Wir drehen keinen Film (2017)

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Ein Waschlappen mit Egoneurose lässt sein Leben filmen, um zu erkennen, was falsch läuft: Konsequent in subjektiver Kameraperspektive inszeniert entfaltet sich eine Reihe eskalierender Situationen…

Wir drehen keinen Film (2017)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Neurotiker auf Egotrip

Kurt (Michael Ransburg) ist unzufrieden mit seinem Leben. Warum nur, warum? Um das herauszufinden, um sich selbst zu finden, heuert er eine Kamerafrau an (Stimme: Ulla Geiger). Die soll ihn filmen, soll ihm seine eigene private Trumanshow bieten, so dass er sich selbst betrachten und seine Situation analysieren kann. Eine doofe Idee, das ist jedem sofort klar. Jedem außer Kurt. Der besteht darauf: „Wir drehen keinen Film!“ – macht aber genau das. Weil er nicht sehen kann, was mit ihm und um ihn herum vorgeht. Er ist Off-Theater-Schauspieler, hat kein Geld, aber einen Nebenjob in einer Damenboutique – für die Kamerafrau, stets nur „Frau KF“ genannt, bedeutet das lediglich Minimalbezahlung, aber gut. Ist ja ein interessantes Projekt. Wenn auch kein Film. Oder doch?

Schön ist, wie die Kamerafrau immer wieder eingreift: Ach, das ist ja jetzt eine schöne Szene, wenn Kurt und seine Freundin mit dem süßen Hund auf dem Sofa platziert sind! Nur, dass die beiden gar nicht zusammen sind. Alles rein platonisch, deshalb funktioniert die Freundschaft so wunderbar, schwärmt Kurt. Und merkt nicht, was seine Leni (Stefanie von Poser) sich so denkt dazu… Das ist das Muster in Kurts Leben: Er sieht sich selbst an und erkennt nichts, er sieht die anderen an und merkt nichts.

Das Problem des Films ist, dass sein Thema recht unsubtil angesprochen wird. „Du hast Näheängste!“, wirft ihm die Schauspiel-Kollegin vor nach einer heißen Nacht: Man muss aber auch gesehen haben, wie er mufflig vor seinem Kaffee hockt in der engen Küche und sie nicht mal ansieht. Dass sie einen Kaffee bekommt, liegt nur an der Fürsprache von Frau KF… Kurz: Kurt ist ein Arsch, aber dafür charmant, mitunter zumindest. Wenn er will. Oder besser: Wenn er kriegt, was er will. Wenn ihm keiner zu nahetritt. Wenn ihn keiner nervt mit irgendwas, was nichts mit ihm zu tun hat.

Die Thematik zieht sich durch, ist evident in Kurts Verhalten, wird explizit angesprochen, und sie wird gespiegelt in dem Stück, das Kurt probt: Im „Sommernachtstraum“ spielt er den Demetrius, der so genervt ist, weil Helena durch Liebestrank unendlich in ihn verknallt ist… Man sieht den anderen nicht in dessen Bedürfnissen, man erkennt einander nicht, deshalb sei man stets unschuldig schuldig, erläutert die Theaterregisseurin das Stück, das trifft natürlich und in besonderem Maße auf Kurt zu. Der fürs Selbstfindungsprojekt eine Kamera braucht, die ihn beobachtet, damit er später sehen kann, wie sie ihn beobachtet. Der darauf besteht, dass andere auf seine Gefühle Rücksicht nehmen, und nicht merkt, wie er Begegnungen immer wieder eskalieren lässt.

Das macht den Reiz des Films aus: Die einzelnen Szenen, in denen Kurt sich mit seiner Umwelt anlegt – niemals in überzogener Weise, niemals too much, immer in der Alltagsrealität verwurzelt. Aber dafür in extremem Maße. Beim Jobben in der Boutique drängt er der Kundin ein knallrotes Kleid auf, dann einen lilanen Wuschelschal – nicht, weil sie es will, sondern weil er sich das so ausgedacht hat. Für die Kamera befragt er sie nach ihren Ideen von Liebe und Nähe und wird zurecht gefeuert. Seinen Freund Johnny versucht er zu überreden, ebenfalls Schauspieler zu werden, merkt nicht, wie der in seinem Leben glücklich ist. Kurt zerfällt förmlich, als Johnny und seine Freundin ihre Verlobung bekannt geben: Was für eine Schwachsinnsidee – ein Gedanke, der denn auch konsequent zum amüsanten Eklat im Brautmodengeschäft führt. Und andersrum lernt Kurt eine weltreisende Französin kennen, oh, sie ist so frei wie er – er verliebt sich. Und treibt sich in den Nervenzusammenbruch, als sie auf ihrer Freiheit besteht…

Sehen und nicht sehen, das ist die Frage bei Kurt, und Ulla Geiger formuliert sie filmisch aus. Es ist dies ihr Debütfilm – mit Mitte 60 hat sich die 1951 geborene Geiger daran gemacht, mal selbst einen Film zu drehen, ganz unabhängig, nach vielen Jahren als Darstellerin und als Helferlein hinter den Kulissen. Es ist ein kleiner Film geworden, im besten Sinn, konzentriert und geradlinig. Vielleicht fehlen ein paar weitergehende Ideen, vielleicht formuliert Geiger ihr Thema zu penetrant aus. Amüsant ist das ganze trotzdem, dafür, dass es ja eigentlich gar keinen Film gibt.

Wir drehen keinen Film (2017)

Kurt, ein Off-Theater-Schauspieler, mietet sich eine Kamerafrau, die seinen Alltag filmen soll. Von den Videos erhofft er sich Aufklärung über seine Probleme mit Frauen und anderen Mitmenschen.

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Meinungen
ulf · 12.03.2020

tolle Unterhaltung mit Tiefgang - lakonisch at it's best! Zum Knuddeln - den süüüüßen Hund bis zum Haareraufen… must see!

ufo · 25.02.2020

konnte den Film schon auf einem Festival sehen - ein toller, lakonisch unterhaltender Film mit einigem Gesprächsstoff!

Kommentare

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