3/4

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Eine Filmkritik von Olga Galicka

Ansichten eines verpassten Lebens

Als Sabine (Helene Grass) im Streit den Kaktus absichtlich auf den Boden fallen lässt, ist das nur noch eine leere Geste. Michael (Stephan Szász), ihr Freund, reagiert da schon nicht mehr. Das Problem liegt tiefer als alles, was er je in Worte fassen könnte. Sabine bewegt sich auf die vierzig zu, die besten Jahre scheinen hinter ihr zu liegen. Sie kellnert in einem Hamburger Lokal, dabei wird das Trinkgeld immer weniger. Nun will sie einen neuen Lebensmittelpunkt – ein Kind. Michael hat allerdings schon einen Sohn aus erster Ehe und einen ihn absorbierenden Job dazu. Zu Beginn des Films 3/4 ist Sabine dennoch schwanger und alles scheint perfekt. Das befreundete Paar (Gesa Boysen und Mike Olsowski), das ihre eigene Existenz auf eine befremdliche Art spiegelt, ist etwas neidisch, und für Sabine nimmt das Leben eine neue Wendung. Doch schon bald verliert sie das Kind und Michael das Interesse an einem weiteren Versuch.
Maike Mia Höhne porträtiert in kleinen Miniaturen das Leben eines Paares, bei dem die Partner das Interesse aneinander verloren haben. Geblieben sind bloß unterschiedliche Lebensentwürfe und die Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen. Da überrascht es nicht, dass immer wieder die Frage aufkommt, warum die beiden überhaupt zusammen sind. Es scheint sie nichts beieinander zu halten, außer vielleicht ihrem fortgeschrittenen Alter und der Angst, keinen besseren Partner mehr zu finden. Ab und an gibt es kurze Lichtblicke, kleine Momente der Zärtlichkeit, die zum Schluss immer seltener werden. Sabine will Sex, um wieder schwanger zu werden. Michael fühlt sich benutzt.

Die wackligen Aufnahmen von Sebastian Scholz' Kamera bauen mit jedem Blick durch die Wohnzimmertür eine neue Ebene der Intimität auf. Dabei werden die Bilder mit jedem wortkargen Dialog noch kühler. Eigentlich kann die Geschichte für Sabine kein gutes Ende nehmen, dafür ist ihre vertrackte Ausgangssituation einem nur zu gut bekannt. Und es könnte ärgerlich sein, dass es schon wieder eine Frau ist, die hier finanziell und sozial schlechter gestellt ist als ihr Partner. Dass es schon wieder eine Frau ist, die am kürzeren Hebel sitzt. Selbst der Sex wird Sabine verweigert. Gewissermaßen wird sie in Abschnitten auf ihren Kinderwunsch reduziert. Doch darin liegt das kritische Potenzial von Höhnes Film.

Denn es sind eben Frauen, die in Sabines Alter oft in ähnlichen Situationen verharren. Es ist ein soziales Klischee, dass Eltern jungen Mädchen schon im jüngsten Alter aufbürden – das Mädchen muss einen Mann finden, der ihr Stabilität geben kann, und sich dann so schnell wie möglich an ihn binden. Und das am besten noch in ihren Zwanzigern, solange sie noch schön und interessant ist, denn das ist bei Frauen bloß eine Frage der Zeit. Insofern könnte Höhnes 3/4 auch ein Lehrstück aus Großmutters Kiste sein, würde er nicht schlussendlich zeigen, dass Selbstbestimmung in jedem Alter das wichtigste Gut ist. Anfänglich von selbigen Klischees überwältigt, löst sich Sabine im Verlauf des Films von ihnen und probiert unterschiedliche Modelle des Weiterlebens aus.

Während das befreundete Paar immer mehr den Traum von Sabines Familienleben übernimmt, ihn gewissermaßen kannibalisiert, und ihr Freund sich zunehmend distanziert, macht Sabine weiter. Sie schläft mit ihrem Kickbox-Trainer (Bela B Felsenheimer), um dann ein eigenes Lokal zu eröffnen. Sabine ist eben keine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, wie in Pedro Almodóvars Komödie über verlassene Frauen im fortgeschrittenen Alter. Sie ist ein Mensch auf der Suche nach einer Perspektive. Diese Suche ist so unaufgeregt und zielgerichtet, wie sie in einer solchen Lebenssituation nur sein kann.

Wenn Michael in Pantoffeln und umgebundenem Handtuch recht unbeholfen die Scherben von Sabines Ausbruch aufkehrt, hat man das Gefühl, die komplette Tragik der Beziehung erkannt zu haben. Es sind die kleinen Details, die in Höhnes Film für einen ganzen Lebensabschnitt stehen. Er will nicht am Ende das Gefühl haben, er hätte sein Leben nicht so gelebt wie er das wollte, sagt Michael zu Sabine. Höhne zeigt ein Leben, in dem man sich immer wieder die gleichen Fragen stellt und in den Antworten immer ein Stück des Ungewissen bleibt. Für die einen mag alles klar sein, für die anderen ist noch alles offen.

3/4

Als Sabine (Helene Grass) im Streit den Kaktus absichtlich auf den Boden fallen lässt, ist das nur noch eine leere Geste. Michael (Stephan Szász), ihr Freund, reagiert da schon nicht mehr. Das Problem liegt tiefer als alles, was er je in Worte fassen könnte. Sabine bewegt sich auf die vierzig zu, die besten Jahre scheinen hinter ihr zu liegen. Sie kellnert in einem Hamburger Lokal, dabei wird das Trinkgeld immer weniger.
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