedient sich Mahdi Fleifel immer wieder auch den Mitteln des (Hollywood-)Films. In seiner Jugend, so erzählt er, habe er viel Zeit mit seinem Onkel im örtlichen Kino verbracht. Manchmal 3-4 Actionfilme am Stück, mal Jackie Chan, mal Sylvester Stallone. Und das spürt man: Aus allen Menschen die er uns zeigt, macht er auch Figuren. Manche von ihnen machen sogar im Laufe des Films eine ganz klassische Charakterentwicklung durch. Sie zweifeln und wägen ab. Nur wenige von ihnen werden uns als Stereotypen gezeigt, wie etwa Fleifels ewig missmutiger Großvater. Oft geht es um Helden, um Idole und um Vorbilder.

Zuerst einmal wäre da die Hauptfigur, Mahdi selbst. Jeder Film handelt immer auch von der Person, die ihn dreht. Mahdi dient als Erzähler, in mehrerlei Hinsicht. Seine Gedanken und sein Leben bilden den Ankerpunkt, von dem aus andere Geschichten erzählt werden können. Die zweite Hauptfigur ist sein guter Freund Abu Eyad. Der heißt in Wirklichkeit anders, hat sich den Namen aber im Andenken an Salah Khalaf, den zweitwichtigsten Mann der PLO, gegeben. Als Mahdi im Jugendalter das Lager verlässt, bleibt er zurück. Am Beispiel von Abu Eyad wird dem Zuschauer erzählt, wie der Alltag unter Flüchtlingen aussieht. Arbeit gibt es keine, die meisten Berufe dürfen die Menschen dort ohnehin nicht ergreifen. Das Leben verläuft wie in Zeitlupe. Als sich Mahdi und Abu Eyad einmal drei Jahre lang nicht sehen, stellen beide ernüchtert fest: Hier hat sich nichts geändert. Das Exil und der Flüchtlingsstatus verdammen zur Tatenlosigkeit, das Leben wird erdrückend. Offiziell ist das Lager kein Gefängnis, aber die Praxis sieht anders aus. Und deswegen gibt es zwischen Fleifel und Abu Eyad auch stets eine spürbare Spannung: Der eine ist frei, der andere nicht.

Eyad ist Mitglied der Fatah, mit der Revolution will er aber nichts mehr zu tun haben. Gänzlich desillusioniert sucht er die Nähe zur Organisation nur noch aus der finanziellen Not heraus. Nach und nach lernen wir ihn kennen. Mahdi bringt ihm CDs mit, Abu Eyad mag Tom Waits. „Wir (Palästinenser) hören gerne traurige Musik“. In einem Laden fragt ein Verkäufer ihn misstrauisch „Ist das da etwa Hebräisch auf deinem T-Shirt? Arbeitest du jetzt etwa für die Juden?“ Der Ladenbesitzer zückt eine Pistole. Kurz darauf zeigt sich, wie entwaffnend Humor sein kann, und wie sehr unsere Erwartungshaltung unsere Sicht auf Araber mitbestimmt. Der Verkäufer verzieht kurz das Gesicht, nimmt einen gekünstelt-harten Tonfall an, eine Mischung aus Clint Eastwood und Bruce Willis und verkündet: „Zur Strafe muss ich dir die Eier wegblasen.“ Aus der Situation, die kurz bedrohlich wirkt, wird schnell ein Witz.

Auf dieser Weise schafft es A World Not Ours immer wieder, uns neue Bilder und Referenzpunkte für die arabische Welt zu geben. Manchmal hält die Kamera einfach mitten auf der Straße an und beobachtet das bunte Treiben. Einmal wird einfach nur ein Schwarm Vögel aufgenommen. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie argumentiert, dass Gesellschaften für jede Bevölkerungsgruppe nur eine einzige Geschichte zu erzählen hätten. Hier aber bekommen wir neue zu hören. Etwa die von Madhis Onkel Said, der früher für die PLO gekämpft hat. Mit seinem Freund Jamal waren die beiden, zumindest für die Kinder in Ain al-Hilweh, strahlende Helden. „Unser Rambo“, nennt ihn das Voiceover. Jamal ist heute tot, Said züchtet Tauben. Wir kennen „den Araber“ aus Filmen heute vor allem als bösartigen Terroristen, doch die Realität sieht meist anders aus. Die Menschen, auf die wir im Lager treffen, sind warmherzig und oft unfassbar komisch. Sicher, manchmal werden sie wütend. Ihre Situation ist keine einfache, es gibt viele Probleme. Manchmal greifen sie zu einfachen Lösungen, dann wird der Teufel Israel verflucht, dem es „den Rücken zu brechen“ gilt. Und in anderen Szenen jubeln sie bei der WM für ferne Länder wie Brasilien und Italien. In Ermangelung einer eigenen Flagge ziehen sie mit der deutschen, spanischen oder französischen durch die engen Gassen ihres Wohnorts.

„Die Alten werden sterben, die Jungen werden vergessen“, wird der erste Premierminister Israels David Ben-Gurion im Film zitiert. Wenn der Filmemacher angesichts eines Holocaust-Mahnmals von seiner Unfähigkeit zu begreifen berichtet, dann droht der Film sich zu verlieren. Doch hier wird nie gute Miene zum bösen Spiel gemacht. A World Not Ours ist zwar auch aktivistisch zu verstehen, aber sicher nie eindeutig antiisraelisch oder gar antisemitisch. In dem, was hier zur Sprache kommt, ist Ehrlichkeit zu spüren. Mahdi Fleifel präsentiert sich und sein Volk als Menschen mit Vorstellungen und Meinungen, immer in dem Bewusstsein, dass jeder Mensch die Welt anders fühlt und versteht. Denn darum geht es ihm: Einen individuellen Blick zu zeigen. Auf Palästina und Israel – und auf Ain al-Hilweh.

Der Film verdeutlicht: Wir leben in einer Welt voller Flüchtlinge. Die meisten von uns leben nicht mehr an dem Ort, an dem wir geboren wurden. Aber uns steht immer offen, nach Hause zurückzukehren, selbst wenn die Heimat aus unserer Erinnerung schon längst nicht mehr existiert. Für die Palästinenser, aber auch für andere Flüchtlinge und Staatenlose aus aller Welt ist das anders. Die Welt, so schon der Titel, ist nicht die Ihre. Nirgendwo. Laut UN-Menschenrechtscharta hat jeder Vertriebene ein „Recht auf Rückkehr“. A World Not Ours füllt solche abstrakten Sätze und Ideale mit Leben.

A World Not Ours

Es ist eigentlich kein Wunder, dass die meisten Menschen mit der Berichterstattung aus Nahost nicht wirklich etwas anfangen können, dass sie die Nachrichten so merkwürdig kalt lassen. Ernst dreinschauende Moderatoren zählen Flüchtlings- und Totenzahlen auf. Namenlose Menschen, die uns nichts bedeuten, sterben an Orten, die wir nicht kennen. Mahdi Fleifel versucht, das mit seinem ersten Langfilm „A World Not Ours“ zu ändern.
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