A Touch of Zen (1971)

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Gut Ding will Weile haben: Endlich erscheint King Hus Kampfkunst-Klassiker A Touch of Zen in einer würdigen Version fürs Heimkino. Die intrigenreiche, in der Ming-Dynastie angesiedelte Geschichte revolutionierte das Genre und fasziniert auch heute noch.

A Touch of Zen (1971)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Schwerelose Schwerter

Gut Ding will Weile haben: Endlich erscheint King Hus Kampfkunst-Klassiker A Touch of Zen in einer würdigen Version fürs Heimkino. Die intrigenreiche, in der Ming-Dynastie angesiedelte Geschichte revolutionierte das Genre und fasziniert auch heute noch.

Es gibt Filme, die das Publikum in Scharen anziehen, obwohl ihnen die Kritiker nichts abgewinnen können, und umgekehrt bleibt die breite Masse manchem von der Kritik hochgelobten Werk fern. Andere wiederum, beiderseits von Publikum und Kritik geschmäht, rücken erst durch Cinephile in den Fokus des filmischen Gedächtnisses. Und weil die Cinephilie eine bedingungslose Liebe zum Kino bedeutet, mit der unweigerlich eine Liebe fürs Detail einhergeht, sind auch welche darunter, die nur wegen eines gelungenen Dialogs, eines verwegenen Schnitts, einer unerhörten Kamerafahrt, eines die Leinwand einnehmenden Blicks oder schlicht wegen etwas nie zuvor Gesehenem kultisch verehrt werden.

Hier sind die Cineasten den Filmhistorikern ganz nah, weil auch letztere Filme nicht zuletzt aufgrund ihrer Neuerungen in der Geschichte verankern. Ab und an bringt die Siebte Kunst ein Wunderwerk hervor, das Gelegenheitskinogänger, Kritiker, Liebhaber und Wissenschaftler gleichermaßen abholt. King Hus A Touch of Zen zählt (bislang) nicht dazu, hätte es aber verdient.

Allein der Auftakt ist meisterhaft. Spinnennetze, in denen die Beute bei Nacht und Nebel baumelt, lösen sich in einem Sonnenaufgang über immergrünen Hügeln auf. Die Kamera fährt vor und zurück, schwenkt horizontal und vertikal. Die Musik wechselt so schlagartig wie die Szenerie, ist erst bedrohlich, dann erhaben, verströmt zuletzt etwas Gespenstisches, schließlich soll es in dieser malerischen Landschaft spuken.

Hier liegt das verlassene Fort Jing Lu, durch dessen Tor die Zuschauer eintreten und Einstellung für Einstellung voranschreiten. Zwischen eingestürzten Mauern und vom Morgentau bedecktem Schilf thront das von Pflanzen umrankte, leer stehende Haus des Grenzschutzgenerals. Zwei steinerne Löwen am Fuße der Eingangstreppe sind stumme Zeugen längst vergangener Macht. Vögel fliegen auf, als ein Mann im strahlend blauen Gewand wenige Meter entfernt aus einer Tür tritt und auf den Markt geht. Er heißt Sheng-zhai Gu (Chun Shih) und betreibt eine Schreib- und Zeichenstube, wie zwei Schilder verraten. Mit ihm und seiner Arbeit kommt der Film zur Ruhe, werden die Töne und Bewegungen geschmeidiger. Ein Fremder (Peng Tien) tritt als Schatten an Gu heran und lässt sich porträtieren. Doch, wie so viele in diesem Film, ist er nicht der, für den er sich ausgibt.

A Touch of Zen ist King Hus siebte Regie, in der all seine Stilmittel formvollendet zur Anwendung gelangen. Die vorbildlich restaurierten Breitwandaufnahmen sind nicht nur wunderschön anzuschauen, sondern geben ohne Umschweife und ungelenke Erklärungen Zeit, Ort und Stimmung vor. Was den 1931 oder 1932 nahe Peking geborenen Filmemacher an der Ming-Dynastie so faszinierte, dass er beinahe all seine Geschichten in jener Zeit spielen lässt, erläutert er in einem Interview im Bonusmaterial der Blu-ray.

