Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR (2019)

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In der DDR waren lesbische Frauen geduldet, wenn sie sich unauffällig verhielten. Die sozialistische Gesellschaft hatte aber für sie im Grunde keinen Platz. Viele queere Mädchen und Frauen sahen gar keine Alternative zur Ehe mit einem Mann. Sechs Frauen erzählen, wie sie ihre Isolation durchbrachen.

Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Die lesbischen Stiefkinder der DDR

Pat weiß noch, in welchem Rostocker Park sich zu DDR-Zeiten die Schwulen trafen. Gefragt, wo sich denn die Lesben trafen, antwortet Pat lachend nur, dass sie das seinerzeit auch gerne gewusst hätte. Was Pat mit den anderen fünf lesbischen Frauen gemeinsam hat, die Barbara Wallbraun in ihrem Dokumentarfilm porträtiert, ist eine DDR-Biografie. Und das bedeutet, dass diese Frauen mit ihrem Queer-Sein lange, vor allem in jungen Jahren, ziemlich isoliert waren. Jede von ihnen hat eine ganz persönliche Selbstbefreiung durchgemacht und daher Spannendes zu erzählen.

Strafbar war Homosexualität in der DDR schon seit 1968 nicht mehr, was aber keineswegs hieß, dass der Staat diese Abweichung von der sozialistischen Normbiografie mit den aus Vater, Mutter, Kind bestehenden Kleinfamilien wirklich akzeptierte. Wer sozusagen vom anderen Ufer war, hängte das nicht an die große Glocke. Manche der Frauen, die Wallbraun interviewt, wussten in der Pubertät überhaupt nicht, dass es lesbische Liebe gab. Gisela aus Sachsen-Anhalt wurde Lehrerin, heiratete, bekam 1968 einen Sohn. „Ich hab auch nichts vermisst“ erinnert sie sich. Sechs Jahre später verliebte sie sich in Sabine und reichte die Scheidung ein. Sabine zog bei ihr und ihrem Sohn ein. Die Frauen bauten sich später ihr eigenes Haus und sind immer noch glücklich zusammen.

Christiane, die sich in Ostberlin später in der queeren Szene engagierte – obwohl offene Treffs und gemeinsame Aktivitäten als „Zusammenrottungen“ verboten waren – war gar zweimal und über einen langen Zeitraum mit Männern liiert. Als sie bereits eine Tochter hatte, fragte sie eines Tages ihren schwulen Bruder, wo man denn queere Leute kennenlernen könne. Die erste Liebe, der erste Kuss, das erste Mal sind für manche dieser Frauen mit hochdramatischen Erinnerungen verbunden. Elke aus Sachsen-Anhalt stockt wieder der Atem, wenn sie von den ersten Zärtlichkeiten mit einer Frau erzählt, in die sie sich als Studentin verliebte. Diese Liebe nahm ein tragisches Ende. Die beiden Frauen wollten sich sogar ihren Kinderwunsch erfüllen, bezahlten für diese Kühnheit aber einen hohen Preis.

Carola aus Dresden wollte als Jugendliche nur fort aus ihrem schrecklich lieblosen Elternhaus. Sie ging auf ein dörfliches Internat, arbeitete in der Landwirtschaft und verliebte sich mit knapp 17 Jahren in eine junge Frau aus dem Nachbardorf. Carolas Eltern zeigten die Frau an, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde und auf dem Dorf als „Kinderschänderin“ erledigt war. Pat arbeitete als junge Frau auf einem Jugendwerkhof, wo gefährdete Jugendliche resozialisiert wurden. Dort sagte ihr eine 17-Jährige eines Tages auf den Kopf zu, dass sie doch Frauen liebe. Noch heute schwärmt Pat von dieser Liebesbeziehung, die von der Internatsleitung jäh zerstört wurde. Pat landete ebenfalls vor Gericht, bekam eine Bewährungsstrafe, auf die der Ausschluss aus der Partei folgte. Mit ihrer erwachsenen Tochter besichtigt Pat im Film ihre ehemalige Wohnung in jenem Heim und macht ihrer Wut auf die damaligen Interventionen von Internat und Staat mit einem Befreiungsschrei Luft.

Die Dokumentarfilmerin begleitet auch weitere Frauen an wichtige Orte aus ihrer Vergangenheit. Carola ging in den 1980er Jahren nach Ostberlin und staunte, dass es dort eine lebhafte queere Szene gab. Die lesbischen Frauen bekamen in der Gemeinde der evangelischen Gethsemanekirche Räume, um sich zu treffen. Sie erinnert sich, dass die Frauen nicht nur unter sich bleiben, sondern auch mit der aufkommenden politischen Opposition zusammenarbeiten wollten.

Auf den Fotos, die im Film auf schwarzem Grund, wie in einem Album, gezeigt und mit weißen Zeichnungen und Animationen verziert werden, sind die Frauen in jungen Jahren abgebildet. Viele fröhliche Gruppenaufnahmen befinden sich darunter, beispielsweise von Christiane und ihren Freunden und Freundinnen in ausgelassener Feierlaune. In den 1980er Jahren gehörten die queeren Communities wie die Punks zu den Rebellen gegen das Establishment, die sich nicht mehr einfach dem sozialistischen Kulturmodell fügen wollten. Auch daran erinnert der Film, wenn er dieses noch wenig bekannte Kapitel aus der DDR-Geschichte aufblättert. Ähnlich wie der Dokumentarfilm Schönheit und Vergänglichkeit von Annekatrin Hendel über den Fotografen Sven Marquardt und seine Künstlerfreunde im Ostberlin der 1980er Jahre wird auch hier dem Klischee widersprochen, dass es in der DDR keine aktiven und rebellischen Subkulturen gab.

Die stets fröhliche Christiane hat mit der Stasi bittere Erfahrungen gemacht. Weil sie in der queeren Szene so aktiv war, ihre Wohnung als Treffpunkt diente und sie auch Leuten Unterschlupf bot, die vor der Ausreise standen oder Berlin-Verbot hatten, wurde sie oft zu Verhören mitgenommen. Einmal musste sie bei einer gespenstischen Autofahrt mit Stasimännern sogar damit rechnen, umgebracht zu werden.

Keine dieser Frauen hat sich brechen lassen. Sie blicken nicht ohne Stolz auf ihre Vergangenheit zurück und den Weg, den sie sich selbst in einer unfreien Gesellschaft gebahnt haben. Barbara Wallbraun ist ein wichtiges, aus persönlichen Geschichten gestricktes Zeitdokument gelungen, das leicht und unterhaltsam von zum Teil schweren Erfahrungen, aber auch von Mut und Eigenwillen erzählt.

Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR (2019)

Wie lebte es sich als lesbische Frau in der DDR?? „Uferfrauen“ begleitet sechs Protagonistinnen, die in Groß- und Kleinstädten in Nord und Süd der ehemals sozialistischen Republik lebten und jede Menge zu erzählen haben. Die Frauen lassen das Publikum an ihrem damaligen Lebensalltag teilhaben, an ihrem Kampf um Selbstbestimmung, der ersten Liebe, unkonventioneller Familienplanung sowie Konflikten mit der SED und dem Gesetz. (Quelle: Produktion)

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