491

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Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Albtraumhaftes Vakuum

„Schwedenfilm“, das klingt auf unerklärliche Weise selbst dann etwas anrüchig, wenn man mit dem Ausdruck nichts anfangen kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete man damit Filmproduktionen aus dem skandinavischen Land, in denen unter anderem ein unverkrampfter Umgang mit dem Körper und der Sexualität gepflegt wurde. Dazu zählen beispielsweise Arne Mattsons melodramatischer Liebesfilm Sie tanzte nur einen Sommer (Hon dansade en sommar, 1951), Ingmar Bergmanns Drama Das Schweigen (Tystnaden, 1963) oder Vilgot Sjömans Sozialdrama 491 (1964).
Obwohl die genannten Filme die Nacktheit in keiner Weise ausbeuteten, sorgte die reine Präsentation der damals ungewohnten Freizügigkeit für Aufsehen. Das Schweigen entzündete die Gemüter derart, dass unter Federführung des Juristen Adolf Süsterhenn die Aktion „Saubere Leinwand“ ins Leben gerufen wurde. Das Ziel der Initiative, die fleißig Unterschriften empörter Bürger sammelte, war die Einschränkung der verfassungsrechtlich gewährten Wissenschafts- und Kunstfreiheit, um vor allem die Jugend zu schützen. Die Freiheit sollte an die „allgemeine sittliche Ordnung“ gebunden werden. Intellektuelle, führende Politiker, die meisten Medien und die Spitzen der beiden großen christlichen Kirchen versagten der Aktion jedoch die Zustimmung, sodass sie verpuffte. Die Empörungsgeschichte ist ein Grund dafür, dass der Begriff „Schwedenfilm“ trotz oftmals künstlerischer Ausrichtung der Werke anrüchig klingt. Ein anderer ist, dass man je nach Definitionsumfang auch Filme dazuzählt, die exploitativer angelegt sind.

Das Sozialdrama 491 ist ein nüchterner Vertreter des „Schwedenfilms“, der jedoch nur stark geschnitten in die deutschen Kinos kam. Vilgot Sjöman, der bei Ingmar Bergmanns Drama Licht im Winter (Nattvardsgästerna, Schweden 1961) als Regieassistent arbeitete und später die weiteren Skandalfilme Ich bin neugierig (gelb) und Ich bin neugierig (blau) (Jag är nyfiken – en film i gult, Jag är nyfiken – en film i blått, Schweden 1967 und 68) drehte, widmet sich hier einem liberalen Experiment des Strafvollzugs. Sechs kriminelle Jugendliche sollen unter der Aufsicht des Soziologiestudenten Krister (Lars Lind) wieder in ein gesellschaftskonformes Dasein finden. Gemeinsam leben sie in einer Wohnung, die den didaktischen Namen „Pension Sachlichkeit“ trägt. Der zuständige Inspektor (Frank Sundström), der die staatliche Oberaufsicht ausübt, taucht jedoch nur selten auf, um nach dem Rechten zu sehen. So ist Krister auf sich allein gestellt. Seine weiche Unsicherheit wird jedoch schon bald ausgenutzt. Vor allem der rebellische Nisse (Leif Nymark) lässt jeden Respekt vermissen. Er klaut Kristers Bücher, um sie zu Geld zu machen, und stiftet auch die anderen zum Ungehorsam an. Alkoholkonsum und sexuelle Eskapaden mit einer Prostituierten sorgen schließlich dafür, dass die Situation außer Kontrolle gerät.

Sjömans geschickter Inszenierungsstil setzt nicht nur auf eine unspektakuläre, raue Schwarzweißfotografie, er wechselt auch zwischen beiläufig wirkenden Aufnahmen und starren Schnittfolgen. Die Kamera ist immer dann unverkrampft nah bei den Akteuren, wenn das dynamische Miteinander der Jugendlichen eingefangen werden soll. Wie eine weitere Figur übernimmt sie den Part eines dokumentarisch anmutenden Beobachters, der selbst am Geschehen teilnimmt. Die bewegliche Kamera entfacht eine eigenständige Energie, die das rebellische Bewusstsein der Jugendlichen widerspiegelt. Denn sie nehmen an dem Experiment natürlich nur Teil, weil sie sonst im Knast gelandet wären. Die liberale Experimentierfreudigkeit der Autoritäten empfinden sie kaum als Chance auf ein anderes Leben, sondern vielmehr als Gelegenheit, ihre aus den Fugen geratene Aufmüpfigkeit weiter ausleben zu können. Sie empfinden die Regeln der Gesellschaft als einengendes Gefängnis. Das spiegelt Sjöman durch die starren Einstellungen wieder, auf die er immer dann zurückgreift, wenn die seltenen offiziellen Gespräche mit den Autoritäten stattfinden. Gleich zu Beginn wird Nisse unter Druck gesetzt, am Experiment teilzunehmen. Die Abfolge der unbeweglichen Bilder entwickelt die unerbittliche Kraft eines Schraubstocks, aus dem es für Nisse kein Entkommen gibt. Sein rebellisches Wesen wird dadurch nur verstärkt.

Die bittere Schilderung des Scheiterns entpuppt sich als ausgesprochen differenziert. Sjöman zeigt auf schonungslose Weise, dass die naive Harmlosigkeit, mit der Krister agiert, völlig wirkungslos bleibt. Sein sanftmütiges Wesen lässt jedes Gegengewicht vermissen, das die rebellischen Jugendlichen zumindest als ebenbürtig empfinden könnten. Die Autorität zeichnet Sjöman allerdings auch nicht als geeignetes Gegenbild, das in der Lage ist, Abhilfe zu schaffen. In einer der unangenehmsten Szenen des Films nutzt der Inspektor seine uneingeschränkte Machtposition gegenüber Nisse aus, indem er ihn zu sexuellen Handlungen nötigt. Gezeigt werden sie nicht, aber hinreichend angedeutet. Aus der naiven Gutmenschlichkeit und der moralisch korrumpierten Autorität entwickelt sich schließlich ein Vakuum, dessen orientierungsloses Wesen in einen Rausch der Willkür mündet. Alle Beteiligten haben kräftig daran mitgewirkt, dass das Experiment scheitert. Die verteilte Schuld entlässt aber niemanden aus der Verantwortung, sie zeigt vielmehr die komplexe Natur auf, die hinter schwer erziehbaren Jugendlichen und dem Umgang mit ihnen steckt.

Im Audiokommentar geht Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger kenntnisreich auf die Zensurgeschichte des Films ein und analysiert seine filmische sowie inhaltliche Ausrichtung. Dabei geht er auch konkret auf einzelne Szenen ein und verbindet seine Aussagen sehr anschaulich mit dem vorliegenden Werk.

Darüber hinaus enthält die DVD auch die geschnittene deutsche Kinofassung des Films, die den Zensurwillen der damaligen Zeit dokumentiert, der sich nicht nur auf das Entfernen als anstößig empfundener Szenen, sondern auch auf die Entschärfung der Dialoge im Zuge der deutschen Synchronisierung erstreckte.

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„Schwedenfilm“, das klingt auf unerklärliche Weise selbst dann etwas anrüchig, wenn man mit dem Ausdruck nichts anfangen kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete man damit Filmproduktionen aus dem skandinavischen Land, in denen unter anderem ein unverkrampfter Umgang mit dem Körper und der Sexualität gepflegt wurde.
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