22nd of May

22nd of May

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Trauerarbeit bei den Lebenden und den Toten

Die Stadt ist auf einmal menschenleer, und Sam, gerade der Bombenexplosion entkommen und noch mit Staub bedeckt, läuft und läuft und läuft, bis er irgendwo auf dem Kopfsteinpflaster einer Nebenstraße erschöpft liegenbleibt. Dann taucht eine Frau wie aus dem Nichts auf, und die Suche nach Schuld, Verantwortung und Erlösung beginnt.
In Koen Mortiers 22nd of May / 22 mei suchen die Toten Aufklärung bei einem (vielleicht) Überlebenden. Sam ist Wachmann in einem Einkaufszentrum, in den ersten Szenen des Filmes sieht man seine morgendliche Routine. Noch bevor er das Bett verlässt, zündet er sich eine Zigarette an, und während er sie raucht, zieht er sich an, putzt sich die Zähne, bereitet sein Pausenessen für die Arbeit vor und verlässt die Wohnung. Das ist eine einzige, lange und langsame Passage, mit der Steadycam dicht am schweigenden Hauptdarsteller Sam Louwyck, die seine Figur präziser charakterisiert, als dies der restliche Film tun könnte: Hier ist ein Mann von großer emotionaler Einsamkeit zu sehen.

Das spielt dann später eine Rolle – denn nicht wenige der Toten, mit denen er sich unterhalten wird, werfen ihm vor, den Attentäter vorbeigelassen zu haben, die Anzeichen der Gefahr einfach ignoriert zu haben. Und warum stürzt er nach der Explosion erst hinein, um anschließend doch, ohne wirklich geholfen zu haben, panisch in die Stadt fortzurennen?

Aber da weiß man schon nicht mehr genau, wo die Grenze zwischen der Stadt der Lebenden und jener der Toten verläuft – Sam scheint sich in einer Art Vorhölle zu bewegen, in der die Verstorbenen ihre unerledigten Sorgen und Fragen verhandeln, ihre Verstrickungen und Sünden. Und Sam, mit zerzausten Haaren und Staub überall, hört vor allem zu und kommentiert ein wenig, sucht nach sich selbst darin und nach dem Mann, der die Bombe gebaut hat, und dem "Warum".

Nach und nach entsteht so ein Panorama der Personen, die an diesem Tag im Einkaufszentrum waren – nicht durchweg psychologisch tiefgehende Portraits wohlgemerkt, sondern kurze Blicke von unterschiedlicher Tiefenschärfe. Immer wieder sind sie zu sehen als die einzig noch beweglichen in einer menschenleeren Stadt – oder manchmal als beweglich in einer erstarrten Welt der Lebenden.

Mortier, der mit Ex Drummer zu einiger Bekanntheit gekommen ist, übt sich hier erfolgreich in sehr ruhigen Aufnahmen. Es gibt viele Sequenzen ohne einen einzigen Schnitt, stattdessen immer wieder lange Steadycam-Fahrten (für die Jo Vermaercke verantwortlich zeichnet) und fast unwirkliche Bilder in einer Stadt, der alles farbige Leuchten genommen ist. Dieser Ruhe scheint die Erzählstruktur zunächst zu widersprechen, die zunächst ganz bei Sam ist, dann episodenhaft die verschiedenen Schicksale der Toten einbindet, um schließlich immer mehr, immer kleinteiliger zu brechen, in Rückblicke, Szenenwechsel, Verfolgungsjagden gar.

Das gerät, nach dem ersten Schock über die Vorwürfe, die Sam gemacht werden, rasch zur Meditation über Schuld, Vergebung, Liebe und Versagen – höchst Existenzielles also, auf das 22nd of May aber keine endgültigen Aussagen zu treffen vorgibt. Hier wird nichts kitschig eingekleidet, und dem Ende mit der bereits geschehenen, bereits gesehenen Explosion ist nicht auszuweichen.

Statt simpler Welt- und Glückserklärung bietet Mortier, der auch das Drehbuch verfasst hat, gewissermaßen Trauerarbeit an: über die eigenen Fehler und Schwächen vielleicht, aber vor allem über die Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit des Lebens, in dem Leid unvermeidlich und nicht immer selbst verschuldet ist.

Es geht Mortier hier nicht um eine Auseinandersetzung mit Terrorismus, obgleich das "Warum" eine der Fragen ist, die von den Figuren gestellt wird – die Antwort darauf verweist aber doch wieder auf die Conditio humana und verweigert sich einer Einfügung in den politischen Diskurs über den Terrorismus.

Vielleicht geht 22nd of May in der durch Trauer erreichten Versöhnung sogar ein wenig zu weit: die Wiederholung der Explosion am Schluss – vorher war das eine raue, brachiale Angelegenheit, mit anschließendem Staub, Schreien und sich wälzenden Menschenkörpern – ist ein ästhetisch präsentiertes Ereignis in Zeitlupe. Man sieht die verschiedenen Protagonisten im Moment der Explosion; da sind zwar die Gesichter schmerzverzerrt, und die Vernichtung wird unmittelbar sichtbar, zugleich aber scheint darin etwas Unheimliches durch. Als gebe es so etwas wie eine Rettung aus dem Schrecken, als ließen sich die Ungerechtigkeiten durch Trauer zumindest heilen. Wenn man will, kann man das auch als Provokation verstehen.

22nd of May

Die Stadt ist auf einmal menschenleer, und Sam, gerade der Bombenexplosion entkommen und noch mit Staub bedeckt, läuft und läuft und läuft, bis er irgendwo auf dem Kopfsteinpflaster einer Nebenstraße erschöpft liegenbleibt. Dann taucht eine Frau wie aus dem Nichts auf, und die Suche nach Schuld, Verantwortung und Erlösung beginnt.
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