10 ½

10 ½

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Das wilde Kind

Gerade einmal etwas mehr als zehn Jahre alt ist Tommy und doch ist sein Leben bereits vorgezeichnet. Aus einer kaputten Familie stammend – beide Eltern sind drogenabhängig, die Mutter ist mittlerweile in der Psychiatrie gelandet – ist der Junge komplett verwahrlost und zudem extrem gewalttätig. Das Erziehungsheim „Le Tremplin“ (auf deutsch „das Sprungbrett“), in dem sich ein Team von Erziehern um besonders gewaltbereite Kinder kümmert, scheint der letzte Ausweg oder vielmehr die letzte Chance für den Jungen zu sein. Auch dort setzt sich sein unkontrollierbares und gefährliches Verhalten nahtlos fort, so dass auch die erfahrenen Erzieher kaum noch einen Rat wissen. Ist der Kampf um Tommy wirklich schon verloren?
Schon der Beginn kennzeichnet die Verwahrlosung Tommys mit aller Drastik. Auf dem Fernseher, in den Tommy starrt und den wir in der ersten Szene in einer recht detailgetreuen Nahaufnahme vorgeführt bekommen, ist ein Porno der übleren Sorte zu sehen. Wenig später wird Tommy einen Siebenjährigen dazu zwingen, das Gesehene nachzustellen, was wiederum darin endet, dass er vom älteren Bruder des Opfers übel zusammengeschlagen wird, so dass die ganze Geschichte auffliegt. Bereits dieser Auftakt macht deutlich, dass Tommy bei aller Gewaltbereitschaft niemals nur Täter ist, sondern zugleich auch stets Opfer. Was er an Aggressionen und Demütigungen weitergibt, entspringt einem ganzen Reservoir an Erlebtem, das sich so drängend in seiner Seele angehäuft hat, dass er es wie ein Vulkan nach außen abgeben muss – unkontrolliert, rau und voller destruktiver Energie. Wie die Anfangsepisode und spätere sexuelle Eskapaden des Jungen klarmachen, geht es bei seinen kindlichen Versuchen nicht um Lustgewinn (in Wirklichkeit ist sein Verständnis von Sexualität trotz der Prägung ein eher kindliches), sondern um das stupide Wiederholen von Erlerntem und Gesehenem und dem instinktiven Empfinden, dass dies ein Instrument ist, mit dem man andere demütigen kann, so wie man selbst gedemütigt wurde. Ob Tommy selbst Opfer sexueller Gewalt wurde, lässt der Film offen, eine Andeutung findet sich aber immerhin, die dies nahelegt: Als Tommy während eines Ausbruchs Zuflucht bei einem Freund des Vaters findet, versucht dieser sich ihm zu nähern. Es würde nicht wundern, wenn dies in Tommys jungem Leben nicht das erste Erlenbis dieser Art gewesen wäre. Genaueres erfahren wir aber nicht.

Als Tommy nach seinem Krankenhausaufenthalt von seiner Sozialarbeiterin in das Erziehungsheim gebracht wird, setzt sich der reflexhafte Mechanismus des sofortigen und an keinerlei soziale Normen gebundenen Triebabbaus nahezu unverändert fort, so dass die Erzieher des Heims schnell an ihre Grenzen stoßen. Während einer von ihnen recht unverblümt die Abschiebung Tommys in eine Psychiatrie fordert, stellt sich einzig Gilles (Claude Légault) trotz wiederholter Übergriffe des Jungen schützend vor ihn. Immer wieder versucht er es mit Verständnis, dann wieder mit Strenge und muss doch ein ums andere Mal erkennen, dass in diesem Spiel der Junge es ist, der die Regeln vorgibt, der lockt und täuscht, lügt, Kooperation heuchelt, um im nächsten Moment wieder komplett auszurasten und alles kurz und klein zu schlagen. Erst das Gespräch mit der behandelnden Psychiaterin öffnet Gilles die Augen, wie er den Jungen aus der Spirale seiner Wutanfälle, seiner Fremd- und Selbstaggression befreien kann.

Wenn Tommy am Ende des Films nach einem wiederholten Ausbruch wieder vor der Tür des le Tremplin steht und Einlass fordert, dann können wir uns nicht in der Sicherheit wiegen, dass dieser Junge es schaffen wird. Wir sind lediglich Zeuge eines ersten kleinen Schrittes geworden, den Tommy und Gilles gemeinsam geschafft haben – das Heim ist für den Jungen mit den struppigen Haaren zu einer echten Zuflucht vor einer Welt geworden, die ihm übel mitgespielt hat.

Daniel Grous Film 10 ½, der den Großen Preis des 59. Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg gewann, ist ein harter und intensiver Stoff, der den Fall eines modernen Wolfskindes schildert – Truffaut hatte den Topos in seinem im Jahre 1970 gedrehten Werk Der Wolfsjunge / L’enfant sauvage aus der historischen Perspektive aufgegriffen. Gerade in den letzten Jahren häufen die Fälle seelisch vernachlässigter Kinder gerade in Europa und anderen wohlhabenden Ländern wieder enorm, beinahe im Wochentakt erschüttern Nachrichten von verwahrlosten Kindern die Zeitungen und Fernsehmagazine, um ebenso schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden. Offensichtlich haben wir uns daran gewöhnt, dass unsere Gesellschaft und das zunehmende Auseinanderklaffen von Arm und Reich massenhaft Kinder produziert, die von Anfang an keine Chance haben. Wer 10 ½ gesehen hat, dem wird es in Zukunft nicht mehr so einfach gelingen wegzuschauen. Denn die brennende Intensität und die schmerzhafte Nähe, die den Film auszeichnen, wird man ebenso wenig vergessen können wie die leeren Augen Tommys und seine markerschütternden Schreie.

Abgesehen von seltenen Rückblenden, die Tommys Vorgeschichte eher am Rande streifen und viele Fragen offenlassen, bleibt der Film fast die ganze Zeit über dicht bei dem Jungen und seinem Erzieher Gilles, so dass der plötzliche Perspektivewechsel zum Vater des Jungen und ein Telefongespräch Tommys mit seiner Mutter eher wie nachgeschobene Erläuterungen der sozialen Umstände wirken, die möglichrweise bereits früher oder in anderer Form hätten erfolgen müssen, um nicht wie Fremdkörper in diesem ansonsten sehr geschlossenen und konsequent erzählten Sozialdrama zu wirken. Doch selbst diese Brüche fallen angesichts des darstellerischen Kraftakts von Robert Naylor und Claude Légault kaum ins Gewicht.

Ob der Film auch in Deutschland in die Kinos kommen wird, steht bislang noch nicht fest – obwohl die Chancen durch den Gewinn des Hauptpreises von Mannheim-Heidelberg ein klein wenig gestiegen sein dürften. Verdient ist der Preis ohne Zweifel. Denn mit wem man während des Festivals auch gesprochen hat – dass 10 ½ zu den absoluten Favoriten zählen würde, zeichnete sich schnell ab. Es wäre schön, wenn sich der Film auch außerhalb eines Festivals bewähren könnte – eben weil er zum Hinschauen zwingt. Und genau das ist im Falle verwahrloster Kinder auch bitter nötig.

10 ½

Gerade einmal etwas mehr als zehn Jahre alt ist Tommy (Robert Naylor) und doch ist sein Leben bereits vorgezeichnet. Aus einer kaputten Familie stammend – beide Eltern sind drogenabhängig, die Mutter ist mittlerweile in der Psychiatrie gelandet – ist der Junge komplett verwahrlost und zudem extrem gewalttätig.
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