Young@Heart

Young@Heart

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Nie zu alt für Rock’n’Roll

„Jetzt ist er zu alt für Rock ’n’ Roll und zu jung zum Sterben“, sang einst die Band Jethro Tull. Der Spruch hat sich überholt. Heute ist niemand zu alt für Rock’n’Roll. Das beweist Stephen Walkers großartige, ebenso berührende wie humorvolle Dokumentation über einen Chor von 73- bis 92-Jährigen.
Der Kontrast zwischen dem, was wir hören, und dem was wir sehen, könnte nicht größer sein: harte Rhythmen, krachende Gitarren, ein Schrei wie aus der Kehle von Janis Joplin. Und dann die Sängerin: Eileen Hall ist 92, ganz ruhig steht sie am Mikro, bewegt sich kaum. Aber der Sprechgesang kommt lustig rüber, das Publikum tobt.

Es ist allein schon dieser Gegensatz, der den ganzen Film tragen könnte. Doch Young@Heart ist mehr als der Spaß daran, dass 26 Frauen und Männer, die zum Teil kaum laufen können oder mit einem Sauerstoffschlauch in der Nase auf die Bühne kommen, wilde Punk-Kracher zum Besten geben. Der Dokumentarfilm lässt solche Oberflächenreize weit hinter sich. Er tut etwas Unspektakuläres, das umso herzergreifender ist. Er nimmt den Zuschauer mit zu diesen Menschen und lässt ihn teilhaben an ihrer erstaunlichen Gelassenheit und ihrer überwältigenden Lebensfreude.

Der Young@Heart-Chor aus Northampton im US-Staat Massachusetts, der inzwischen 1.000 Leute ins Konzert lockt und auch schon durch Europa getourt ist, war ursprünglich ein Chor wie viele andere. Alles begann, als Chorleiter Bob Cilman einen Job im Seniorentreff annahm. Anfangs sang man Lieder, die die Senioren aus ihrer Jugend kannten, also Schlager aus den Zwanziger Jahren. Aber irgendwann schlug eine Seniorin einen Song der Manfred Mann’s Earthband vor. Da erwachten die Experimentierfreude der Alten und der Ehrgeiz des jüngeren, inzwischen aber auch 53 Jahre alten Chorleiters.

Wie die Lieder erarbeitet werden, welcher Spaß und welche Krisen dahinter stehen, das zeigt uns der Film anhand eines einfachen, spannenden Aufbaus. Der Dreh beginnt sieben Wochen vor einem großen Auftritt in der Heimatstadt des Chors. Wir sehen die ungeschminkte Realität der Probenarbeit, aufgelockert von ein paar extra für den Film produzierten Musikvideos. Zu welchen Konflikten und Zerreißproben es dabei kommt, zeigt gleich der erste Tag. Chorleiter Bob hat ein paar neue Lieder mitgebracht. Er weiß, dass die Alten entsetzt sein werden über den Punk-Titel „Schizophrenia“. Tatsächlich, die Gesichter der Alten sprechen Bände, einige halten sich die Ohren zu. Ob sie es schaffen werden, diesen Titel auf die Bühne zu bringen, erscheint ziemlich fraglich.

Kein Wunder, denn eigentlich hören viele von ihnen am liebsten Klassik und Opern. Sie sind keine überzeugten Rock-, Pop- oder Punkfans, keine ausgeflippten Althippies, die einen auf Berufsjugendlichen machen. Eileen, die „Janis“ vom Anfang, glaubt, dass ihr Lied von „The Crash“ sei statt von „The Clash“. Aber die erfahrenen Chorsängerinnen und -sänger lieben die Herausforderung, die Cilman ihnen abverlangt. Hier geht es nicht um Senioren-Wellness, um Beschäftigungstherapie, um grottenfalsches Gekrächze zur Untermalung des Kaffeekränzchens. Hier geht es um den Ernstfall, um richtig gute Musik, um Cover-Versionen mit einer Eigenständigkeit, die tief aus dem Herzen dieser Generation kommt. Jeder Ton muss sitzen, sonst verliert Cilman schon mal die Nerven. Die Alten nehmen ihm das nicht übel, auch wenn es hart ist, so ausgeschimpft zu werden. Denn sie spüren seinen heiligen Ehrgeiz. Und dass er sie zu etwas antreibt, was ihr Leben geworden ist, fast genauso wichtig wie ihre Familie.

Der Name des Chors ist natürlich Programm. Aber jung im Herzen sind diese Senioren nicht nur, weil sie „junge“ Musik singen. Jung sind sie vor allem, weil sie etwas gefunden haben, das ihnen wichtig ist, das sie lebendig hält, das sie ihre Schmerzen und Krankheiten komplett vergessen lässt. Wer also jenseits der Pensionsgrenze jung bleiben will, sollte diesen Film auf keinen Fall verpassen. Denn der Rock’n’Roll schickt niemanden aufs Altenteil.

Young@Heart

„Jetzt ist er zu alt für Rock ’n’ Roll und zu jung zum Sterben“, sang einst die Band Jethro Tull. Der Spruch hat sich überholt. Heute ist niemand zu alt für Rock’n’Roll.
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Meinungen
Angelika Jennewein · 16.05.2009

Habe den Film soeben im Fernsehen (BR) gesehen. Ich selbst bin
54 Jahre alt, dieser Film macht Hoffnung auf einen erfüllten
Lebensabend. Offensichtlich ist es möglich auch mit kleineren
und größeren Gebrechen, wenn man nur nicht aufgibt. Toll!!!

Simone · 19.10.2008

Ein wunderbarer, warmherziger Film, der alt und jung bewegen kann. Den sollte man sich nicht entgehen lassen!

cinderalla · 16.10.2008

dieser film ist echt der wahrnsinn
muss ich jedem empfelen

· 14.10.2008

DEr film ist absolut der hamma

· 05.10.2008

Sehr berührend und unbedingt empfehlenswert.

· 02.10.2008

Grossartig dieser Film,
dieser Chor und die Musik !
Allen zu empfehlen von
6 - 106 Jahren :)
Lo

Schtina · 29.09.2008

Habe die Dokumentation bereits in der UK gesehen und war sehr gerührt. Kann diesen Film jedem ans Herz legen. Wunderbar, so möchte man selbst im Alter sein!

Kommentare

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