Das Gespräch, das 1996, im Jahr vor King Hus Tod in Los Angeles aufgezeichnet wurde, kreist zwar um dessen vorletzte Regie, den Omnibusfilm Meister des Schwertes, bietet aber interessante Einblicke in seine Arbeitsweise. Die Epoche zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert sei mit ihren inneren und äußeren Bedrohungen, mit ihren Intrigen und all der Korruption schlicht die interessanteste der chinesischen Geschichte. Und so ist auch in A Touch of Zen nichts, wie es zunächst scheint.

Als die mysteriöse Schönheit Yang (Feng Hsu) nebenan einzieht, sieht Gus Mutter (Ping-yu Chang) in ihr bereits die zukünftige Schwiegertochter ihres in ihren Augen nichtsnutzigen Sohns. Doch statt vor den Traualtar gerät Gu unfreiwillig zwischen die Fronten eines Mordkomplotts, in dem auch der Mediziner Lu (Hsue Han), der blinde Wahrsager Shi (Bai Ying), der Fremde und die geheime Staatspolizei Dong Chang um den Obereunuchen ihre Finger im Spiel haben.

Heute gilt King Hu längst als wichtiger Vertreter des asiatischen Kinos, A Touch of Zen als wegweisendes Opus Magnum. Hus Stil revolutionierte das Wuxia-Genre, jene Spielform des fantastisch angehauchten Schwertkampffilms, die sich bis in die Gegenwart, etwa bei Hark Tsui oder Quentin Tarantino und in internationalen Erfolgen wie Ang Lees Tiger & Dragon oder Yimou Zhangs Hero und House of Flying Daggers niederschlägt. Deren Protagonisten sind mehr Tänzer denn Kämpfer, weil King Hu seinerzeit die ästhetisch wenig ansprechenden Kampfsporttechniken durch Elemente der Pekingoper ersetzte und durch perfekt aufeinander abgestimmte Einstellungsgrößen, Montagen und choreografierte Körper neu arrangierte. Das brachte A Touch of Zen dreieinhalb Jahre nach seinem offiziellen Kinostart bei den Filmfestspielen in Cannes 1975 den Grand prix de technique superieur ein.

Dass der Film und sein Regisseur trotz dieses frühen Erfolgs nie denselben Bekanntheitsgrad wie andere asiatische Vertreter erreichten, mag am Genre, aber auch am Herkunftsland liegen. Wie Ralph Umard in seinem ebenso aufschluss- wie kenntnisreichen, allerdings etwas abrupt endenden Booklet-Text schreibt, „war das chinesische Kino bis Anfang der 1970er Jahre im Westen weitgehend unbekannt“.

Kritikern mag der shakespearsche Tiefgang eines Akira Kurosawa gefehlt haben, für Fans eines Bruce Lee oder später Jackie Chan sind Hus Filme vielleicht zu langsam und verschlungen erzählt, zu stilisiert in Szene gesetzt. Und als mit Hongkongs Actionkino endlich auch der Schwertkampffilm weltweit durchstartete, hatte die jüngere Generation Hu in puncto Tempo und Dynamik längst überholt.

Doch ein zweiter Blick lohnt. Mit einer Laufzeit von drei Stunden, einer mäandernden Erzählweise, die ihre Rückblenden über akustische und visuelle Match Cuts kunstvoll miteinander verknüpft, und Einstellungen von malerischer Schönheit entwickelt A Touch of Zen eine geradezu meditative Kraft. Der von Yang als zu weich geschmähte Bücherwurm Gu entpuppt sich dank seines angelesenen Wissens als waschechter Stratege, was zu den anmutigen, in unzähligen Filmen zitierten Todesballetten zunächst im hohen Gras des Forts, später im Bambuswald führt. Chun Shih gibt diesen Gu mit Würde, aber auch stets als komischen Gegenpart zur strengen Yang, die sich ihre Männer frei und ohne Verpflichtungen wählt und damit durchaus und anders als von Ralph Umard im Booklet behauptet zur feministischen Symbolfigur taugt.

Im letzten Drittel verschlägt es die Protagonistin schließlich in ein buddhistisches Kloster, was Hus Film endgültig von einer narrativen in eine transzendentale Ebene verschiebt. In einem letzten Kampf, der sich über eine halbe Stunde erstreckt und während dessen der Abt des Klosters (Roy Chiao) auf den verschlagenen Hauptmann Hsien-chun Hsu (Ying-jie Han) trifft, ist der Film reine, der Schwerkraft enthobene Kinetik, ein von Chorälen unterlegter Farbrausch, grandioses Theater aus Licht und Schatten.

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