22 Juli (2018)

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Paul Greengrass’ "22 July" ist nach "Utøya 22. Juli" schon der zweite Film, der sich an dem Attentat auf Kinder und Jugendliche auf der norwegischen Insel abarbeitet. Doch Greengrass bietet hier quasi den kompletten Gegenentwurf zu Poppes vorsichtigem Werk.

22 Juli (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Bühne frei für den Wahnsinn

Paul Greengrass ist bekannt für seine hyperrealistischen Verfilmungen wahrer Ereignisse wie Flug  93 oder Captain Phillips und seine extrem schnell geschnittenen Actionfilme aus der Bourne-Reihe. Mit 22 July hat er jetzt einen auf wahren Ereignissen basierenden Stoff gefunden, der beides in gewisser Weise zusammenkommen lässt: Wie das Datum, das er als Filmnamen gewählt hat, schon als Hinweis trägt, geht es um das Attentat auf Kinder und Jugendliche auf der norwegischen Insel Utøya, bei dem am 22. Juli 2011 66 von ihnen starben.

Damit ist 22 July nach Utøya 22. Juli schon der zweite Film über dieses Attentat, der dieses Jahr erscheint. Doch es gibt zwischen Erik Poppes Film und Greengrass’ Version signifikante Unterschiede. Poppe wurde, als sein Film auf der Berlinale im Wettbewerb lief, von vielen ein Ausschlachten der schrecklichen Ereignisse vorgeworfen. Nun ja, nachdem man Greengrass' Version der Ereignisse hinter sich gebracht hat, hat man fast das Gefühl, man müsste sich bei Poppe entschuldigen. War Poppes Utøya 22. Juli wenigstens so bedacht, dem Attentäter selbst nicht noch einmal eine große Bühne für seinen Größenwahn und seine rechtsradikalen, rassistischen Ideen zu geben und ganz und gar bei den Jugendlichen zu bleiben, wählt Greengrass den absolut reißerischen Ansatz.

Es beginnt und endet mit dem Attentäter (Anders Danielsen Lie) – diese Kritik hat übrigens keine Lust ihn auch nur mit einer Namensnennung erneut zu validieren –, der hier zusammen mit einem männlichen Opfer namens Viljar (Jonas Strand Gravil) in klassischen Gegenmontagen zur Hauptfigur erkoren wird. Beiden schaut man zu bei der Vorbereitung am Vortag. Viljar und sein kleiner Bruder Torje (Isak Bakli Aglen) treffen ihre Freunde und campen auf der Insel. Der Attentäter bereitet unterdessen in aller Ruhe seine Bomben vor, ein Akt, den Greengrass in aller Ausführlichkeit zeigt. Danach folgt natürlich das Zusammentreffen beider Figuren. Eine knappe halbe Stunde lang lässt Greengrass den Attentäter auf der Insel wüten und wechselt dabei immer wieder die Perspektive zwischen beiden Figuren. Im Sinne des Action-Kinos ein cleverer Schachzug, kann er doch so den mordenden Wahnsinn des Täters zeigen und, falls es durch die schreienden, blutenden, panischen Kinder nicht schon klar war, die Angst und das Trauma der Opfer. Viljar und der Attentäter treffen schließlich am Strand aufeinander. Viljar wird fünfmal getroffen, verliert Finger, Sehkraft auf einem Auge und wird den Rest seines Lebens mit Schrapnell im Hirn leben müssen, das ihn jederzeit töten könnte. Der Attentäter bekommt seinen großen Augenblick. Alle Aufmerksamkeit, vor allem die des Films, ist auf ihn gerichtet.

