10 Sekunden

10 Sekunden

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auf Kollisionskurs

Zwei weiße Punkte, beide mit einer Kombination aus Buchstaben und Zahlen versehen, die sich langsam und träge auf einem schwarzen Monitor aufeinander zubewegen, umgeben von vielen anderen, sich ebenfalls bewegenden Punkten – so beginnt der Film 10 Sekunden. Dann beginnen die beiden Punkte zu blinken, das Computerprogramm hat einen Kollisionskurs berechnet, doch niemand greift ein, bis aus den beiden Flecken ein einziger wird, um kurz darauf vom Schirm zu verschwinden. Was so harmlos und abstrakt wie eine Simulation aussieht, ist nichts anderes als ein Zusammenstoß zweier Flugzeuge, wie er sich auf dem Schirm des Flugsicherungsdienstes darstellt. Ein Unglück, das auf menschlichem Versagen beruht und das für manche der Beteiligten schwerwiegende Konsequenzen haben wird.
Auch wenn der Vorspann des Films auf den rein fiktionalen Charakter der Geschichte hinweist: Man kommt kaum umhin, bei Nicolai Rohdes Geschichte um einen Fluglotsen und der von ihm verursachten Katastrophe nicht an den Zusammenprall zweier Flugzeuge am Bodensee im Jahre 2002 zu denken, bei der durch das Mitverschulden des Schweizer Flugsicherungsunternehmens „Skyguide“ 71 Menschen ums Leben kamen. Zumal auch im Film der Fluglotse dem Mordanschlag eines Hinterbliebenen zum Opfer fällt. Damit enden allerdings die Gemeinsamkeiten in den beiden Geschichten auch wieder – Nicolai Rohde geht es nicht um die Aufarbeitung des Dramas von Überlingen, sondern vor allem um Zufall und Schicksalhaftigkeit und die Frage, welche Wege Menschen noch bleiben, deren Leben von solch einer Erschütterung heimgesucht wurden.

Rohde und seine beiden Drehbuchautoren exerzieren diese Frage anhand von drei miteinander verwobenen Geschichten durch, die an ähnliche Filme wie L.A. Crash oder 11:14 erinnern: Da ist einerseits der Fluglotse Markus Hofer (Wolfram Koch), dessen zehnsekündige Unaufmerksamkeit die Katastrophe auslöste, und dessen Frau Franziska (Marie Bäumer). Nach einem längeren Urlaubsaufenthalt – man könnte es auch eine Flucht nennen – kehren sie nach Leipzig zurück, wo der Prozess ansteht, der die Schuldfrage klären soll. Die Stimmung ist angespannt, Markus hält der Belastung und den eigenen Gewissensbissen wegen des Todes von 83 Menschen kaum noch stand. Währendessen klammert sich Franziska wie eine Ertrinkende an ihre Affäre mit Clemens (Harald Schrott), den sie heimlich in einem anonymen Hotel trifft – Momente einer Intimität, die in ihrem Leben selten geworden sind. Doch wirklich helfen kann ihr auch Clemens nicht.

Auch Harald Kirchschläger (Sebastian Blomberg) steht unter dem Trauma des Unglücks, bei dem er als Polizist das Grauen an der Absturzstelle hautnah miterlebte. Immer wieder, wenn er an jene Nacht zurückdenkt, bekommt er Beklemmungsgefühle, Atemnot und kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Es ist offensichtlich, dass er unter einem Posttraumatischen Stresssyndrom leidet. Und zuletzt ist da noch der geheimnisvolle und schweigsame Erik Loth (Filip Peeters), der seine Frau und seine Tochter bei dem Unglück verlor. In den Tagen vor dem ersten Jahrestag des Unglücks streift er scheinbar ziellos durch Leipzig und begegnet der jungen Daniela (Hannah Herzsprung). Die Pistole, die er bei sich trägt, lässt ahnen, dass der Verzweifelte auf Rache sinnt. Schließlich führen die Wege von Michael, Harald und Erik zusammen in einer finalen Begegnung, die ähnlich schicksalhaft verläuft wie die abstrakte Annäherung zweier weißer Lichtpunkte auf einem nachtschwarzen Display.

Zweifelsohne ambitioniert ist das Vorhaben von Nicolai Rohde und seinen beiden Co-Autoren, die Folgen einer durch menschliches Versagen ausgelösten Katastrophe filmisch aufzuarbeiten. Kunstvoll arrangieren sie die verschiedenen Erzählstränge auf unterschiedlichen Zeitebenen und weben so einen dichten Teppich, bei dem allerdings so manche Leerstelle umso stärker ins Gewicht fällt. Denn ausgerechnet der Fluglotse Markus, als Verantwortlicher das eigentliche Zentrum der Geschichte, bleibt merkwürdig blass und konturlos, während sich der Film mit großer Ausführlichkeit Franziskas außerehelicher Affäre widmet. Fast scheint es so, als sei Markus bei dem Unglück vor einem Jahr ebenfalls gestorben und wandele nur noch wie ein Geist auf Erden, sein Ende vorausahnend.

Bei einem Mystery-Drama à la The Sixth Sense wäre dies vielleicht eine viel versprechende Konstellation gewesen. In der komplexen Struktur dieses Episodendramas ist dies aber ein grundlegendes Manko, das trotz vieler guter Ideen und einer ansprechenden visuellen Gestaltung nicht mehr aufgefangen werden kann. Als sei sich der Film dieser Leerstelle bewusst, rückt die Filmmusik, die das Episodendrama mit reichlich Klavier und Streichern emotional befeuern soll, immer mehr in den Mittelpunkt und versucht mit aller Macht die fehlenden Stimmungen zu erzeugen. Doch weil zentrale Momente der Geschichte mit einem aufdringlichen Soundteppich zugekleistert werden, während man sich sehnlichst einen Moment der Stille gewünscht hätte, torpediert der Score ein Drama, das über gute Ansätze leider nicht hinauskommt.

10 Sekunden

Zwei weiße Punkte, beide mit einer Kombination aus Buchstaben und Zahlen versehen, die sich langsam und träge auf einem schwarzen Monitor aufeinander zubewegen, umgeben von vielen anderen, sich ebenfalls bewegenden Punkten – so beginnt der Film 10 Sekunden.
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Meinungen
P.S. · 23.09.2008

Ich habe diesen Film gestern in einer Sneak Preview gesehn und ich muss sagen es war der schlechteste film den ich je gesehen habe! Der Film ist völlig ohne fließende Übergänge und sehr sehr schwer zu verfolgen!

Kommentare

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