Als nächsten Schritt zieht Greengrass Parallelen zwischen dem langsamen, schmerzlichen Genesungsprozess Viljars und dem Prozess gegen den Attentäter. Hier kommen zwei weitere Figuren hinzu: Geir Lippestad (Jon Øigarden), der Verteidiger des Täters, und Premier Jens Stoltenberg (Ola G. Furuseth). Beide Männer bilden den gesellschaftspolitisch-demokratischen Kern, denn ihr Job ist es, auch in solch einem Fall die demokratischen Grundprinzipen aufrecht zu erhalten. Sie sind das personifizierte Dilemma der Gesellschaft, dessen moralischer Kern auf dem Prüfstand steht. Allerdings bekommen sie nicht viel Platz oder gar Tiefe, um sich um dieses Thema zu kümmern. Greengrass geht es nicht wirklich darum, solche Themen zu erörtern, er sucht nach der Action und den hier leicht evozierbaren Emotionen. Und wirft auf dieser Suche alles über Bord, was man sich als Filmemacher überlegen sollte, wenn es um solch einen Fall geht, noch dazu um einen, der gerade einmal ein paar Jahre her ist und dann noch Kinder betrifft.

Man kann sich grundsätzlich die Frage stellen, ob man solche Ereignisse überhaupt verfilmen sollte. Die Antwort darauf sollte im Sinne der Kunstfreiheit natürlich „ja“ sein. Allerdings ist es dann eben auch eine Frage des „Wie“. Poppe hat sich für Utøya 22. Juli eindeutig lang überlegt, wie die Inszenierung sein soll und sich für einen Weg entschieden, der in Strategie und Wucht an Elephant oder Son of Saul erinnert. Es geht dem Film um die Vermittlung des Augenblicks, ein Eintauchen der Ereignisse im Sinne eines Sich-Hinein-Fühlens. Müsste man 22 July mit anderen Filmen vergleichen, kommen tatsächlich die Bourne-Filme in den Sinn. Gepaart mit gefühlsmanipulativen Dramen, die vor allem in ihrer Machart sehr an die 1990er Jahre erinnern.

Genau diese Melange macht 22 July zu einem effektiven Film in Sachen Action und vor allem Emotionalität. Es macht das Werk gleichzeitig aber auch zu einem geschmacklosen, reißerischen Film, der regelrecht pornografisch mit der Materie umgeht. So sucht die Kamera ständig nach dem moneyshot, einem Bild, das besonders blutig ist oder besonders emotional. Da wird minutenlang auf den schwer verletzten Jungen gehalten, der durch seine abgeschossenen Finger sein Telefon nicht mehr bedienen kann und auch dessen Hirn-OP bekommt eine Nahaufnahme, in der man ihm die Kugelsplitter aus der Hirnrinde puhlt. Nicht minder invasiv ist Greengrass, wenn es um die Familien geht. Auch hier wird die Panik und das Leid gern in Nahaufnahme abgelichtet. Es gibt keine Privatsphäre, keine Gnade für die Trauernden in diesem Film.

Genauso, und das muss man dem Film wirklich ausdrücklich ankreiden, verfährt er mit dem Attentäter. Diesem wird außergewöhnlich viel Raum gegeben, seine toxischen Weltansichten noch einmal zu wiederholen – ein Fakt, der der realen Person garantiert sehr gefallen wird. Egal ob während des Attentats oder im Prozess, alle seine Meinungen und rechtsradikalen Ansichten bekommen eine Plattform und er selbst bleibt, bis auf ein, zwei kurze Momente ein süffisant grinsender Anti-Held, dem traumatisierte Kinder und eine schnöde, dramatisch triefende Rede Viljars vor Gericht entgegengesetzt werden.

Und genau das macht 22 July nicht nur zu einem zynischen, geschmacklosen, sondern vor allem zu einem gefährlichen und dummen Film.

22 Juli (2018)

Am 22. Juli 2011 beging der rechtsradikale Terrorist Anders Behring Breivik zunächst einen Bombenanschlag in Oslo und richtete dann ein Massaker unter Jugendlichen eines Camps der Arbeiterpartei auf der nahegelegenen Insel Utøya. Insgesamt starben 77 Menschen. Paul Greengrass schildert die Ereignisse aus drei unterschiedlichen Perspektiven: Jener der Opfer, der Politiker und der Anwälte bei dem folgenden Prozess.

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